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Formel 1 in Amerika Auf der Achterbahn in Texas

Schon wieder versucht die Formel 1, die Vereinigten Staaten als Wirtschaftsgebiet zu erobern. Ohne kräftige Investitionen wird sie nicht landen. Fehlgeschlagene Versuche gibt es genug.

© AFP Vergrößern Auf Sand gebaut? Dort, wo David Coulthard 2011 Staub aufwirbelte, liegt nun ein blitzsauberes Asphaltband

Eine Rennstrecke inmitten der Einöde. Kühe grasen nur ein paar hundert Meter entfernt, durch die Einsamkeit führt die Route 185 zum „Circuit of the Americas“ in Austin. Ein Spektakel soll der erste Grand Prix in den Vereinigten Staaten nach fünf Jahren Abstinenz werden, deshalb haben Investoren rund 400 Millionen Dollar ausgegeben. Fünfeinhalb Kilometer pro Runde durch das Buschland, zwanzig Kurven und ein Höhenunterschied von mehr als vierzig Metern - mancher nennt den Kurs schon die Texas-Achterbahn.

Michael Wittershagen Folgen:  

Vor dem Start an diesem Sonntag werden sie dort das Sternenbanner hissen, die amerikanische Nationalhymne singen und vier Kampfflieger wie zur Begrüßung über die Tribünen donnern lassen. „Wir hoffen, dass die Formel 1 endlich in Amerika ankommt“, sagt Bernie Ecclestone, der Chefvermarkter der Rennserie. „Das ist mein ehrgeiziges Ziel und schwieriger zu erreichen als die Erschließung der asiatischen Märkte.“

Die Amerikaner lieben es, wenn Autos um die Wette fahren

Von Europa aus hat die Formel 1 die Welt erobert, in den vergangenen Jahren breitete sie sich vor allem in der östlichen Hemisphäre mehr und mehr aus. In den Vereinigten Staaten allerdings hinterließen die Besuche bisher keine großen Eindruck: Riverside, Sebring, Watkins Glen, Long Beach, Las Vegas, Detroit, Dallas, Phoenix und schließlich Indianapolis - Versuche, mit der Formel 1 zu landen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten genug.

Formel 1 - GP USA © dpa Vergrößern Zwanzig Kurven und ein Höhenunterschied von mehr als vierzig Metern: Es hängt von der Formel 1 ab, ob sie auf der jüngsten Rennstrecke die Herzen der Amerikaner erobert

„Es fehlt ein All-American-Rennstall“, sagt Dietrich Mateschitz, der Gründer des Konzerns Red Bull und Besitzer des gleichnamigen Rennstalls: „In dem Moment, in dem es ein hundertprozentiges amerikanisches Team mit einem amerikanischen Motorenhersteller, mit amerikanischen Fahrern gibt, hätte die Formel 1 den Schlüssel in der Hand.“ 2010 probierte dies der Rennstall USF1, konnte jedoch nicht genügend Geldgeber aufbringen. Dabei lieben es die Amerikaner, wenn Autos um die Wette fahren. Nascar ist dort der zweitgrößte Sport hinter American Football. Populärer als Basketball und Baseball. Mehr als dreißig Rennen pro Jahr werden in dieser Meisterschaft gefahren, die meisten auf Rennstrecken-Ovalen mit Steilkurven. Das Durchschnittstempo liegt jenseits von 200. Nascar-Piloten sind Stars in den Vereinigten Staaten.

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit ein Amerikaner das letzte Mal in der Formel 1 großes Aufsehen erregte: Mario Andretti, Weltmeister 1978. Amerikanische Nachwuchspiloten, die nach Europa drängen, gibt es kaum. Zuletzt versuchte sich 2006 und 2007 Scott Speed bei Toro Rosso. Der Name Speed klang vielversprechend, die Leistungen waren es nicht. Schließlich übernahm Sebastian Vettel das Cockpit und begann damit seinen Aufstieg. Er wechselte zu Red Bull, wurde Weltmeister.

