Wenn es doch nicht nur Erinnerungen wären: Gerade mal ein Jahr ist vergangen, da stand Timo Glock noch auf dem Podium beim Großen Preis von Malaysia. Heftiger Regen setzte seinerzeit die Strecke unter Wasser, aber Glock ließ sich von den widrigen Bedingungen nicht beirren und raste im Toyota vorbei an der Konkurrenz auf Platz drei. Die Gewalt der Natur spülte ihn einfach nach vorne, und wäre das Rennen nicht schon nach 32 von 56 Runden abgebrochen worden, der Achtundzwanzigjährige hätte vielleicht sogar zum ersten Mal in seiner Formel-1-Karriere einen Grand Prix gewonnen.
Bei der Rückkehr auf den Sepang International Circuit an diesem Sonntag (10 Uhr/live im FAZ.NET-Formel-1-Ticker) könnte Glock kaum etwas mehr helfen als ein Rennen, das nicht zu Ende gefahren wird, glaubt er doch selbst kaum daran, dass er das Ziel aus eigenem Antrieb erreichen kann. Der Grund ist banal: Die Ingenieure haben den Tank seines Virgin zu klein konzipiert.
Dies ist der vorläufige Höhepunkt der Pannenserie im Team von Milliardär Richard Branson. Einem stets gutgelaunten Engländer mit blondiertem Haar und Kinnbart, der sich vorzugsweise in der Nähe schöner Frauen fotografieren lässt und sein Geld mit einem Plattenimperium und einer Fluggesellschaft verdient hat. In der Formel 1 trat der Neunundfünfzigjährige zuvor nur als Sponsor von Brawn GP in Erscheinung, aber diese Rolle schien dem Abenteurer nicht mehr genug. Doch aller Anfang ist schwer.
„Langsam werde ich ungeduldig“
Zunächst verlor Glock bei den Testfahrten den Frontflügel seines Wagens, später legten ihn Probleme an Hydraulik und Getriebe lahm. Nach dem Aus beim Großen Preis von Australien vor vier Tagen sagte der Odenwälder: „Langsam werde ich ungeduldig.“ Dabei sollte der Wechsel zu Virgin ein Schritt in die Zukunft werden. Zwangsläufig. Toyota hatte seinen Ausstieg aus der Formel 1 erklärt, und die Angebote von Sauber und Renault schlug Glock aus, weil er fürchtete, dass auch diese Rennställe nicht mehr an den Start gehen könnten. Doch nun kreisen ihm beide Teams vor der Nase herum, und der Pole Robert Kubica fuhr für Renault in Melbourne sogar auf Platz zwei.
„Trotzdem gibt es für mich keinen Grund, noch einmal über meine Entscheidung nachzudenken“, sagte Glock. „Es ist keine Fehlentscheidung.“ Weil er zum ersten Mal im Mittelpunkt eines Rennstalls steht, um ihn herum will Branson den Erfolg bauen. Mit ungewöhnlichen Methoden. Nick Wirth, der Technische Direktor von Virgin, hat die Rennwagen ausschließlich am Computer entwickelt und auf den Einsatz teurer Windkanäle verzichtet. „Das ist die Zukunft“, sagte er. Auch Glock staunt: „Der Datenfluss ist schwindelerregend.“
Sauber spottet: „Tankkapazität rechne ich mit dem Taschenrechner aus“
Die Konkurrenz jedoch spottet, so wie Teamchef Peter Sauber: „Die Tankkapazität rechne ich auf einem Taschenrechner aus.“ Immerhin hat der Internationale Automobil-Verband (Fia) dem Umbau des Chassis zugestimmt, um Platz für einen größeren Benzinbehälter zu schaffen, der wegen des Nachtankverbots in dieser Saison zwingend notwendig ist.
Der Neuentwurf aber erfordert einen größeren Radstand, einen längeren Unterboden und eine Anpassung der Karosserie. Auch ein neuer Crashtest wird nötig sein, weshalb die Arbeiten nicht vor Beginn der Europa-Saison im Mai abgeschlossen sein werden. „Es ist so oder so keine perfekte Situation, aber dies ist Teil der Herausforderungen“, sagte Branson.
16 Runden Bahrein, 44 Runden Melbourne
Nur sechs Monate blieben dem Team, um das Auto zu konstruieren. Und um den Entwicklungsvorsprung der großen Teams wie Ferrari, McLaren, Red Bull oder Mercedes mit einem sechsfachen Budget (rund 250 Millionen Euro) aufzuholen, werden Jahre vergehen. Wenn es überhaupt gelingen kann. „Jeder Rennfahrer will gewinnen, aber man kann nicht erwarten, dass ein Team, das mit einem weißen Blatt Papier anfängt, gleich vorne reinfährt“, sagte Glock. Die Einstiegshürde für die neuen Teams, zu denen auch Lotus und das Hispania Racing Team zählen, ist einfach zu hoch.
Von der Spitze trennen ihn rund fünf Sekunden pro Runde. Aber das ist nicht der Maßstab. Vorläufig geht es nur darum, das Auto weiterzuentwickeln. In Bahrein war der Auftritt von Glock nach 16 Runden beendet, in Melbourne kreiste er immerhin 44 Mal durch den Albert Park. Es ist ein Wagnis, vielleicht sogar noch mehr. Bei Virgin setzt Glock seine Karriere als Rennfahrer aufs Spiel - scheitert das Projekt, könnte auch sein Name schnell in Vergessenheit geraten. Aber so weit denkt er nicht. Und dieses Mal gibt es ja auch Hoffnung, die von oben kommen könnte. In den vergangenen Tagen setzte immer wieder pünktlich am frühen Nachmittag starker Regen über Kuala Lumpur ein. Und so soll es bleiben.