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Formel 1 in Bahrein Crash in der Wüste

 ·  Politiker, Menschenrechtsorganisationen und Medien haben den Auftritt der Formel 1 in Bahrein schwer kritisiert. Aber Fia-Präsident Todt ist zufrieden: Er sieht keinen Schaden. Auch im kommenden Jahr soll die Rennserie den Formel 1-Tross wieder in den Persischen Golf führen.

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© dpa Nahe Manama qualmten am Wochenende nicht nur die Reifen, sondern auch das Tränengas der Polizei

Einen Tag vor einem der umstrittensten Grand Prix in der Geschichte der Formel 1 spaziert Jean Todt durch das Fahrerlager des Bahrein International Circuit - aufrechter Gang, ein Lächeln im Gesicht. Der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) soll Antworten liefern, doch zunächst möchte er gar nichts sagen. Todt spricht an diesem Wochenende nur mit ausgewählten Journalisten, viele andere haben seiner Meinung nach zu kritisch berichtet. „Wir sind eine Sportorganisation, wir interessieren uns nur für den Sport“, behauptet der Sechsundsechzigjährige.

Die Politik aber interessiert sich für den Sport. Die Veranstalter in Bahrein haben den diesjährigen Grand Prix unter das Motto gesetzt: „UniF1ed - one nation in celebration“. (Vereinigt - eine Nation feiert.) „Es wäre ein Fehler gewesen“, fügt Todt hinzu, „nicht hierher zukommen.“ Keiner von den Teamchefs hat ihm öffentlich widersprochen.

Am Tag des Rennens, das Sebastian Vettel gewann sind noch mehr Polizisten auf den Straßen zu sehen als zuvor, sie halten Maschinenpistolen in den Händen, stehen vor gepanzerten Fahrzeugen und errichten Sicherheitskontrollen. Protestierer versperren für zehn Minuten die Autobahn. Den Ablauf des Grand Prix stören sie nicht.

Nur die Haupttribüne ist besetzt. Wer in das Fahrerlager will, muss seine Taschen öffnen und einen Metalldetektor passieren. Der Große Preis von Bahrein soll mit allen Mitteln durchgesetzt werden. Trotz der zumeist friedlichen Proteste in der Hauptstadt, der Unruhen in den Dörfern, weiteren angeblich 80 Verhaftungen, der Verletzten und Toten. Erst am Samstag ist eine weitere Leiche gefunden worden.

Opfer klagen an

„Ich hoffe, dass diese Fahrer, die nicht über die Geschehnisse sprechen wollen, eines Tages ihre Meinung ändern. Wenn nicht, werden ihre Kinder sie vielleicht fragen, warum sie in einem Land ein Rennen gefahren sind, in dem die Herrschenden so viele Leute verhaften und foltern“, sagte Zainab Al-Khawaja der britischen Zeitung „Independent“. Ihr Vater Abdulhadi Al-Khawaja befindet sich seit mehr als siebzig Tagen im Hungerstreik, er war nach den blutigen Unruhen im Vorjahr verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Sehenden Auges ist die Formel 1 mitten hinein gerast in diesen Konflikt, aber erst vor Ort wird dem Tross bewusst, was das bedeutet. Das Team von Force India verzichtete am Freitag auf das zweite Training und verließ vorzeitig die Strecke. Zu groß ist die Angst, dass im Dunkeln wieder ein Molotowcocktail neben einem der Mechaniker-Busse explodieren könnte. So, wie es am Mittwochabend passiert ist. Am Qualifying und am Grand Prix nahm der Rennstall teil, doch die beiden Autos wurden am Samstag im Fernsehen nicht gezeigt. Eine späte Strafe? „Nein“, behauptete Chefvermarkter Bernie Ecclestone. Der Brite verwies darauf, dass das Logo für eine Whiskey-Marke sich nicht mit dem Verbot von Alkoholwerbung in Bahrein vereinbaren lassen. Am Sonntag fuhr Force India damit flott durchs Bild.

Das Fahrerlager in der Steinwüste ist kein Ort der freien Meinungsäußerung, die Verantwortlichen der Rennställe fürchten Konsequenzen und ziehen sich zurück in ihre Trutzburgen. Doch die Proteste, die Bilder der vergangenen Tage, haben einige von ihnen nachdenklich gestimmt: „Nach dem Rennen müssen wir uns zusammensetzen und darüber reden“, sagte Mercedes-Teamchef Ross Brawn mit ernster Miene. „Danach müssen wir zu einer soliden Einschätzung kommen und eine Schlussfolgerung treffen.“

Rennfahrer und Außenpolitik

Die Kritik an der Veranstaltung ist von Tag zu Tag größer geworden, vor allem in England forderten einige Politiker zuletzt vehement die Absage des Grand Prix. „Es ist sehr enttäuschend, dass sie sagen, wir sollten auf den Start verzichten, obwohl wir schon hier sind. Weshalb haben sie das nicht schon vorher gesagt?“, fragte Brawn. „Es ist nicht richtig, dass Jenson Button und Lewis Hamilton die Linie der britischen Außenpolitik vorgeben sollen.“

Todt soll die Linie der Formel 1 vorgeben, er hat sich bewusst für Bahrein entschieden. Zu groß sind die Verflechtungen der Rennserie mit der arabischen Welt. So haben unter anderem McLaren, Mercedes und Ferrari Sponsoren aus der Region, Ecclestone verspricht sich dort auch in der Zukunft große Geschäfte, 39 Millionen soll allein das Königreich Bahrein in diesem Jahr für den Grand Prix überweisen - so viel wie kein anderer Veranstalter. Und Fia-Präsident Todt braucht den Nahen Osten zur Machterhaltung. Anders als Deutschland besitzen die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrein einen Platz im World Motor Sport Council, dem wichtigsten Gremium der Fia.

„Die Formel 1 hat keinen Schaden genommen“

Mit der Bahrein-Frage erlebt er die erste kritische Phase seit seiner Wahl im Oktober 2009. „Wir wissen, dass Proteste negative Folgen haben können“, erklärte er am Samstag und vergleicht die politisch begründeten Auseinandersetzungen mit Fußball-Krawallen in Europa. „Die Formel 1 ist eine starke Marke. Alle, mit denen ich im Fahrerlager gesprochen habe, sind sehr happy. Die Formel 1 hat keinen Schaden genommen.“

Andere haben Zweifel daran, der Kolumnist des britischen „Guardian“ fragte zum Beispiel: „Gibt es einen Sport, der schlechter regiert wird als die Formel 1? Ecclestone und Todt führen sich auf wie zwei Bürgermeister im Spielzeugland.“ Am Samstag veröffentlicht die „Times“ eine Karikatur, die Ecclestone in einem Rennwagen zeigt, der von einem Scheich mit Blut betankt wird. Im Hintergrund sind Leichen zu sehen.

Vor dem Rennen versprach König Hamad Bin Issa Al Khalifa Reformen und stellte Gespräche mit der Opposition in Aussicht. Genau das hatte er nach dem Beginn der Proteste im Februar des vergangenen Jahres schon einmal getan. Verändert hat sich seitdem wenig. „Wenn die Formel 1 weg ist, werden die Repressionen weitergehen, die Welt wird nur nichts mehr davon hören“, sagt Nabeel Rajab, Vizepräsident des Zentrums für Menschenrechte in Bahrein. Vermutlich wird die Formel 1 im kommenden Jahr wieder nach Bahrein kommen. Der Vertrag läuft bis 2016.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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