„Amerika ist wichtig für uns, aber Amerika braucht uns nicht“

New York, im Juli 2012: Nach dem Rennen in Montreal reist Vettel für ein paar Tage in die Vereinigten Staaten, der Grenzbeamte kontrolliert seinen Pass, fragt kritisch: „Was haben Sie in Kanada gemacht?“ Vettel: „Ich war beim Grand Prix.“ - „Hatten Sie einen guten Sitzplatz?“ Fast überall auf der Welt wird der Fünfundzwanzigjährige erkannt, sogar in Indien, China oder Malaysia. In Amerika gilt Vettel jedoch erst seit seinem Auftritt in der Show von Talklegende David Letterman im vergangenen Sommer als Größe. Auch wegen seiner Schlagfertigkeit. Kariertes Hemd, Jeans, Turnschuhe - so saß Vettel da und griff sich beherzt zwischen die Beine, als Letterman ihn fragte, was man in der Formel 1 eigentlich brauche: „Big balls.“ Da lachten die Amerikaner.

Das Rennen in Austin ist das einhundertste von Vettel in der Königsklasse des Motorsports. Läuft es perfekt, dann könnte er am Sonntag zum dritten Mal in Serie Weltmeister werden. Zwei Grands Prix vor dem Ende der Saison führt er in der Gesamtwertung vor seinem einzig verbliebenen Gegner Fernando Alonso im Ferrari (255:245 Punkte). Die Kulisse in Austin wird dem Anlass angemessen sein. 120.000 Karten wurden für den Rennsonntag verkauft, rund 300.000 Menschen werden insgesamt in der Stadt erwartet. Die Hotels in der Nähe der Strecke sollen schon seit Wochen ausgebucht sein, teilweise zu Preisen von bis zu 800 Dollar pro Nacht. Abseits der Strecke haben die Amerikaner ein Spektakel organisiert. So treten unter anderem Aerosmith und Enrique Iglesias auf. „Amerika ist wichtig für uns, aber Amerika braucht uns nicht“, sagt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. „In Amerika haben sie viele tolle Sportarten, viele Unterhaltungsmöglichkeiten. Es wird ein paar Jahre dauern, bis der Funke wirklich überspringt.“

Dass er überspringt, ist wichtig für die Protagonisten der Formel 1. Nicht einmal die Hälfte der Rennställe besitzt noch eine stabile finanzielle Basis. Die Vereinigten Staaten versprechen nun nicht nur Aufmerksamkeit, sie sollen auch neue Werbepartner begeistern. „So wichtig China, Japan und Indien sind, die Vereinigten Staaten bleiben sicherlich noch einige Jahre mit ihren 300 Millionen Einwohnern ein Hauptwirtschaftsgebiet“, sagt Mateschitz. Noch immer ist Amerika einer der bedeutendsten Automärkte weltweit, auch deshalb wollte die Formel 1 von der kommenden Saison an gleich zwei Mal im Jahr im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Station machen: in Austin und in New Jersey. Doch der schöne Plan scheiterte, weil der Kurs vor den Toren New Yorks nicht rechtzeitig fertig wird. Es mangelt am Geld. Der Vertrag mit Austin geht bis 2022. Zehn Jahre, in denen sich die Formel 1 in die Herzen der Amerikaner fahren muss, wenn sie landen will. Zur Beschleunigung denkt Mateschitz an die Investition des Rennzirkus in einen amerikanischen Rennstall. „Wenn eine Sache vernünftig ist und dann noch Emotionen mitspielen, dann fällt eine Entscheidung (für einen Einstieg amerikanischer Sponsoren) leichter“, sagt Mateschitz: „Wenn sie aber fremd bleibt, dann wird man nicht weit kommen.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 16.11.2012, 10:04 Uhr

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