Raus aus der Sturmhaube, weg mit den Kopfhörern und rein in die Garage von Red Bull. Die Tifosi auf den Tribünen jubelten noch, da wollte Sebastian Vettel nur noch verschwinden. Wieder einmal war die Lichtmaschine seines Boliden defekt. Vielleicht bringt ihn dieses Teil am Ende um den großen Traum vom Gewinn der dritten Weltmeisterschaft in Serie. „Das ist natürlich schade, es wären wichtige Punkte gewesen“, sagte Vettel später.
Ob er enttäuscht sei? Kurz nach dem Großen Preis von Italien traute sich niemand, ihm diese Frage zu stellen. Sie wurde ohnehin schon mit einem Blick in sein Gesicht beantwortet. Sein größter Rivale in dieser Saison war gerade erst vom Podium gekommen: Fernando Alonso (Ferrari), Dritter in Monza, knapp geschlagen von Sergio Perez (Sauber) und dem Sieger Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes: „Es fühlt sich großartig an, hier zu gewinnen“, sagte der Brite.
Hochspannung auf dem Hochgeschwindigkeitskurs in Monza? Die Konstellation in der Startaufstellung versprach genau das. Hamilton auf der Pole Position, Vettel auf Rang fünf, und Alonso an Position zehn in seinem Rücken. In den ersten Runden rückte das Trio mehr und mehr zusammen, vor allem der Spanier demonstrierte Entschlossenheit. Alonso zog an einem Gegner nach dem anderen vorbei, und in der 21. Runde bog er direkt hinter Vettel zum Boxenstop ab.
Die Mechaniker von Ferrari waren beinahe eine Sekunde schneller, und trotzdem konnte Vettel seinen vierten Platz bei der Ausfahrt auf die Piste und zunächst mit Mühe erfolgreich verteidigen. Doch der Druck in seinem Heck wurde von Kilometer zu Kilometer höher. In der 26. Runde wollte Alonso außen in der Curva Grande überholen. Genau an jener Stelle also, an der ihn Vettel vor einem Jahr bei Tempo 300 mit zwei Rädern auf dem Gras düpiert hatte.
Doch Alonso musste vom Gas, Vettel hielt stur seine Linie. Staub wirbelte durch die Luft. „Das genau ist genug“, rief Alonso verärgert in den Teamfunk und sein Renningenieur antwortete: „Ja, wir haben es gesehen.“ Wie die Rennkommissare, die Vettel zu einer Durchfahrt der Boxengasse mit 80 Kilometer pro Stunde verurteilten.
„Dann hätte ich mich letztes Jahr auch beschweren müssen. Ich war sehr sauer in dem Moment“, sagte Vettel: „Aber was will man da machen? Letztes Jahr hab ich das nicht kommentiert. Ich werde es auch diesmal nicht kommentieren. Das ist nicht meine Art. Fertig und weiter.“ Alonso aber sagte noch etwas: „Wir müssen nur die Bilder anschauen. Und vergangenes Jahr gab es keine Strafe, in diesem Jahr schon.“
„Es ist eine Riesenschande, echt schlimm“
Die Dominanz von Red Bull und Vettel in der Formel 1 hat ihr (vorläufiges) Ende längst erreicht. Ingenieure, Mechaniker wie Fahrer kämpfen nun mit ganz alltäglichen Problemen. Mal mit der Technik, dann mit den Strafen. So etwas hinterlässt Spuren. Als eine Runde vor dem Ende auch noch Mark Webber seinen Boliden abstellte, weil er nach einem Dreher zurecht schwere Reifenschäden fürchtete, da schlugen die Verantwortlichen am Kommandostand ihre Hände vor den Köpfen zusammen.
„Es ist eine Riesenschande. Zwei Fahrer, die das Rennen nicht beenden, das ist echt schlimm. Das ist frustrierend“, sagte Teamchef Christian Horner. Die Leichtigkeit ist dahin, die anderen Rennställe bieten Red Bull längst wieder Paroli, setzen das erfolgsverwöhnte Ensemble unter Druck. Alonso (179 Punkte) führt die Gesamtwertung an.
„Denk daran, wie du die Reifen schonen kannst“
Seine Gegner folgen schon mit einem gewissen Sicherheitsabstand: Hamilton (142), Räikkönen (141), Vettel (140) und Webber (132). Ferrari nutzt inzwischen sogar wieder alte, inzwischen erlaubte Tricks, um den Chefpiloten nach vorne zu bringen. In Monza funkten sie in der 40. Runde an Felipe Massa: „Denk daran, wie du die Reifen schonen kannst. Fernando ist hinter dir.“ Das allerdings war er wenige Kilometer später nicht mehr, Massa wurde schließlich Vierter.
Den Brasilianer überholte jemand, der sein Nachfolger bei Ferrari werden könnte: der Mexikaner Sergio Perez. Kein anderer blieb mit der harten Reifenmischung zu Beginn des Rennens so lange auf der Strecke. Das war am Ende sein großer Vorteil. Nach seinem einzigen Boxenstopp flog er fast mit den weicheren Pneus an Freund und Feind vorbei, drehte eine schnellste Runde nach der anderen und schob sich vom achten Platz noch auf den zweiten nach vorne.
