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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Formel 1 Schöne neue Kunstwelt

 ·  Schon Wochen vor der Formel-1-Premiere in Austin (Sonntag, 20 Uhr) hat sich Sebastian Vettel im Simulator auf den Kurs vorbereitet, auf dem er um seinen dritten WM-Titel fährt. Sein Rivale Fernando Alonso versucht es derweil mit psychologischen Tricks.

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© dapd Ein kurviges texanisches Band: Die neue Formel-1-Strecke in Austin in der Realität

Nichts soll die Routine brechen an diesem Wochenende, schon gar nicht der Gedanke an den ganz großen Coup. Sebastian Vettel (Red Bull) schweigt, wenn er auf das Rennen in Austin im amerikanischen Bundesstaat Texas an diesem Sonntag (Start: 20 Uhr, MEZ, live im FAZ-Liveticker) angesprochen und daran erinnert wird, dass er bald zum dritten Mal nacheinander Weltmeister in der Formel 1 sein könnte. Noch so eine Marke von sporthistorischer Bedeutung, noch so eine Bestmarke, die er mit gerade einmal 25 Jahren erreichen könnte. „Es ist schwer, jetzt schon die richtigen Worte dafür zu finden, was das bedeuten könnte“, sagt er.

Das Hier und Jetzt - seit Vettel vor fünf Jahren in Indianapolis die große Bühne des Motorsports betreten hat, will er sich nur mit Dingen beschäftigen, die er beeinflussen kann. Also ist er am Donnerstag über den Circuit of the Americas gegangen und hat sich noch einmal all die Besonderheiten eingeprägt, in den Trainingssitzungen am Freitag hat er dann in seinem Boliden nach der besten Linie gesucht. Dabei kannte er den Kurs längst, denn der Titelkampf in dieser Saison könnte zum Teil in der virtuellen Welt entschieden werden.

Per Mausklick den Frontflügel wechseln

Beinahe 70 Prozent der Entwicklungsarbeit in der Formel 1 stammen heute aus dem Labor. Längst steht in jeder Rennwagenfabrik der Top-Teams ein Simulator. Einen zweistelligen Millionenbetrag hat Red Bull in seine Anlage in Milton Keynes (England) investiert, mehrere Jahre haben Spezialisten allein an der Software gearbeitet. Das Ergebnis gilt als beste und modernste Anlage der Branche. Schon Wochen vor der Premiere in Austin ist Vettel in dieser Kunstwelt über den neuen Kurs gerast - in einem echten Chassis und einem echten Cockpit. Drei Projektoren werfen die Strecke vor ihm auf eine 180-Grand-Leinwand, die Hydraulik im Simulator lässt ihn selbst die kleinste Bodenwelle spüren, der Motorenlärm kommt von der Sounddatei, und wenn per Mausklick der Frontflügel gewechselt wird, dann merkt Vettel sofort einen Unterschied im Fahrverhalten seines Rennwagens. Es sind die nahezu perfekten Laborbedingungen.

Vor drei Jahren ist die Formel 1 erstmals in Südkorea gefahren, im vergangenen Jahr kam Indien hinzu, in diesem Jahr Austin. Und doch erleben die Fahrer wenig Überraschendes, wenn sie Gas geben auf einem neuen Kurs, denn einen Großteil der Arbeit haben die Experten im Team da längst gemacht. Mit Lasern wurde die Strecke in Texas detailgetreu vermessen, das Höhenprofil untersucht, auch Asphaltproben wurden genommen. Selbst die Tribünen sind in der virtuellen Welt zu sehen, sie können den Fahrern einen Anhaltspunkt für den richtigen Bremspunkt liefern. Noch bevor der erste Techniker in die Vereinigten Staaten flog, hatten die Ingenieure schon an der richtigen Abstimmung der Boliden für Qualifying und Rennen gearbeitet und verschiedene Szenarien für den Grand Prix durchgespielt. Schöne neue Welt? Nicht für jeden. Fernando Alonso (Ferrari) weiß genau, dass sein Rennwagen dem des WM-Führenden Vettel seit Monaten technisch unterlegen ist, und auch die Rennwagenfabrik in Maranello entspricht wohl nicht ganz dem Red-Bull-Standard.

