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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Formel 1 in Abu Dhabi Vettel besteht die Reifeprüfung

 ·  Vor dem Rennen glaubt nicht einmal sein Team an einen Erfolg. Sebastian Vettel geht aus der Boxengasse in den Grand Prix von Abu Dhabi und wird Dritter hinter dem Sieger Kimi Räikkönen und Fernando Alonso. Der dritte WM-Titel ist greifbar.

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© dpa Lichtblick in der Dunkelheit von Abu Dhabi: Vettel wird noch Dritter

Erster Sieg für Lotus der Neuzeit, erster Sieg für Kimi Räikkönen seit Spätsommer 2009, erster Triumph für den Finnen seit seiner Rückkehr vom Rallye-Ausflug im Frühjahr. Aber der große Gewinner stand auf dem Podium links neben ihm, ausgelassen, glücklich, sprudelnd vor Freude über das Happy-End der wohl kuriosesten Renngeschichte seiner Laufbahn: Sebastian Vettel, wegen einer Strafversetzung als Vorletzter gestartet, kam beim Großen Preis von Abu Dhabi am Sonntag als Dritter hinter Räikkönen und Fernando Alonso im Ferrari ins Ziel.

Damit bleibt Vettel bestens im Rennen um den WM–Titel. Sein Vorsprung ist, zwei Grand Prix vor Ende der Saison, von dreizehn Punkten vor Alonso auf nur zehn gesunken. „Wenn ich von Platz drei hätte starten können, dann wäre es ein anderes Rennen geworden“, sagte Vettel, „aber letztlich haben wir das Maximum hingekriegt. Da bin ich stolz drauf.“

Ob ein halber Liter Benzin die WM entscheidet? Das ist noch nicht entschieden. Aber zumindest hat das Desaster von Red Bull am Samstag, mehr wegzulassen, als erlaubt ist, den Heppenheimer zu einer ähnlichen Handlung gezwungen. Am Sonntag musste Vettel alles aus sich herausholen, um den fatalen Fehler ausgleichen zu können. Volle Attacke in der Nacht von Abu Dhabi das Feld von hinten aufrollen: Kann er das?

Dem 25 Jahre alten Heppenheimer ist immer wieder vorgeworfen worden, in Rennen vorwiegend nur von vorne glänzen zu können. Obwohl er 2011 Alonso in Monza auf dem Weg zum Sieg spektakulär überholte. Diesmal schoss er aus der Boxengasse dem Feld hinterher, sauste innerhalb von acht Runden auf Rang 13 vor, aber mit einem unsicheren Gefühl. Denn im Kampfgetümmel hatte der Frontflügel des Red Bull ein Stück verloren.

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Aufholjagd in der Dämmerung von Abu Dhabi: Vettel fährt aus der Box auf Platz drei © AFP Aufholjagd in der Dämmerung von Abu Dhabi: Vettel fährt aus der Box auf Platz drei

Vettel scherte sich nicht darum: „Ich wollte nur voran kommen.“ Und profitierte von der Gebrechlichkeit der Konkurrenz. Weil die Lenkung des HRT von Narain Karthikeyan in der zehnten Runde brach und der Inder abrupt aufs Bremspedal stieg, prallte Nico Rosberg mit seinem Mercedes in das Heck des Vordermannes, stieg auf und landete mit seinem Silberpfeil in der Streckenbegrenzung.

Rosberg blieb unverletzt, das Trümmerfeld aber zwang die Rennleitung einzugreifen. Mit der Ausfahrt des Safety-Cars verdichtete sich das Feld. Vettel dachte schon an fette Beute, zwölf Sekunden hinter dem führenden Hamilton im McLaren. Wenn da nicht Daniel Ricciardo im Bummelzug hinter dem Sicherheitsfahrzeug mit überraschenden Manövern die Reifen des Toro Rosso auf Temperatur gehalten hätte.

„Bravo Fernando, alles läuft für uns“

Zur Vermeidung einer Kollision wich Vettel aus wie der gemeine Autofahrer vor dem plötzlichen Anblick eines Stauendes. Dabei zertrümmerte eine Styropor-Werbung auf dem Asphalt neben der Piste den Frontflügel vollends: Ab zur Box, neue Nase, altes Spiel: Für Vettel begann der Neustart vom letzten Platz.

Das sind die Momente der Champions. Haben sie die Nerven? Alain Prost, viermaliger Weltmeister, sah in der Konstellation von Abu Dhabi eine Art Superreifeprüfung, für Vettel wie Alonso. Der Spanier hielt sich fern von allen Kontakten. Obwohl er attackierte, Vettels Teamkollegen Mark Webber mit dem Speed seines Boliden schnell auf der Geraden hinter sich ließ.

Auf die Hundertstelsekunde genau?

„Bravo Fernando, alles läuft für uns“, teilte ihm die Kommandozentrale mit. Da war Lewis Hamilton gerade liegengeblieben, saft- und kraftlos nach einer Führungs-Demonstration mit erstbestem Sieganspruch. Da fährt McLaren endlich einmal wieder vorne weg und hält damit Ferraris Chefpiloten fern vom größeren Punktgewinnen.

Und dann rollt der Bolide aus. Räikkönen erbte den ersten Rang und Alonso, nach einem weiteren Überholmanöver, Platz zwei, satte 18 Punkte. Lange vor der letzten Runde jubelte die Boxencrew der Roten. Weil sie wusste, dass man nach ihrem Liebling die Uhr stellen kann, auf die Hundertstelsekunde genau?