„Wir geben unseren Fahrern nur Einjahresverträge“
Er hätte nicht mehr viele Touren gebraucht im Königlichen Park, um McLaren am dritten Sieg in Serie zu hindern. „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagte der Zweiundzwanzigjährige. Genau wie den Verantwortlichen von Sauber: „Sergio macht bisher einen guten Job“, sagte Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn: „Wir geben unseren Fahrern nur Einjahresverträge. Aber ich bin sehr entspannt, was die Zukunft angeht.“
Perez könnte dorthin gehen, wo Michael Schumacher (Mercedes) seine größten Erfolge gefeiert hat. Die Fans von Ferrari haben den Dreiundvierzigjährigen noch immer in ihre Herzen geschlossen und jubelten über den sechsten Platz des Rekordweltmeisters, der damit zum sechsten Mal in diesem Jahr vor Teamkollege Nico Rosberg (7.) ins Ziel kam. „Wir haben schon immer Phasen gesehen, in denen ich stärker war. Und dann gab es Phasen, in denen wir das nicht beweisen konnten“, sagte Schumacher.
Es geht weiter mit einer Tour durch Asien
Ob er noch einmal eingreifen kann in den Titelkampf? Noch immer ist nicht sicher, ob Schumacher im kommenden Jahr überhaupt noch dabei sein wird in der Formel 1. Vettel hat dagegen seine Chancen auch für dieses Jahr noch nicht aufgegeben: „Es geht weiter“, sagte er. Mit einer Tour quer durch Asien. Dort ist ihm in der vergangenen Saison der zweite Titelgewinn gelungen; als in der Formel-1-Welt noch Red Bull unangefochten voran fuhr.
53 Runden à 5,793 km/306,720 km):
1. Lewis Hamilton (England) McLaren Mercedes 1:19:41,221 Std. (Schnitt: 230,944 km/h)
2. Sergio Perez (Mexiko) Sauber + 0:04,356 Min.
3. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 0:20,594
4. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 0:29,667
5. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus + 0:30,881
6. Michael Schumacher (Kerpen) Mercedes + 0:31,259
7. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes + 0:33,550
8. Paul di Resta (Schottland) Force India + 0:41,057
9. Kamui Kobayashi (Japan) Sauber + 0:43,898
10. Bruno Senna (Brasilien) Williams + 0:48,144
11. Pastor Maldonado (Venezuela) Williams + 0:48,682
12. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso + 0:50,136
13. Jérôme DAmbrosio (Belgien) Lotus + 1:15,861
14. Heikki Kovalainen (Finnland) Caterham + 1 Runde
15. Witali Petrow (Russland) Caterham + 1 Runde
16. Charles Pic (Frankreich) Marussia + 1 Runde
17. Timo Glock (Wersau) Marussia + 1 Runde
18. Pedro de la Rosa (Spanien) HRT + 1 Runde
19. Narain Karthikeyan (Indien) HRT + 1 Runde
Ausfälle:
Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso (9. Runde); Jenson Button (England) McLaren Mercedes (34. Runde); Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull (48. Runde); Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India (51. Runde); Mark Webber (Australien) Red Bull (52. Runde)
Schnellste Rennrunde: Nico Rosberg (Mercedes) 1:27,239 Min.
Pole Position: Lewis Hamilton (McLaren Mercedes) 1:24,010 Min.
Fahrer-Wertung nach 13 von 20 Rennen:
1. Fernando Alonso 179
2. Lewis Hamilton 142
3. Kimi Räikkönen 141
4. Sebastian Vettel 140
5. Mark Webber 132
6. Jenson Button 101
7. Nico Rosberg 83
8. Romain Grosjean 76
9. Sergio Perez 65
10. Felipe Massa 47
11. Michael Schumacher 43
12. Kamui Kobayashi 35
13. Paul di Resta 32
14. Nico Hülkenberg 31
15. Pastor Maldonado 29
16. Bruno Senna 25
17. Jean-Eric Vergne 8
18. Daniel Ricciardo 4
Team-Wertung nach 13 von 20 Rennen:
1. Red Bull 272
2. McLaren Mercedes 243
3. Ferrari 226
4. Lotus 217
5. Mercedes 126
6. Sauber 100
7. Force India 63
8. Williams 54
9. Toro Rosso 12
Nächstes Rennen: GP Singapur am 23. September in Singapur
Hätte Vettel im Ferrari gesessen
Matthias Unger (ungermat)
- 10.09.2012, 10:49 Uhr
Strafe und Ausfall
Oliver Langen (Acer99)
- 10.09.2012, 09:41 Uhr
Bestrafung falsch
Paul Poste (PauloPost)
- 09.09.2012, 20:46 Uhr
Korrekte Strafe
Hagen Tunt (Tunt)
- 09.09.2012, 16:18 Uhr