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Formel-1-Weltmeister Hamilton : „Ich bin wie im Weltraum“

Lewis Hamilton feierte die Weltmeisterschaft mit seiner Mutter Carmen. Bild: dpa

Mit seinem vierten WM-Titel wird Lewis Hamilton bester Brite der Formel-1-Historie. Sein Verfolger ist der erste Gratulant. Und bei der Pressekonferenz kommen Hamilton ganz besondere Gedanken.

          Booom-booom-booom. Vom Siegerpodest dröhnte der Bass, den der niederländische DJ Hardwell auflegte, damit die Mexikaner an diesem Tag noch ein bisschen länger feiern würden. Es roch nach Bier, Konfettischnipsel lagen auf dem Boden, die Leute zuckten im Takt. Es war alles ein bisschen wild und bunt, wilder und bunter jedenfalls als normalerweise nach einem Formel-1-Rennen. Der Große Preis von Mexiko sollte eine Party sein, die ablenken von den Mühen der Folgen der schweren Erdbeben im September. In Runde 19 war der Opfer und Helfer gedacht worden, nach Rennende dröhnte der Bass. Booom-booom-booom.

          Lewis Hamilton aber, der Mann, der gerade Weltmeister geworden war, zum vierten Mal in seiner Formel-1-Karriere, häufiger als jeder andere Brite, hatte einen kleinen Union Jack um seine Schulter hängen und war – ganz ruhig. „Ich bin zu weit weg, ich bin wie im Weltraum“, sagte Hamilton, als er jetzt doch mal beschreiben sollte, wie sich das anfühle: Bester Brite der Formel-1-Historie. 163 Männer aus dem Vereinigten Königreich haben sich bislang in der herausforderndsten aller Rennsport-Serien versucht, einer übertrifft sie alle: Lewis Hamilton aus Stevenage in der Grafschaft Hertfordshire.

          Auf Hamilton prasselten die Glückwünsche von allen Seiten ein. Sebastian Vettel war der Erste gewesen. Er applaudierte dem Weltmeister noch aus dem Auto, Seite an Seite auf der Auslaufrunde. So nah waren sie sich zuvor ausgangs der ersten Schikane gekommen. Hier hatte sich dieses Rennen bereits zu Gunsten von Max Verstappen im Red Bull entschieden, hier hatte Vettels Frontflügel Hamiltons Hinterrad touchiert. Beide hatten die Box ansteuern müssen, beide hatten anschließend zeigen müssen, welches außergewöhnliche fahrerische Talent in ihnen steckt. Vettel war als Vierter ins Ziel gekommen, Hamilton als Neunter.  

          „Ich bin niedergeschlagen, natürlich“, sagte Vettel später. Tatsächlich hatte er sogar in der nahezu aussichtslosen Lage vor dem Start noch daran gedacht, dass es vielleicht doch noch ein Comeback geben könnte, so viel verriet er nach dem Rennen. „Es ist schwierig über die Linie zu kommen und zu wissen, dass du nicht mehr im Kampf bist. Aber der Rest ist nicht so wichtig. Es ist sein Tag, sein Jahr. Er ist der Weltmeister, und das hat er sich verdient. Insgesamt war er der bessere Mann und hat die bessere Arbeit gemacht. So einfach ist das.“ Die beiden umarmten sich, Hamilton hatte keine Lust, das ungewollte Rendezvous aus dem Rennen tiefergehend zu analysieren. „Ich schnappe das Negative dieser Frage, drehe es in positive Energie und schmeiße sie zurück. Ich habe keine Lust, das zu analysieren“, sagte Hamilton. Er dachte an die besten Tennisspieler, an Federer, Nadal, an „ihre Haltung, im Match und danach. Vorbildlich.“

          Aber: Er habe sich nach dieser ersten Runde wieder wie als Kind gefühlt, als ihn sein Vater in den Boxring gestellt hatte, und der kleine Lewis schnell eine blutige Nase hatte. Er habe den Kampf angenommen, wie über die ganze Saison, sagte Hamilton und schwärmte noch ein bisschen von der Auseinandersetzung mit Fernando Alonso wenige Runde vor Schluss. „He is one tough mofo“, sagte er auf Englisch über den Spanier und fügte dann angesichts der nicht jugendfreien Langversion des Objekts in diesem Satz an, er wolle doch lieber „tough cookie“ sagen. Die „harte Nuss“ Alonso befand im Übrigen, Hamilton und Mercedes hätten es in dieser Saison viel zu leicht gehabt. Nächstes Jahr, mit Renault-Motor, wollten McLaren und er das ändern.

