Derart souveräne Siege hat die Welt zuletzt nur von Sebastian Vettel (Red Bull) gesehen. Doch beim Saisonauftakt der Formel 1 in Melbourne war der Weltmeister nur erster Beobachter. Jenson Button (McLaren) gewann den Großen Preis von Australien am Sonntag vor dem Deutschen und Lewis Hamilton (McLaren).
Schon witterte der Engländer die Chance auf den ganz großen Coup in dieser Saison: „Wir haben gezeigt, was ein Winter verändern kann“, sagte der Zweiunddreißigjährige. „Das Auto ist schön und unglaublich schnell.“ Erstmals seit 23 Grand Prix lag ein Red Bull nicht eine Runde des Rennens in Führung.
Der Sonntag begann mit einer ungewohnten Perspektive für Vettel, der nur von Startplatz sechs ins Rennen ging. Der Weltmeister musste sich hinten anstellen – erstmals seit dem Großen Preis von Italien im September 2010 stand damit kein Red Bull in der ersten Startreihe. Sechs Zehntelsekunden trennten ihn im Qualifying von den beiden McLaren-Piloten Hamilton und Button.
Und damit nicht genug: Erstmals nach seinem Comeback war Schumacher im Zeittraining bester Deutscher (4.). „Seb fand das nicht so witzig“, sagte der Dreiundvierzigjährige. Er hingegen schon. Doch es dauerte nicht einmal zehn Kilometer, und dann saugte sich der Titelverteidiger im Windschatten schon an den Rekordchampion heran.
Schumacher war am Start an Romain Grosjean (Lotus) vorbei gezogen, Vettel an Teamkollege Mark Webber und Grosjean. Doch das deutsch-deutsche Duell dauerte nur bis zur 12. Runde. Am Ende der Start- und Zielgeraden, bei Tempo 300, trat plötzlich ein Getriebeschaden am Mercedes auf. Schumacher konnte nicht mehr in den dritten Gang schalten, er musste raus aufs Gras und das Rennen aufgeben.
„Beim Bremsen habe ich die Kontrolle über das Auto verloren“, sagte Schumacher. „Wir hatten im Winter keine Probleme mit dem Getriebe. Aber diese Autos sind Prototypen – es gibt keine totale Verlässlichkeit.“
Kampflos zog Vettel vorbei auf Platz drei und nahm die Verfolgung der beiden McLaren auf. Doch zu diesem Zeitpunkt trennten den Deutschen schon zwölf Sekunden vom Führenden Button, der sich am Start gegen Hamilton durchgesetzt hatte.
Vettel kommt das Safety Car gelegen
Kaum hatte Vettel freie Fahrt, holte er bis zu eine Sekunde pro Runde auf. Die Engländer reagierten und holten Button in der 16. Runde an die Box, und auch Vettel bog ab zu seinen Mechanikern. Die Strategien änderten sich: Button wählte die härtere Reifenmischung, Vettel hingegen ließ ein weiteres Mal die weicheren Gummis aufziehen. Nach 25 Runden hatte Vettel immerhin schon Hamilton vor sich, doch er kam nicht in Schlagdistanz.
Längst dachte er im Cockpit über die Lösungen des Problems nach: „Wenn es für die Strategie gut ist, dann komme ich an die Box“, funkte er. Die Antwort: „Nein, gib weiter Gas!“ Stattdessen wechselten zunächst Button und Hamilton in der 36. Runde zum zweiten Mal die Reifen. Und Vettel hatte Sekunden später Glück, weil Witali Petrow mit seinem Caterham auf der Start- und Zielgeraden stehen blieb, das Rennen neutralisiert wurde und der Deutsche genau in diesem Fenster an die Box ging, war er plötzlich mittendrin im McLaren-Sandwich.
Plötzlich war die Chance zum Sieg für Vettel doch wieder greifbar. „Trainiere den Neustart im Kopf“, rief ihm der Kommandostand zu, als die Karawane hinter dem Safety Car kreiste. Doch Button entschied auch den Neustart für sich und setzte sich sofort wieder um drei Sekunden ab. So bogen sie ein in die letzten Runden. Button vor Vettel, Hamilton und Webber – zwei McLaren und zwei Red Bull auf den ersten vier Plätzen.
„Jenson war zu stark für uns“, sagte Vettel nach dem Rennen. „Aber dieses ist eines der Rennen, bei denen wir uns schwerer tun. Deshalb bin ich froh, dass ich schnell ziemlich gut in den Rennrhythmus gefunden habe und dass unser Auto im Rennen gut liegt.“
McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh war vor allem von seinem Rennsieger begeistert. „Jenson hat diesen Sieg wirklich verdient, er hat seine Reifen geschont, ist die schnellste Runde gefahren. Er hat keinen Fehler gemacht“, sagte er. „Er hat das Rennen kontrolliert. Wenn Sebastian näher kam, dann hat er einfach noch ein bisschen mehr Gas gegeben.“
Vettels Teamchef Christian Horner fand lobende Worte für seinen Weltmeister: „Im Qualifying haben wir unsere Leistung nicht gebracht, aber das war ein ganz starkes Rennen von Sebastian. Wenn er von Platz sechs auf Platz zwei fährt, können wir sehr zufrieden sein.“
Die große Überraschung ist Williams
Die Hierarchie in der Formel 1 hat sich für den Moment umgekehrt. Die großen Überraschungen beim Saisonauftakt waren der fünfte Platz von Fernando Alonso im bei den Testfahrten schwachen Ferrari und der sechste Platz von Kamui Kobayashi im Sauber, der vor dem zurückgekehrten Weltmeister von 2007, Kimi Räikkönen im Lotus ins Ziel kam - vor allem aber der starke Auftritt der Williams-Piloten in Melbourne. Dem englischen Team, in den neunziger Jahren Maßstab des Feldes, war vor Saisonbeginn von den wenigsten Beobachtern ein solch schneller Auftritt zugetraut worden.
Bruno Senna und Pastor Maldonado lagen beide auf bestem Kurs in die Punkteränge, ehe Senna sechs Runden vor Rennende mit Ferrari-Fahrer Felipe Massa kollidierte. Noch ärger erwischte es Maldonado: Wenige Kurven vor dem Ziel erwischte der Venezolaner den Randstein, verlor die Kontrolle über seinen Williams und ging ebenfalls leer aus. Doch nicht nur das Beispiel Williams zeigt: Das Feld ist im Vergleich zum Vorjahr enger zusammen gerückt.
Nur Mercedes konnte davon noch nicht profitieren. Schumacher blieb nach dem technischen Defekt an seinem W03 ebenso ohne Punkte wie Teamkollege Nico Rosberg. Der Sechsundzwanzigjährige wurde nach einem Unfall mit Sergio Perez (Sauber) in der letzten Runde lediglich Zwölfter. Rosberg kam damit nur kurz vor Timo Glock (14./Marussia) ins Ziel.