Ein letztes Mal noch - und dann ist Schluss? Auf der Zielgeraden seiner Karriere stellt Michael Schumacher die Experten im Fahrerlager der Formel 1 noch einmal vor ein Rätsel. Noch weiß niemand, ob der Dreiundvierzigjährige am Ende dieser Saison endgültig aus dem Cockpit steigt - vermutlich nicht einmal er selbst. Der Große Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring an diesem Sonntag könnte sein letztes Rennen in Deutschland gewesen sein. Es begann mit verlockenden Aussichten: Startplatz drei und endete auf Platz sieben.
Der Star
Weihnachten und Ostern fallen 1995 zusammen, auf einen Tag im Hochsommer: den 30. Juli. „Manche brechen heulend zusammen, andere begnügen sich damit, die Piste zu küssen, auf der Schumacher zum Sieg fuhr“, schreibt die F.A.Z. am Tag darauf über die Fans im Schumi-Rausch. Ihr Idol gewinnt den Großen Preis von Deutschland, als erster Deutscher seit Rudolf Caracciola 1938. Bescherung auf dem Hockenheimring für ein Land im Formel-1-Rausch.
Bis auf den letzten Platz ist das Motodrom damals gefüllt. Solch ein Andrang herrscht seit Jahren nicht mehr, wenn die Formel 1 nach Deutschland kommt. Gerd Fritzsche verkaufte schon in jenen goldenen Zeiten Fanartikel an die Camper im Wald rund um die Strecke, einige Devotionalien mit Genehmigung von Schumachers damaligem Manager Willi Weber. „Die Lizenz für die Michael-Schumacher-Zigarettentasche hat mich 44 000 D-Mark gekostet. Hat sich gelohnt. Ein gutes Geschäft.“
Drei Wagen hatte Fritzsche in den neunziger Jahren und bis ins neue Jahrtausend rund um den Hockenheimring aufgebaut, heute ist er froh, wenn die Ware am verbleibenden Stand einigermaßen weggeht. Fritzsche hat das Schumi-Fieber kommen und gehen sehen. Heute braucht die Formel 1 Schumacher, um einigermaßen Betriebstemperatur zu erreichen. Er ist noch immer ihr größter Star - erst recht, wenn in Deutschland gefahren wird.
Gut 50.000 Karten wurden in diesem Jahr vorab verkauft, die Streckenbetreiber müssen sich strecken, keine roten Zahlen zu schreiben. Wieder einmal. „Wir rechnen eigentlich nicht mit einem gewinnbringenden Geschäft. Bei einem Sieg von Michael Schumacher wäre der Verkauf sicher deutlich stärker“, sagte Gerd Seiler, Geschäftsführer der Hockenheimring AG, angesprochen auf die mauen Vorverkaufszahlen. Zum Vergleich: „Sebastian Vettels Erfolg ist offenbar nichts Neues mehr für die Fans.“ Schumacher zieht immer noch.
Seiler ist nicht der Einzige, der sich wünscht, dass der Dreiundvierzigjährige noch lange weiterfährt. „Zehn Jahre“ oder gleich „für immer, von mir aus“, wünscht sich Chefvermarkter Bernie Ecclestone, dürfe Schumacher noch bleiben. Man könnte auch sagen: Er muss.
Der Fahrer
All die Zweifel sind verschwunden, die Kritiker sind verstummt, nun stellen sich plötzlich die Bewunderer wieder vor die Kameras. Erstmals seit 2006 ist Schumacher in Valencia Ende Juni wieder auf das Podium gerast, und spätestens dort hat er allen bewiesen, dass er es noch immer kann. Dabei wollte er es sich in erster Linie selbst beweisen. Wozu ist der eigene Körper noch fähig? Ist es möglich, mit den Jungen und Ehrgeizigen mitzuhalten in einem Sport, der der ständigen Erneuerung unterliegt?
„Michael ist vermutlich der Größte, den es hier jemals gab. Das war so, und das ist noch immer so“, sagt Felipe Massa, der bei Ferrari viele Jahre ein treuer Helfer für Schumacher war. 91 Rennen auf vier Kontinenten hat der Kerpener gewonnen, sieben Mal wurde er Weltmeister und hat die Formel 1 beherrscht wie niemand vor ihm und keiner danach. Weltmeister Sebastian Vettel, Teamkollege Nico Rosberg - beide sind Kinder des Schumacher-Booms in Deutschland. Und heute seine Gegner.
Seine Perfektion war ihnen ein Vorbild, und noch heute arbeitet Schumacher so, als stünde er erst am Beginn einer großen Karriere. Zwei tägliche Trainingseinheiten an fünf Tagen in der Woche. Er klettert, und oft setzt er sich auf das Rennrad. Zwei bis drei Stunden mit durchschnittlich mehr als dreißig Kilometern in der Stunde. Sein Körper wirkt noch definierter als zu Beginn seines Comebacks. Schumacher sieht nicht aus, als stünde sein Ende in der Königsklasse des Motorssports unmittelbar bevor. Und er verhält sich auch nicht so, treibt das Team unermüdlich an, fordert Verbesserungen, will der Perfektion nahe kommen.
Aber die Zeit läuft gegen ihn, nicht nur wegen seines Alters. Verliert Mercedes in den kommenden Wochen den Anschluss an die Spitze, dann wird das Team seine Energie vorwiegend in die Entwicklung des Boliden für die neue Saison stecken. Das ist nachvollziehbar - und schlecht für Schumacher. Denn vielleicht hat er nur dieses eine Jahr, um noch einmal zu gewinnen.
Der Mensch
Der Mensch Schumacher? Erst im zweiten Abschnitt seiner Karriere wird er von vielen als solcher wahrgenommen. Vorher war er der Dominator, der Seriensieger, der Fahrer mit dem Tunnelblick. Ein Roboter, der in seiner rasenden Maschine selbst zu einer geworden ist.
Das war die Fassade, doch dahinter steckte schon immer mehr. Ein Mann, der Jahr für Jahr Geld spendet, damit aber nicht an die Öffentlichkeit geht. Einer, der die Geburtstage seiner Mechaniker kennt und jene ihrer Ehefrauen und ihnen Glückwünsche schickt. Einer, dem die Familie mehr bedeutet als alles andere und der sein Privatleben so schützt wie nur wenige Stars. Beinahe jeder Mensch auf dieser Welt kennt Schumacher, in China ist er ein Star, in Indien bejubeln ihn die Menschen, die amerikanische Talklegende David Letterman hat gleich mehrfach versucht, ihn in seine Sendung einzuladen. Ohne Erfolg.
Sein Gesicht wirbt weltweit, im Fernsehen und auf Plakaten. Seine Fans nennen ihn „Schumi“, als wäre er einer von ihnen. Und irgendwie ist er das trotz Reichtums und Erfolgs auch geblieben. Kaum etwas begeistert ihn mehr als die Raserei. An seinen freien Wochenenden setzt er sich noch immer oft ins Kart. „Wenn du abends Schmiere an den Fingern hast, dann war es ein schöner Tag“, sagt Schumacher.
Der Geruch von Gummi und Asphalt, die Geschwindigkeit, der Kick - Schumacher liebt das. Aber er braucht die Formel 1 nicht mehr, sie braucht ihn noch immer. Er kann selbst entscheiden, ob sich sein Leben weiterhin im Kreis drehen soll.