          Der Mittelpunkt der Formel-1-Welt: Lewis Hamilton holt seinen vierten WM-Titel. Bilderstrecke
          Der Mittelpunkt der Formel-1-Welt: Lewis Hamilton holt seinen vierten WM-Titel. :

          Zu leicht? Hamilton dachte in den Minuten nach dem Rennen in eine ganz andere Richtung. Mitten in der Pressekonferenz fiel Hamilton seine Schulzeit ein. „Ich frage mich, was meine Lehrer jetzt wohl denken. Wenn sie das Rennen gesehen haben. Oder morgen die Nachrichten lesen. Was werden die wohl denken? Ich hoffe, sie werden denken: Ich habe ihn falsch behandelt damals. Ich hoffe, sie denken: Mensch, ich muss Kinder fördern und nicht tadeln.“ Hamilton sah sich in diesen Momenten als Vorbild, im Grunde für alle. „Es gibt niemanden, keinen, der nicht ein Star ist. Alle sind Stars. Und ein viermaliger Weltmeister aus Stevenage ist der Beweis dafür, dass du es schaffen kannst.“

          Hamilton dachte an die Leute, die ihm sein Auto gebaut hatten, von den Unis „in Harvard, Oxford, Cambridge“, aus „über tausend Teilen: Jeder hat doch schon mal was auseinandergenommen und dann falsch wieder zusammengesetzt. Und die bauen aus diesen Teilen so eine Maschine, mit der ich mein Talent ausschöpfen kann, als einer von zwei Leuten, die drin sitzen dürfen“. Er glaube nicht, dass er unbedingt das beste Auto gehabt habe in diesem Jahr, sagte der Weltmeister. „Aber wir hatten das beste Team. Und die Weltmeisterschaft gegen ein anderes Team zu erringen, das wollen doch alle sehen.“

          Rot sei ohnehin seine Lieblingsfarbe, Ferrari ein „historisches Team, das Team, für das Michael gefahren ist“. 91 Grand-Prix-Siege, sieben Weltmeistertitel hatte Schumacher erreicht – Hamilton könnte sie übertreffen. Er richte sich nicht an Rekorden aus, sagte Hamilton. Aber er wolle in den kommenden Wochen seinen Vertrag verlängern, das werde ein „einfacher Prozess“. Anders als sein Teamkollege Nico Rosberg, der als Weltmeister 2016 Schluss machte mit der Raserei, wolle er nicht einfach im Moment des Erfolgs abtreten. Aber: „Ich will auf der Spitze abtreten. Da kommt noch mehr, schwierige Zeiten liegen vor uns. Das liebe ich.“

          Max Verstappen hatte mit seinem Sieg noch einmal eindringlich daran erinnert, dass er im kommenden Jahr um den Titel mitfahren dürfte. Der geknickte Vettel wird den Kampf mindestens ebenso schnell wieder aufnehmen wollen. Hamilton wurde bereits von seiner Mutter erwartet, gemeinsam mit ihr und einigen Freunden flogen sie noch am Sonntagabend weiter, Richtung Peru. Die alte Inkastadt Machu Picchu wollen sie besuchen. Bevor die Reisegruppe aufbrach, war Hamilton in Gedanken noch bei der Konkurrenz: „Es gibt immer einen, der deinen Platz will. Ich werde mich steigern müssen.“

          Formel 1 : Hamilton rast wieder zum Titel

          Quelle: FAZ.NET

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