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Veröffentlicht: 29.04.2017, 12:52 Uhr

Formel-1-Pilot Valtteri Bottas Im Schatten der Besten

Ferrari zwingt Mercedes vor dem Rennen in Sotschi zu einem Strategiewechsel. Die Formel 1 bekommt ihren Zweikampf der Besten – doch im Schatten von Vettel und Hamilton ersehnt noch einer seinen großen Auftritt.

von , Sotschi
© AP Hamilton und Vettel (v.l.n.r.) stehen im Mittelpunkt – doch auch Valtteri Bottas hofft auf seinen großen Moment.

Valtteri Bottas hat Wünsche für die kommenden 100 Tage beim dominanten Formel-1-Team der vergangenen drei Jahre. „Hoffentlich sind sie voller Erfolg. Voller Pokale und Champagner.“ Seit 100 Tagen ist Bottas Pilot für Mercedes, an Stelle des zurückgetretenen Weltmeisters Nico Rosberg. 51 von 59 Rennen hatten Rosberg und Lewis Hamilton in den Jahren 2014, 2015 und 2016 gewonnen. Vor diesem Hintergrund klingen die Wünsche des Finnen nicht eben vermessen. Er ist ein schneller Fahrer, zuverlässig, ohne Grand-Prix-Sieg, aber in den vergangenen Jahren bei Williams häufig zur Stelle, wenn es einen Platz auf dem Podium zu ergattern gab, weil die Teams der zweiten Reihe, Red Bull und Ferrari, mit ihren Schwächen dafür Raum boten. Jetzt aber, in den Tagen vor dem Großen Preis von Russland am Sonntag (Live auf RTL, Sky und im Formel-1-Ticker auf FAZ.NET) , lässt die sportliche Lage in der Formel 1 erhebliche Zweifel zu, ob die Wünsche des 27 Jahre alten Finnen in Erfüllung gehen.

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Am Donnerstagnachmittag sitzt Bottas im Chefbüro im ersten Stock des Mercedes-Motorhomes im Fahrerlager von Sotschi. Teamchef „Toto“ Wolff ist noch nicht angereist. Während Bottas seine Wünsche formuliert, sind eine Etage tiefer mehr als ein Dutzend Kameras auf seinen Teamkollegen Hamilton gerichtet. Ein Tisch musste aus dem Weg geräumt werden, damit Hamilton einen Weg zu seinem Hocker findet, bevor er die Fragen der Journalisten beantwortet. Hamilton soll etwas zum bevorstehenden Boxkampf von Wladimir Klitschko gegen den Briten Anthony Joshua beantworten („beide hochmotiviert“) und zur Reaktion von Serena Williams auf die abfällige Bemerkung des früheren Weltranglistenersten im Tennis Ilie Nastase. „Serena ist eine starke, unabhängige schwarze Frau, sie inspiriert mich und ist eine geborene Anführerin“, sagt Hamilton.

46125489 © Reuters Vergrößern Sebastian Vettel hofft im Ferrari in Sotschi auf den nächsten Sieg

Die Aufmerksamkeit, die Hamilton bekommt, interessiere ihn nicht, sagt Bottas. „Ehrlich gesagt, am liebsten wären mir gar keine Kameras, aber das hieße, dass ich meine Leistung nicht bringe. Mir geht es nur um meine Leistung, um Rennsiege, idealerweise um den Titel. Ich lasse mich nicht ablenken.“ 31 Rennen hat Hamilton zwischen 2014 und 2016 gewonnen, zwanzig Prozent mehr als Rosberg, zweimal ist er für Mercedes Weltmeister geworden. Er ist der einzige Weltstar, den die Formel 1 derzeit zu bieten hat. In dieser Saison, drei Rennen jung, hat Hamilton zwei Rennen verloren, gegen Sebastian Vettel und Ferrari. Vor zwei Wochen, in Bahrein, musste Bottas Hamilton zweimal passieren lassen, auf Anweisung des Teams, weil es nur dem Engländer zutraute, Vettel noch einholen zu können. Bottas kämpfte mit der Balance seines Autos, der Reifendruck war deutlich zu hoch. Hamilton jagte Vettel vergeblich nach. Hinterher war endgültig klar: Mercedes hat einen ebenbürtigen Gegner in dieser Saison.

