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Formel 1 Rund um die Uhr

Die Formel 1 ist in Eile: Wie die Zeit vergeht, spüren sie in dieser Branche wohl am stärksten. Überall Uhren. Im Cockpit, in den Boxen, im Streckenturm, am Kommandostand.

© AP Vergrößern Zeit für Gefühle: Michael Schumacher

Erschöpft war er aus dem Rennwagen geklettert, erhitzt, verschwitzt und derangiert. Sein Overall war klatschnaß, der Kopf hochrot vor Anstrengung wenige Augenblicke nach dem letzten Formel-1-Rennen der Saison 2003. Michael Schumacher hatte es geschafft, hatte sich ins Ziel gerettet, den einen nötigen Punkt gewonnen, den er noch brauchte, um ohne fremde Hilfe zum sechsten Mal Formel-1-Weltmeister werden zu können. Es war ein Kraftakt. Schumacher ist auch nicht mehr der Jüngste. Nächste Woche wird er 35.

Wie die Zeit vergeht, spüren sie in der Formel 1 wohl am stärksten. Überall Uhren. Im Cockpit, in den Boxen, im Streckenturm, am Kommandostand. Ferraris Rennleiter Jean Todt baumelt sogar eine um den Hals, wenn er zur Arbeit an der Boxenmauer Platz nimmt, wo der Rennstall etwa zwanzig Monitore, Datenaufzeichnungsgeräte und noch mehr Zeitzähler installiert hat. Aber sicher ist sicher. In der Formel 1 verläßt man sich am besten auf seine eigene Zeitmessung. Mancher Rennfahrer trägt sogar im Boliden an jedem Handgelenk eine Uhr mit vielen Knöpfen, meistens im Wert eines Kleinwagens. Es sind allesamt luxuriöse Stoppuhren mit einem kleinen Fehler bei aller Raffinesse: Wenn man die eigene Zeit anhalten will, läuft sie trotzdem weiter, bis einem die Stunde schlägt. Im Fahrerlager glauben sie den jeweiligen Kandidaten genau bestimmen zu können. Das macht die relative Dichte von Chronographen pro Kopf. Und so heißt es immer häufiger, Schumachers Zeit sei vorbei. Das behauptet jedenfalls die Jugend. Sie haben ihn gejagt wie nie zuvor. Der Altmeister spürte den heißen Atem von Juan-Pablo Montoya und Kimi Räikkönen, dem um eine Dekade jüngeren Finnen, im Nacken. Vor Jahresfrist trennten Weltmeister und Verfolger Sekunden, nun waren es nur noch Hundertstel. Ist es Zeit, Herr Schumacher?

Warum tut er sich das noch an? Siebzig Rennen hat er gewonnen, sechs Titel - so viele wie niemand vor ihm in der Formel 1. Das verdiente Geld wird er, der sparsame Rheinländer, vorerst nicht ausgeben können. Während der Saison hat er ja keine Zeit dafür. Von März bis November ständig unterwegs, getrieben vom minutiös geplanten Tagesablauf, verfolgt von Nachrichtenjägern und zunehmend von Ratgebern: Soll man nicht aufhören, wenn es am schönsten ist? Auf diese Zeitansage verzichtet Schumacher. Es geht doch nicht nur um den Spaß, die komplizierte Technik zu beherrschen, den anderen um eine Nasenlänge voraus zu sein. Seit wann orientiert sich der Weltmeister an anderen? Er tickt anders. Er schaut wie alle Champions zunächst nur auf die Zeit: Ich muß schneller sein. Siegertypen wie Schumacher sprechen dann gerne vom Kampf gegen die Uhr. Was aber, wenn er sie besiegen würde, die Zeit überholte? Es wäre die Erfüllung einer menschlichen Sehnsucht: das Ende der Vergänglichkeit, ewige Jugend, Unsterblichkeit.

Die Entourage der Formel 1 hat dieses Ziel fest im Blick. Zwar ist der Rennzirkus schon deutlich über fünfzig Jahre alt. Aber an jedem Rennwochenende kommt er wie neu daher, glattgebügelt, faltenlos. Alles glänzt wie am ersten Tag. Selbst die verchromten Radkappen der schweren Trucks im Fahrerlager. Ständig wischt und poliert jemand. Nirgendwo sieht man die Spuren der Zeit. Das geht natürlich nur, weil man ein Austauschprogramm im großen Stil pflegt. Vermeintlich altersschwache Teile werden nach einer strengen Buchführung ersetzt. Motoren, Getriebe, Spoiler, Chassis, Helme, meist aus Vorsicht, lange vor der Zeit. Oder einfach nur aus optischen Gründen. Da muß der Lack noch gar nicht wirklich ab sein, schon wird der Renner geschliffen und wieder neu bepinselt. Man soll sich nur nichts vormachen lassen. Die ganze Diskussion um den Vergleich von Jahreswagen (McLaren-Mercedes) oder Neuwagen (BMW-Williams/Ferrari) war ein Schwindel. Denn nie steigt derselbe Rennfahrer in denselben Rennwagen. Es gibt nur das letzte und das nächste Modell. Nicht selten liegt eine Nacht dazwischen. Schon ist der geliebte Renner von gestern verschlissen und wird abgelegt.