„Maximale Konzentration, maximaler Einsatz“

Die womöglich einzige Chance auf den Titel in diesem Jahr liegt für Alonso deshalb auf einer anderen Ebene - auf der psychologischen. „Das Spielchen haben wir schon die ganze Saison“, sagt Vettel. „Für uns ist wichtig, dass wir nicht zu sehr darauf hören, was neben der Strecke passiert.“ Mit Vehemenz versucht der Spanier, seinen Gegner zu verunsichern, ihn in einen Fehler zu treiben. Immer wieder vergleicht sich Alonso zudem mit einem Samurai, der nicht aufgibt, ehe der letzte Kampf beendet ist. Vor dem Grand Prix in den Vereinigten Staaten fordert er: „Maximale Konzentration, maximaler Einsatz von jedem im Team - bis zum Ende.“ Das böse Ende könnte für ihn jedoch schon nach dem Grand Prix in Austin kommen (siehe Kasten). Hoffnung machen ihm und Ferrari ausgerechnet die Fehler, die es selbst in einem nahezu perfekten System gibt: „Es wird bei diesem Rennen sicher Aspekte geben, die niemand in Gänze simuliert hat“, sagt Nikolas Tombazis, der Chefdesigner der Scuderia.

So ist es weiterhin beinahe unmöglich, den Verschleiß der Reifen exakt vorauszuberechnen. Die größte Unbekannte aber bleibt der Mensch. Macht er einen Fehler, sind all die im Simulator gewonnenen Informationen wertlos. Kommt es unmittelbar nach dem Start zu einem Unfall, könnten all die Pläne und Träume beendet sein, ehe das Rennen richtig Fahrt aufgenommen hat. „Es ist eine lange Saison, das darf man nicht vergessen“, sagt Vettel. 18 Rennen seit dem Saisonauftakt Mitte März in Australien, Vollgas-Spektakel auf vier Kontinenten und dazwischen nur eine kurze Sommerpause in den Fabriken. „Umso wichtiger wird es sein, auch in den letzten beiden Rennen die kleinen Dinge nicht außer Acht zu lassen. Wir müssen uns auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren.“

Am Ende ist die Weltmeisterschaft in diesem Jahr sowieso ganz einfach - allen Berechnungen, Kalkulationen, Simulationen und Prognosen zum Trotz. „Man muss kein Genie sein, um zu wissen, was passieren kann“, sagt Vettel. „Wenn ich zweimal vor Fernando ins Ziel komme, dann hat sich das alles selbst erklärt.“ Und Vettel würde plötzlich auf einer Stufe mit Juan Manuel Fangio und Michel Schumacher stehen. Nur diese beiden Piloten schafften es bisher in der Geschichte der Formel 1, in drei aufeinander folgenden Jahren Weltmeister zu werden. Was ihm das bedeute? Vettel gefällt diese Frage nicht: „Darüber können wir reden, wenn es so weit ist.“

Vettels Chancen

Vor dem Grand Prix in den Vereinigten Staaten an diesem Sonntag (Start: 20 Uhr, MEZ) trennen Sebastian Vettel und Fernando Alonso in der Gesamtwertung lediglich zehn Punkte (255:245), und trotzdem kann die WM-Entscheidung schon an diesem Wochenende fallen. Sollte Vettel das Rennen gewinnen (25 Punkte) und Alonso maximal Fünfter (10) werden, hätte der Deutsche den Titel gewonnen.

Wenn er Zweiter (18) wird und der Spanier maximal Neunter (2), wäre Vettel der große Triumph ebenfalls nicht mehr zu nehmen. Selbst ein dritter Platz (15) könnte Vettel reichen, dann darf Alonso allerdings nicht unter die ersten Zehn kommen. Bei allen anderen Konstellationen würde es zu einem Showdown beim Saisonfinale in Brasilien in der kommenden Woche kommen. (witt.)

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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