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Formel-1-Saisonfinale Alonso und die Hoffnung auf Regen

 ·  Vettel fährt im Qualifikationstraining auf Startplatz vier. Im Rennen möchte er mit einem kalkulierbaren Risiko angreifen. Sein Kontrahent um den Weltmeistertitel, Alonso, profitiert von der Dusseligkeit Maldonados - und hofft auf die Laune der Natur.

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© dapd Vergrößern Vorteile im Regen: Fernando Alonso hofft für das Rennen auf Wolkengüsse

Mittendrin und doch vorn dabei. Das ist die Erkenntnis des letzten Qualifikationstrainings aus der Sicht von Sebastian Vettel. Als Vierter der Startaufstellung hat er zwar vor dem entscheidenden und letzten Rennen der Formel-1-Saison am Sonntag in São Paulo (17 Uhr MEZ / LIve im FAZ.NET-Ticker) die McLaren-Fraktion mit Lewis Hamilton (6. Pole-Position der Saison) und Jenson Button vor sich. Der Dritte in diesem Bund der Schnellsten vom Samstag aber ist sein Teamkollegen Mark Webber. So schwer es dem Australier auch fallen würde. Zur Not müsste er dem Heppenheim weichen. Seit der Saison 2011 ist eine Teamorder erlaubt.

Aber wird das im WM-Kampf überhaupt nötig sein? Vettel  könnte die beiden McLaren getrost ziehen lassen. Die Landsleute von seinem Teamchef Christian Horner sind sogar eine gute Versicherung für den Deutschen auf seinem Weg zum dritten WM-Titel in Serie. Denn wie will Fernando Alonso, der einzig verbliebene Rivale, vom siebten Rang aus bis nach vorne stürmen, vorbei an Groß- und Weltmeistern wie Vettel, Webber, Button und Hamilton in schnelleren Autos? Der Spanier muss gewinnen, falls Vettel Vierter wird, er muss gegenüber dem Heppenheimer um 14 Punkte besser abschneiden im 20. Grand Prix der Saison. Sonst reicht es nicht zum dritten Titel.

Dusseligkeit Pastor Maldonados

Ferrari wird nichts unversucht lassen. Dabei kam der Scuderia die Dusseligkeit Pastor Maldonados zugute. Wäre der Williams-Pilot  einer Aufforderung zum Wiegen des Autos nachgekommen, dann  hätte er seinen sechsten Startplatz behalten dürfen. Wegen seiner fortgesetzten Verfehlungen muss sich der Venezolaner aber zehn Plätze weiter hinten einreihen.

Diese Nachricht erreichte Ferrari während  der Taktik-Besprechung. Schon sah das Bild, Alonso hatte sieben Kollegen den Vortritt lassen müssen, etwas freundlicher aus. Was, wenn nun auch noch Felipe Massa seine fünften Rang aufgeben würde zu Gunsten seines Vorfahrers im eigenen Stall?  Vor einer Woche in Austin hatten Ferrari-Mechaniker auf Geheiß der Teamleitung das Siegel am Getriebe des Massa-Ferraris gebrochen. Das wertete der Internationale Automobil-Verband, wie von der Scuderia gewünscht, als Wechsel der Schalteinheit und stufte den Brasilianer um fünf Plätze in der Startaufstellung zurück. Alonso rückte unter anderem deshalb auf die bessere, weil griffigere Startseite. Auf der Strecke blieben Massa und der Geist des Gesetzes.

Diesmal aber wäre so ein  Winkelzug töricht. Alonso steht als Siebter schon auf der besseren Seite. Und Massa bäumte sich schon vor allen Gedankenspielen auf: „Das werde ich nicht zulassen. Selbst wenn es kaputt ist, fahre ich mit dem kaputten Getriebe“, sagte er dem Fernsehsender RTL. Diesmal, in der Heimat des Brasilianers, wird nichts gebrochen. Denn es gibt elegantere Varianten, Vettel Druck zu machen. Erstens mit Massa als Alonso-Gehilfen. Und zweitens mit gütiger Mithilfe von ganz oben:  „Wenn es hier nass ist“, erzählte der Paulista, „kann das Rennen einen verrückten Verlauf nehmen.“

Es war nass zu Beginn des Start-Platzrennens. Da sah man die 750 PS starken Renner schleudern und schlingern beim Anbremsen und Beschleunigen. Aber zum Test, ob Ferrari mit Alonso am Steuer im Regen immer noch nicht zu schlagen ist, kam es nicht. Als es ernst wurde, war die Ideallinie abgetrocknet. Gute Bedingungen für Red Bull, eigentlich. „Ich war recht zufrieden mit der Runde“, sagte Vettel nach dem ersten kleineren Ärger über die Niederlage gegen den Teamkollegen und gegen McLarens Phalanx. Aber das schlechteste Ergebnis in den letzten sieben Versuchen hatte auch taktische Gründe: „Hier und da“, sagte Vettel, „war ich vielleicht zu schüchtern.“

