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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 in Barcelona Sensation im Wunderland

 ·  Fünftes Rennen, fünfter Sieger - das gab es in der Formel 1 zuletzt 1983. In Barcelona gewinnt überraschend der Venezolaner Maldonado im Williams. Der Erfolg wird allerdings durch ein Feuer in der Box überschattet.

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© dapd Erst vor ihrer Nase, dann auf ihren Schultern: Pastor Maldonado mit Fernando Alonso (links) und Kimi Räikkönen

Wer hätte das gedacht? Vor ein paar Wochen schien Ferrari am Ende, abgehängt von der Spitze, in die Mittelklasse verdrängt, ein Gegner für Teams wie – zum Beispiel – Williams. So ist es dann nicht ganz gekommen. Am Sonntag, beim Großen Preis von Spanien, jagte Fernando Alonso, der Chefpilot der Scuderia, zwar einen Nobody namens Pastor Maldonado bis ins Ziel.

Die beiden aber kämpften nicht unter ferner liefen. Es ging um alles. Dieses Duell war der entscheidende Kampf des Tages, mit wechselnden Führungen je nach Boxenstopp-Termin, mit Beschleunigung und Verzögerungen, die das Publikum und alle Experten erstaunten. Zumal der Mann aus Venezuela die Nase vorn behielt.

Maldonado gewann mit einem Vorsprung von 3,195 Sekunden in seinem zweiten Formel-1-Jahr zum ersten Mal einen Grand-Prix. Hinter Alonso wurde Kimi Räikkönen (Lotus) Dritter. Damit bot die Formel 1 im fünften Rennen dieser Saison den fünften Sieger. So reich an Variationen zeigte sie sich zuletzt 1983. Und so sprudelten die Protagonisten der Show am Sonntag vor Freude über das neue Erscheinungsbild: Sie bieten eine Wunder-Formel.

„Das ist unglaublich, ich kann das kaum fassen, ein wunderbarer Tag für mich, das Team, mein Land, ich bin so glücklich“, sagte der Überraschungsgast Maldonado ruhig, fast gelassen. Die Pole Position, von McLaren-Pilot Lewis Hamilton wegen dessen Disqualifikation am Samstag geerbt, hatte er nach dem Start noch an Alonso verloren.

Aber dann zog er zur Freude seines Teamchefs Frank Williams das Rennprogramm wie ein alter Hase durch und via Boxenstopp an dem Spanier wieder vorbei. „Das ist eine erstaunliche Entwicklung“, erklärte der seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselte Sir Frank Wiliams, gerade 70 Jahre alt geworden.

Schumacher nimmt Senna im Kies aufs Korn

Die gesamte etablierte Szene, die Supertalente, die Grand-Prix-Sieger und Weltmeister nahmen an diesem Coup mehr oder weniger irritiert teil. Zum Beispiel die deutsche Fraktion. Etwa Michael Schumacher (Mercedes), der als Siebter in der dreizehnten Runde beim Überholen in den Williams von Bruno Senna krachte, bevor er im Kiesbett stehen blieb. „Idiot“, vernahm die Boxencrew am Funk.

Richtete sich da einer, bevor die Weltkritik über ihn herzog? Nein. Schumacher nahm Senna im Kies aufs Korn: „Im Windschatten attackiere ich, und kurz vor dem Anbremsen zieht er links rüber, ich versuche nach rechts auszuweichen und fahre ihm direkt ins Heck. Er hat beim Anbremsen noch mal die Seite gewechselt. Das ist nicht akzeptabel.“ Die Stewards sahen es anders, Schumacher wird in Monaco nach dem Qualifikationstraining um fünf Plätze zurückversetzt.

