Home
http://www.faz.net/-gu4-71grz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel-1-Mechaniker Nach vier Sekunden ein Depp

 ·  Sie rücken nur in den Mittelpunkt, wenn sie Fehler machen. Auf Außenstehende wirkt es deshalb, als hätten die Mechaniker den undankbarsten Job in der Formel 1. Das Gegenteil ist der Fall.

Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)
© picture alliance / dpa Hin und weg: Bei Ferrari klappen die Boxenstopps in diesem Jahr am besten

Wer siegen will, muss schieben. Jedes Formel-1-Wochenende beginnt mit Handarbeit. Zu beobachten auch am Donnerstag in Hockenheim: 24 Stunden bevor ein Pilot seinen Arbeitsplatz einnimmt, vor dem ersten Training am Freitagvormittag, hockt ein Mechaniker im Cockpit - und lässt sich schieben. Boxenstopptraining.

Per Muskelkraft rollen die Kollegen den Boliden in Position. Dann: Reifenwechsel, Flügelcheck, Airbox-Reinigung. Sekunden später Abfahrt - eigentlich. Hier endet die Trockenübung, um sogleich von vorn zu beginnen. Wieder und wieder wird vor den Grand Prix der Ernstfall des Rennsonntags simuliert, in der Hoffnung, dass Übung den Meister macht, wenn es darauf ankommt.

47 Angestellte dürfen sich pro Rennwochenende um die beiden Autos kümmern, 16 bis 20 stehen bei den Boxenstopps unter Druck: Pro Rad warten drei Mechaniker, von denen je einer den Pressluftschrauber zur Radmontage bedient. Zwei bocken das Auto auf und lassen es mit neuen Pneus wieder herunter, der „Lollipop-Mann“, bei vielen Teams inzwischen durch eine Ampel ersetzt, hebt seine Kelle, wenn die Arbeit getan ist.

In unmittelbarer Nähe stehen vier Männer, um bei Bedarf die Flügel zu verstellen, den Frontflügel zu wechseln oder die Airbox zu reinigen, über die dem Motor die kühlende Luft zuströmt. Routinearbeit in Sekundenbruchteilen. 3,67 Sekunden stehen die Ferraris von Fernando Alonso und Felipe Massa in dieser Saison durchschnittlich, Branchenbestwert.

Routinearbeit? Von wegen. Denn während den Fahrern Fehler im Grunde ins Anforderungsprofil geschrieben werden - wer könnte ständig im Grenzbereich unterwegs sein, ohne zu wissen, wo dieser endet? -, können die Boxencrews, ähnlich wie der Schütze eines Elfmeters im Fußball, nur schlecht aussehen. Sie fallen immer dann auf, wenn etwas schiefgeht.

Michael Schumacher stellte seinen Mercedes in China kurz hinter der Boxengasse ab, weil vorne rechts die Radmutter nicht richtig saß. In Silverstone 2011 hatte McLaren-Pilot Jenson Button Ähnliches erlebt. Endstation Boxenausfahrt, auch hier löste sich die rechte Radmutter. Das Urteil ist schnell gefällt: Die Fahrer sind die Dummen, die Mechaniker die Deppen.

In dieser Saison machten sich McLarens Mechaniker zum Gespött des Publikums. Ein Routinestopp, der sich auf die Reifenwechsel beschränkt und länger als vier Sekunden dauert, gilt als misslungen. Schanghai, Bahrein, Montréal - die Liste der suboptimalen McLaren-Stopps ist länger als die der meisten Teams.

Teamchef Martin Whitmarsh nahm seine Männer schon öffentlich in Schutz: „Jeder, der sich an die Räder stellt, ist ein mutiger Mann. Der Druck auf die Jungs ist unvorstellbar.“ Gefahrenzulage gibt es nicht, dicke Luft ist dafür inklusive, wenn etwas misslingt. Als Lewis Hamilton in Bahrein zum wiederholten Mal zum Dauerparker wurde, bemerkte er: „Wir waren nicht schnell genug. Ich habe getan, was ich konnte, um es meinem Team leichter zu machen. Der Rest ist ihre Sache. Sie werden es hinbekommen.“ Deutlicher hört es die Öffentlichkeit selten.

Inzwischen hält Hamilton die Saisonbestmarke: 2,6 Sekunden Standzeit, aber der McLaren-Mechaniker, dem im Frühjahr gleich mehrere Fehler unterliefen, wurde aus dem Rennen genommen. Und wie alle Spitzenteams übt auch McLaren nicht nur vor dem Rennen, sondern analysiert die Rennstopps längst auch per Video. Mancher geht noch weiter: Mercedes beispielsweise überwacht dabei nicht nur die eigene Mannschaft, sondern wertet auch die Auftritte der Konkurrenz aus.

Auf Außenstehende wirkt es deshalb, als hätten die Mechaniker den undankbarsten Job in der Formel 1. Das Gegenteil ist der Fall: Der Andrang ist groß. Nicht nur Weltmeister-Team Red Bull veranstaltet regelmäßig Mechanikercastings, um die schnellsten Männer an die richtigen Positionen zu stellen. Die Auswahl ist Ehre und Ansporn zugleich: Nur wer körperlich voll auf der Höhe ist, hat Aussicht, seine Position zu behalten. Längst sind es nicht nur die Fahrer, die stundenlang ihre Fitness stählen - und die Reaktionsschnelligkeit schulen.

Warum die nicht nur wichtig ist, wenn die Radmutter wieder klemmt, war vor zwei Wochen in Silverstone zu sehen: Als Kamui Kobayashi drei seiner Sauber-Mechaniker traf, war er noch kurz zuvor schneller unterwegs als die meisten deutschen Autofahrer in einer Autobahnbaustelle. Zu den Anachronismen der Formel 1 zählt, dass die Piloten bei der Fahrt in der Boxengasse wirken, als seien sie im Kriechtempo auf der Standspur unterwegs, während die Kollegen auf der Zielgerade vorbeirasen - dabei ist auf dem Weg zum Reifenwechsel Tempo 100 erlaubt. Und wer zu früh bremst, verliert.

Kobayashi hatte in England zu spät gebremst. Prellungen, ein ausgerenkter Daumen, kleinere Schnittwunden: Kobayashis Unfall verlief auch deshalb glimpflich, weil die Crew blitzschnell reagierte und sich wenigstens halbwegs in Sicherheit bringen konnte. Zwei der drei verletzten Sauber-Mechaniker sind an diesem Wochenende beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim wieder dabei. Hier kann es dann nicht nur Kobayashi besser machen: Die Sauber-Stopps dauern im Schnitt mehr als eineinhalb Sekunden länger als die bei Ferrari.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Verpasste Chance

Von Uwe Marx

Ach hätte er doch! Uli Hoeneß sagte mal im Scherz, dass er die Borussia am Aktientiefpunkt hätte kaufen sollen. Mittlerweile dürfte er den Kaufverzicht bereuen. Mehr