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Weshalb Hamilton nicht nur Fragen zu Boxern und den Umgang mit Rassismus im Sport beantwortet, sondern darüber sprechen muss, wie er dazu steht, dass Mercedes im Duell mit Ferrari zur Teamorder greift. Dass es schon nach drei Rennen den Anschein macht, dass es bei Mercedes einen Chefpiloten gibt – Hamilton – und einen Angestellten, Bottas, der dazu da ist, ihn abzuschirmen, ihm zuzutragen und auf Siege, Champagner, den größten Pokal und die Hymne für den Sieger zu verzichten, wenn die Lage es erfordert. So weit hatte es Rosberg nie kommen lassen, selbst in den Jahren, in denen er Hamilton unterlegen war. Aber: In jenen Jahren war Ferrari kein Gegner im Kampf um die WM. Hamilton sagt nun: „Es fühlt sich keinesfalls gut an, weder für den, der vorausfährt, noch für den, der hinterherfährt. Aber die Situation des Teams hat sich geändert, und der Konstrukteurstitel geht vor.“ Und: „Vielleicht gibt es auch ein Rennen, in dem ich nicht gut genug bin.“

46125495 © AP Vergrößern Lewis Hamilton will Vettels Erfolg verhindern.

In China hat Hamilton gewonnen, vor Vettel, zweimal war er Zweiter hinter dem Deutschen. Bottas fuhr in Bahrein auf die Pole Position und beendete zwei Rennen auf Platz drei, eines auf Platz sechs. 17 Grand Prix stehen noch aus, noch fällt es dem dreimaligen Weltmeister Hamilton nicht schwer, auf den Vorrang der Konstrukteursmeisterschaft zu verweisen. Und doch zeichnet sich mit dem Kampf zwischen Vettel und ihm genau jener Zweikampf der besten Piloten der Formel 1 ab, auf den alle, Vermarkter wie Fans, gehofft haben, seit Vettel zur Saison 2015 zu Ferrari wechselte.

Wolff, bis zum Wechsel von Bottas zu Mercedes auch Manager des Finnen, hatte mit seinen Fahrern im Winter vereinbart, wie sich ihr Umgang auf der Strecke gestalten soll. So etwas gab es zwischen Hamilton und Rosberg auch. „Rules of engagement“ nannten sie es, wie die Einsatzregeln beim Militär. Für den Deal zwischen Hamilton und Bottas spricht Wolff von „racing intent“, dem Willen, Rennen zu fahren. Alles hänge vom Einzelfall ab, sagt Bottas, so sei es vereinbart: „Wir sind absolut gleichgestellt. Falls es eine Situation geben wird, in der Lewis zu kämpfen hat und ich schneller bin. Die Punkte für das Team haben Vorrang.“ Die Aussagen der Piloten lesen sich fast deckungsgleich – und klingen doch wie von einer Schere zerschnitten. Hamilton auf der einen Seite, der sich früh in der Saison Großmut erlauben kann. Bottas auf der anderen, hoffend auf einen günstigen Umstand, ein unvorhergesehenes Renngeschehen, das ihn zum Zuge kommen lassen würde. Nimmt das Duell Vettel gegen Hamilton weiter in der eingeschlagenen Richtung Fahrt auf, sinkt diese Wahrscheinlichkeit mit jedem Rennen. „In diesem Team gab es nie wirklich einen Nummer-eins- oder Nummer-zwei-Fahrer, und das ist auch nicht geplant“, sagt Bottas. Dass die Planungen bei Mercedes dieses Jahr allerdings kurzfristig ausfallen, weiß Bottas selbst. Sein Cockpit bei Mercedes hat er nur für 2017 sicher. Um länger bleiben zu können, muss er die Erwartungen erfüllen, die das Team an ihn stellt.

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