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Der Vettel-Finger kam in Barcelona nicht zum Vorschein, dafür der von Pastor Maldonado © AFP Der Vettel-Finger kam in Barcelona nicht zum Vorschein, dafür der von Pastor Maldonado

Schumacher hatte in Barcelona viel Zeit, die Triumph-Tour von Maldonado zu studieren. Und sah dabei, wie die hochgeschätzten deutschen Kollegen, Sebastian Vettel (Red Bull) auch wegen einer Durchfahrtstrafe auf Rang sechs, Nico Rosberg im zweiten Mercedes als Siebter und Nico Hülkenberg (Force India/10.) keine Chance hatten, dem Führungsduo auch nur nahe zu kommen.

Warum? Schulterzucken, wo man hinschaut. Das ist die Geste der Stunde in der Formel 1. „Es ist unglaublich. Vor ein paar Wochen hatten wir das absolut stärkste Auto, und nun sind wir wieder so weit hinten“, sagte Rosberg. Er kam 77,919 Sekunden nach Maldonado ins Ziel. Mit McLaren hatte man noch gerechnet.

Button, der Reifenflüsterer ohne Durchblick?

Und wenn Hamilton seinen Boliden nach der beeindruckenden Pole Position nicht auf der Strecke hätte stehen lassen, wenn er zu einer Benzinkontrolle in den Parc fermé gekommen wäre, dann hätte der Engländer sicher um den Sieg gekämpft, so wie er vom letzten Rang aus durch das Feld pflügte bis auf Rang acht. Da zeigte sich die Wirkung von McLarens Aufrüstung pünktlich zum ersten Europa-Rennen. Und trotzdem schaute einer ratlos wie Rosberg.

Hamiltons Teamkollege Jenson Button (9.) war schon im Zeittraining nur Elfter geworden. Als kenne er sich mit der Abstimmung seines Autos nicht mehr aus – oder mit dem Verhalten der Pneus. Button, der Reifenflüsterer ohne Durchblick? Das passte zu den formulierten Eindrücken.

„„Williams war vor drei Wochen nirgends“

Auch Vettel konnte sich die Schwäche seines Boliden nicht erklären. Alle rieben sich schon die Augen nach Maldonados zweitem Rang im Williams am Samstag. Selbst die Teamingenieure zeigten sich überrascht. Im Dauerlauf hatte Williams schon bei den Testfahrten überzeugt. Aber doch nicht beim Sprint? „Es ist für alle im Moment schwierig, alles zu verstehen, was hier passiert“, sagte Vettel: „Williams war vor drei Wochen nirgends, nun fahren sie uns allen um die Ohren.“

Und so gerieten wieder die ohnehin schwer zu kalkulierenden Reifen ins Visier. Im Fahrerlager kursierte das Gerücht, es gebe größere Leistungsschwankungen zwischen den einzelnen Sätzen. Manch Steuerkünstler und Reifeningenieur sei schwer verunsichert. Das würde zumindest die teils erstaunlich unterschiedlichen Ergebnisse von Teamkollegen erster Qualität erklären.

„Es hat viel zu lange gedauert, das hat mich geärgert“

Am Sonntagnachmittag aber zählte nur der erste Eindruck. Bei Williams flogen die Sektkorken, bei Ferrari machte sich Genugtuung breit. Pünktlich zum Frühjahr ist ein Roter wieder Spitze. Alonso liegt in der Fahrerwertung mit nun 61 Punkten gleichauf mit Vettel. Auch Hamilton (53) hat als Dritter nicht viel verloren. Und der Gewinner darf sich sicher sein, dass ihn nicht nur die Reifen so schnell ins Ziel trugen.

Als Maldonado beim Saisonstart in Australien Alonso in die letzte Runde gejagt hatte, verlor er die Nerven und landete in den Leitplanken. Am Sonntag behielt er unter Druck die Ruhe, jene Geduld, die seinen Teamchef seit Jahrzehnten auszeichnet. Der letzte Sieg für Sir Frank liegt acht Jahre zurück: Brasilien 2004. „Es hat viel zu lange gedauert, das hat mich geärgert“, sagte Williams. „Aber wir haben nie aufgegeben.“

Feuer in der Williams-Box nach dem Rennen

Der Sieg des Williams-Team wurde allerdings von einem Brand in der Box der Engländer überschattet. Während der Aufstellung zum gemeinsamen Siegerfoto hatte sich im hinteren Teil der Box ein Feuer entzündet, das rasend schnell um sich griff. Die Teammitglieder sowie Besucher flohen vor den Flammen und dem dichten schwarzen, beißenden Rauch, der sich schnell über das Fahrerlager legte.