Bei den Menschen der Formel 1 ist das ein bißchen schwieriger. Die Ersatzteilvariante kam bislang noch nicht in Frage. Das Lackieren oder die Verwendung von Anbauteilen, die frischen Schwung verleihen, schon. Man kann das zum Beispiel als Gast in der Wandelhalle des Hotel de Paris von Monte Carlo beobachten. Da steigen an den Tagen vor dem Großen Preis von Monaco greise Edelmänner mit ihren blutjungen Sekretärinnen ab. Man sieht auch gutsituierte Damen, wie sie sich von gut gebauten Butlern im Studentenalter im offenen Rolls-Royce durch die Gassen des Fürstentums chauffieren lassen. Beim obligatorischen Besuch im Fahrerlager kommt es dann schon mal zu einer verwirrenden Begegnung mit einem Dressman. Es sind eigentlich Mechaniker, aber eben wie für den Laufsteg gekleidet. Dürfte man ihnen die Hand geben, dann würde man den Schmier des Öls vermissen. Aber dazu kommt es kaum. Sie haben nämlich keine Zeit. Niemand hat Zeit im Fahrerlager. Das haben auch die Boxenluder längst gemerkt.

Rund um die Uhr wird gearbeitet. Das wollen die Teamchefs so. Wenn auch die Fluktuation sehr hoch ist, ein paar haben sich doch über die Jahrzehnte gehalten. Nun sind sie die grauen Herren der Formel 1, sie rauchen Zigarren und verlangen ständig nach einer Erhöhung des Zeitsparguthabens. Alles rotiert. Höchstens Weihnachten und vielleicht Neujahr wird nicht gearbeitet in den Windkanälen. Nur einer genehmigt sich eine - eigentlich unzeitgemäße - Ruhepause im Zeitgeschäft. Der Weltmeister. Schumacher entspannt in Norwegen. Er geht nicht mal zur nationalen Sportlerwahl (Zweiter), wird aber in Abwesenheit Sieger der europaweiten Abstimmung und zum dritten Mal hintereinander von der französischen Sportzeitung "L'Equipe" zum Athleten des Jahres gekürt. Zweifellos für seine Rekorde. Aber auch für die Art, wie er sich diesmal durchgesetzt hat. Gegen den Willen der Regelmacher, die den Seriensieger bremsen wollten. Die neue Punktevergabe, die den zweiten Platz (acht) aufwertete und Siegern (zehn) damit das Enteilen erschwerte, richtete sich gegen den Dauer-Weltmeister Schumacher. Der neue Qualifikationsmodus mit nur einem statt bis zu vier Versuchen traf die Analytiker unter den Piloten, eben Experten wie den Ferrari-Mann, die sich in der Regel bei jedem Schritt weiter steigern. Und die per Dekret verkürzte Vorbereitungszeit für die Rennställe sollte die Scuderia dazu verleiten, endlich mal wieder einen Fehler zu machen. Aber Schumachers Auto hielt in jedem Rennen durch. Seit Juli 2001 ist sein Dienstwagen in einem Grand Prix nicht mehr ausgefallen. Ferrari gefällt das. Aber in den Augen der Formel-1-Organisatoren muß das ein Anachronismus sein.

In der Formel-1-Zeitrechnung seit 1991 hält sich ein Pilot maximal drei Jahre in der Spitze. Dann verdrängt ihn ein anderer. Damon Hill ist vier Jahre aus dem Geschäft. Mika Häkkinen hat sich 2001 entnervt zurückgezogen, Jacques Villeneuve hat nun keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Alle diese namhaften Weltmeister kamen nach Schumacher und gingen vor ihm, mehr oder weniger gezeichnet. Hills dunkle Mähne ist vollends ergraut, Häkkinen hat sich eine Isolation gegen die finnische Kälte angefuttert, Villeneuve wuchs schon vor seinem unfreiwilligen Abschied eine hohe Stirn. Nur Schumacher sieht vor seiner 14. Saison so unverbraucht aus, fit bis in die Haarspitzen, konzentriert, nach zwölf Jahren immer noch motiviert. Weil er im schleifenden Räderwerk der Formel 1, einer Art Zeitraffermaschine, die Kunst der Entspannung beherrscht wie kein anderer? Zum Beispiel das Mittagsschläfchen kurz vor dem Rennen. Entsprechend gelassen wirkt Schumacher dann in seinem Boliden. Nichts könnte Schumacher besser charakterisieren als der brenzlige Moment beim Rennen in Österreich: Beim Tanken fängt Schumachers Ferrari Feuer. Der Rheinländer nimmt sich in seinem Feuerstuhl die Zeit, die lodernden Flammen und die Löschübung im Rückspiegel zu beobachten. Dann fährt er weiter und gewinnt. Auch am Nürburgring behält er in der hektischsten Phase den Überblick. Nach einer Rangelei mit seinem Rivalen im BMW, Juan-Pablo Montoya, bleibt Schumacher rückwärts im Kiesbett stecken. Während sich die Hinterräder drehen, winkt der Chefpilot Streckenposten heran und überzeugt sie gestenreich, den Ferrari zu befreien. Er weiß, daß an gefährlichen Stellen fremde Hilfe erlaubt ist. Der Anschub bringt an diesem Tag immerhin noch Rang fünf. Im Rückblick ist er Gold wert. Schumacher gewinnt den sechsten Titel mit zwei Punkten vor Räikkönen. "Da hat man seine Reife gesehen", sagt der ehemalige Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger: "Fahren können sie alle. Aber Schumacher hat in Österreich und am Nürburgring seine ganze Erfahrung ausgespielt, etwas, was anderen fehlt oder sie vielleicht nie bekommen werden." Dafür braucht man nämlich Zeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2003, Nr. 303 / Seite 38

 
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