Warum aber gelang Massa der zweite Erfolg gegen Alonso in 20 Versuchen? Gut 0,2 Sekunden fuhr der Hintermann des Ferrari-Chefpiloten schneller. Weil sich der WM-Kandidat mit Blick auf den angekündigten Platzregen während des Rennens auf ein Vabanquespiel am Sonntag eingelassen hat?  „Nicht so viel“, antwortete Alonso: „Heutzutage ist ein Regensetup gar nicht mehr so möglich in der Formel 1.“ Nicht so viel und gar nicht mehr so möglich: Aber doch möglich. Mit einer weicheren Abstimmung braucht man schon mal ein paar Zehntelchen länger. Im Regen geht es dann um so flotter voran. Abwegig ist diese Taktik nicht. Zumal Alonso und Ferraris Teamleitung vor dem Wochenende höchstpersönlich auf die fast aussichtslose Lage hinwiesen: „Wir haben nichts zu verlieren.“

„Die Devise ist: Angriff, was geht“

Einige Fahrer, die sich unter normalen Bedingungen wenig ausrechnen, trimmten ihre Boliden für eine Überwasserfahrt am Sonntag. Die Toro-Rosso-Piloten zum Beispiel und Timo Glock (Marussia/21.). Ähnlich kalkulierte auch Michael Schumacher, bevor er in seinem allerletzten Qualifikationstraining nur 14. wurde, während Nico Rosberg im Mercedes auf Rang zehn landete: „Happy bin ich natürlich nicht“, sagte der Rekord-Weltmeister. „Weil es nach Regen im Training aussah und am Sonntag auch regnen soll,  sind wir einen Kompromiss eingegangen.“ Im ersten Teil ging das Spiel nicht auf. Nach 68 Pole-Positionen seit Ende August 1991 hatte sich Schumacher den Beginn seines Schlussaktes anders vorgestellt.

Aber vielleicht ist  auf den letzten Touren des Herbstes im Cockpit des enttäuschend langsamen Mercedes auch ein bisschen von dem verloren gegangen, was Schumacher als Abschiedsgruß auf seinen Helm pinseln ließ: „Im Leben geht es um Leidenschaften.“ Vettel braucht diese Inspiration am Samstag nicht: „Es gibt genügend Beispiele, dass man auch vom vierten Platz gewinnen kann“, sagte er, bevor ein väterlicher Ratgeber Helmut Marko, Motorsportdirektor von Red Bull, warnte: „Wir müssen ja auf Alonso schauen und nicht dieses Rennen gewinnen. Die Devise ist: Angriff, was geht. Aber mit einem kalkulierbaren Risiko. Keine Dummheiten.“ Ein Fehler aus Leidenschaft, darauf spekuliert Alonso. Und auf die Laune der Natur: „Ein chaotisches Rennen, Regen wäre hilfreich.“

Formel 1, Grand Prix in Brasilien, Qualifikationstraining:

1. Lewis Hamilton (England) McLaren Mercedes 1:12,458
2. Jenson Button (England) McLaren Mercedes 1:12,513
3. Mark Webber (Australien) Red Bull 1:12,581
4. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull 1:12,760
5. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari 1:12,987
6. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India 1:13,206
7. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari 1:13,253
8. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus 1:13,298
9. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes 1:13,489
10. Paul di Resta (Schottland) Force India 1:14,121
11. Bruno Senna (Brasilien) Williams 1:14,219
12. Sergio Perez (Mexiko) Sauber 1:14,234
13. Michael Schumacher (Kerpen) Mercedes 1:14,334
14. Kamui Kobayashi (Japan) Sauber 1:14,380
15. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso 1:14,574
16. Pastor Maldonado (Venezuela) Williams 1:13,174 + 10 Plätze/Regelverstoß
17. Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso 1:14,619
18. Witali Petrow (Russland) Caterham 1:17,073
19. Heikki Kovalainen (Finnland) Caterham 1:17,086
20. Timo Glock (Wersau) Marussia 1:17,508
21. Charles Pic (Frankreich) Marussia 1:18,104
22. Narain Karthikeyan (Indien) HRT 1:19,576
23. Romain Grosjean (Frankreich) Lotus 1:16,967 + 5 Plätze/Getriebewechsel
24. Pedro de la Rosa (Spanien) HRT 1:19,699

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