Bei dem Versuch, wertvolle Teile aus der Box zu tragen, erlitt wenigstens ein Mechaniker Brandverletzungen an beiden Armen und beiden Beinen, andere wurden wegen Rauchvergiftungserscheinungen behandelt. An den Löscharbeiten beteiligten sich Mechaniker mehrerer Teams. Während des Feuers befand sich nur das Auto von Bruno Senna aufgebockt in der Box. Der Wagen des Rennsiegers Pastor Maldonado stand im Parc fermé.

Nach Angaben des Internationalen Automobilverbandes wurden neun Menschen verletzt, sieben von ihnen kamen in ein örtliches Krankenhaus. Insgesamt hätten 31 Teammitglieder das medizinische Zentrum an der Rennstrecke aufgesucht.

Grand Prix von Spanien in Barcelona

1. Pastor Maldonado (Venezuela) Williams 1:39:09,145 Std. (Schnitt: 185,838 km/h)
2. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 3,195 Sek. Sek.
3. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus + 3,884
4. Romain Grosjean (Frankreich) Lotus + 14,799
5. Kamui Kobayashi (Japan) Sauber + 1:04,641 Min.
6. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull + 1:07,576
7. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes + 1:17,919
8. Lewis Hamilton (England) McLaren Mercedes + 1:18,140
9. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 1:25,246
10. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India + 1 Runde
11. Mark Webber (Australien) Red Bull + 1 Runde
12. Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso + 1 Runde
13. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso + 1 Runde
14. Paul di Resta (Schottland) Force India + 1 Runde
15. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 1 Runde
16. Heikki Kovalainen (Finnland) Caterham + 1 Runde
17. Witali Petrow (Russland) Caterham + 1 Runde
18. Timo Glock (Wersau) Marussia + 2 Runden
19. Pedro de la Rosa (Spanien) HRT + 3 Runden

Ausfälle: Michael Schumacher (Kerpen) Mercedes (13. Runde/Kollision); Bruno Senna (Brasilien) Williams (13. Runde/Kollision); Narain Karthikeyan (Indien) HRT (23. Runde/Defekt); Charles Pic (Frankreich) Marussia (36. Runde/Defekt); Sergio Perez (Mexiko) Sauber (38. Runde/Defekt)

Schnellste Rennrunde: Romain Grosjean (Lotus) 1:26,250 Min.
Pole Position: Pastor Maldonado (Williams) 1:22,285 Min.

Fahrer-Wertung nach 5 von 20 Rennen:

1. Sebastian Vettel 61 Punkte
2. Fernando Alonso 61
3. Lewis Hamilton 53
4. Kimi Räikkönen 49
5. Mark Webber 48
6. Jenson Button 45
7. Nico Rosberg 41
8. Romain Grosjean 35
9. Pastor Maldonado 29
10. Sergio Perez 22
11. Kamui Kobayashi 19
12. Paul di Resta 15
13. Bruno Senna 14
14. Jean-Eric Vergne 4
15. Nico Hülkenberg 3
16. Daniel Ricciardo 2
17. Felipe Massa 2
18. Michael Schumacher 2

Team-Wertung nach 5 von 20 Rennen:

1. Red Bull 109 Punkte
2. McLaren Mercedes 98
3. Lotus 84
4. Ferrari 63
5. Mercedes 43
6. Williams 43
7. Sauber 41
8. Force India 18
9. Toro Rosso 6

Nächstes Rennen: GP Monaco am 27. Mai in Monte Carlo

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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