„Niemals. Obwohl er davon überzeugt war“

Und wo blieb Vettel? „Wir glaubten, dass er vielleicht Siebter, Achter werden könnte“, sagte Teamchef Christian Horner, „aber auf das Podium? Niemals. Obwohl er davon überzeugt war.“ Also hat Horner aufgeregt die Stationen Vettels mitgezählt: Erst 21., dann bald 15., 12., 7. und vor dem zweiten Boxenstopp Zweiter hinter Räikkönen. Glück hatte der Tüchtige auch.

Ein Zweikampf zwischen Webber und Felipe Massa (Ferrari) öffnete ihm den Weg in die Spitze. Der Australier hatte den Brasilianer in einen Dreher gezwungen. Da sage noch einer, Webber sei Vettel keine Hilfe. Zumal er in der 39. Runde – als Unfallopfer – seinemTeamkollegen noch einmal zu Diensten war. Webber krachte mitten hinein in den Zwist des später bestraften Mexikaners Sergio Perez (Sauber) mit Romain Grosjean (Lotus).

„Ja, ja, ja, ja. Ich mach das alles“

Selbst Trümmer bringen Glück. Wenn auch nicht jedem. Michael Schumacher fiel wegen eines Reifenschadens von Rang acht auf elf zurück. Für Vettel aber begann mit dem Ausrücken des Sicherheitsfahrzeuges und seiner Abfahrt 13 Runden vor dem Ende das Rennen zum zweiten Mal mit einer hervorragenden Aussicht. Als Vierter jagte er nicht mal drei Sekunden hinter seinem Rivalen Alonso (Zweiter) her, nur getrennt durch Jenson Button (McLaren).

Runden zuvor war es ein Kinderspiel gewesen gegen die HRT und Maurissa. Jetzt hing Vettel am Ende des WM-Zuges der Champions – vor sich: den gelassenen Button, den cleveren Alonso und den ultracoolen Räikkönen. Allesamt Meister der Verteidigungskunst bei Tempo 300, kaum auszubremsen oder zu irritieren. „Ja, ja, ja, ja. Ich mach das alles, ihr braucht mich nicht immer daran zu erinnern“, rief Räikkönen seinem warnenden Ingenieur zu und bat um etwas mehr Funkstille: „Lasst mich in Ruhe.“

Flucht nach vorne als untrügliches Signal

Auch Vettel brauchte keine Ratschläge. Mal rechts, mal links griff er Button an, näherte sich bis auf wenige Zentimeter, fuhr fast parallel mit ihm in die Kurven hinein. Da fliegen die Fetzen, wenn die Nerven streiken. Nicht einen Kratzer fügten sich die beiden zu, während die Mechaniker vor Spannung in den Garagen die Wangen aufbliesen, bevor sie, bei Red Bull, ihre Freude herausbrüllten.

53. Runde: Vettel schiebt sich um Haaresbreite vorbei auf Rang drei. Minuten später lacht der Hesse im Ziel über das ganze Gesicht: Erst von Rang 22 auf sechs, dann von 21. auf drei, direkt hinter Alonso. Dessen fast vergebliche Flucht nach vorne ist ein untrügliches Signal: Vettel ist auf dem besten Weg, den Formel-1-Chefpiloten zu überholen.

Endergebnis vom Rennen in Abu Dhabi

55 Runden à 5,554 km/305,355 km

1. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus 1:45:58,667 Std. (Schnitt: 172,879 km/h)
2. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 0,852 Sek.
3. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull + 4,163
4. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 7,787
5. Pastor Maldonado (Venezuela) Williams + 13,007
6. Kamui Kobayashi (Japan) Sauber + 20,076
7. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 22,896
8. Bruno Senna (Brasilien) Williams + 23,542
9. Paul di Resta (Schottland) Force India + 24,160
10. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso + 27,463
11. Michael Schumacher (Kerpen) Mercedes + 28,075
12. Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso + 34,906
13. Heikki Kovalainen (Finnland) Caterham + 47,764
14. Timo Glock (Wersau) Marussia + 56,473
15. Sergio Perez (Mexiko) Sauber + 56,768
16. Witali Petrow (Russland) Caterham + 1:04,595 Min.
17. Pedro de la Rosa (Spanien) HRT + 1:11,778

Ausfälle:

Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India (1. Runde/Unfall); Narain Karthikeyan (Indien) HRT (8. Runde/Unfall); Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes (8. Runde/Unfall); Lewis Hamilton (England) McLaren Mercedes (20. Runde/Defekt); Romain Grosjean (Frankreich) Lotus (38. Runde/Unfall); Mark Webber (Australien) Red Bull (38. Runde/Unfall); Charles Pic (Frankreich) Marussia (42. Runde)

Schnellste Rennrunde: Sebastian Vettel (Red Bull) 1:43,964 Min.
Pole Position: Lewis Hamilton (McLaren Mercedes) 1:40,630 Min.

Fahrer-Wertung nach 18 von 20 Rennen:

1. Sebastian Vettel - 255
2. Fernando Alonso - 245
3. Kimi Räikkönen - 198
4. Mark Webber - 167
5. Lewis Hamilton - 165
6. Jenson Button - 153
7. Felipe Massa - 95
8. Nico Rosberg - 93
9. Romain Grosjean - 90
10. Sergio Perez - 66
11. Kamui Kobayashi - 58
12. Nico Hülkenberg - 49
13. Paul di Resta - 46
14. Pastor Maldonado - 43
15. Michael Schumacher - 43
16. Bruno Senna - 30
17. Jean-Eric Vergne - 12
18. Daniel Ricciardo - 10

Team-Wertung nach 18 von 20 Rennen:

1. Red Bull - 422
2. Ferrari - 340
3. McLaren Mercedes - 318
4. Lotus - 288
5. Mercedes - 136
6. Sauber - 124
7. Force India - 95
8. Williams - 73
9. Toro Rosso - 22

Nächstes Rennen: GP Vereinigte Staaten am 18. November in Austin/Texas

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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