Alles soll normal sein. Alles ist normal, sagt Sebastian Vettel: „Ein Rennen wie jedes andere.“ So hat auch Fernando Alonso am Donnerstag gesprochen. Ihm bietet sich die letzte Chance, Vettel noch einzuholen und, endlich, zum dritten Mal, Weltmeister zu werden. Der Hesse könnte gleich zum dritten Mal in Serie den Titel gewinnen, also wieder Geschichte schreiben. Aber der Pulsschlag der beiden ist kaum fühlbar vor dem großen Finale am Sonntag in São Paulo (Start: 17 Uhr MEZ / Live im Formel-1-Ticker auf FAZ.NET). Das ist die große Kunst in der Formel 1; die Emotionen vor der allerletzten, der schwierigsten Kurve ausblenden, sich nicht packen zu lassen von der wachsenden Spannung, unberührt erscheinen.
Vettel und Alonso haben sich redlich bemüht. In der ersten Dreierreihe auf dem Podium der Pressekonferenz schwatzte jeweils einer mit dem großen Mittelmann Michael Schumacher, während der andere der Weltpresse Rede und Antwort stand. Nüchtern. Über diese halbe Stunde gelang es Vettel und Alonso, einen Meter voneinander getrennt, über sich, über die Konkurrenz zu reden und dabei den Rivalen konsequent zu ignorieren. Augen geradeaus. Kein einziges Mal trafen sich ihre Blicke. Alles normal in São Paulo.
Doppelt und dreifach gecheckt
Die Sekundanten der Hauptdarsteller tragen seit dem Grand Prix in Austin am vergangenen Sonntag Sprachregelungen durch das Fahrerlager. Baldrian für das Fan-Volk und Selbstmedikation? „Wir haben nichts zu verlieren“, sagt Ferraris Pressesprecher. Weil Alonso mit 13 Punkten vor der allerletzten der 20 großen Runden in diesem Jahr im Rückstand liegt. „Für Fernando ist das eine einfache Kiste“, sagt Schumacher: „Angriff.“ Auch verbal. Alonso versucht, den ganzen bremsenden Druck seinem sechs Jahre jüngeren Rivalen aufzuladen: „Vielleicht kann er nicht so gut schlafen.“ Vettels Wangen sind nicht so glatt glattrasiert wie Alonsos. Er wirkt in seiner blauen Teamuniform nicht so frisch gebügelt wie der Ferrari-Mann in seiner faltenfrei roten Kluft. Aber die Augen blitzen hellwach, als man ihn nach seinen Sorgen fragt: Ob es denn dem Lichtmaschinchen in seinem Boliden nicht doch zu heiß werden könnte wie zuletzt im Rennwagen seines Teamkollegen Mark Webber: Stillstand mitten im Rennen, schon wieder. So was am Sonntag? Eine Horrorvorstellung.
Aber Vettel schmort nicht, sagt er. Jedes Schräubchen haben die Ingenieure geprüft, alles wird doppelt und dreifach gecheckt. „Eines ist mal sicher“, sagt der Sportchef von Mercedes, Norbert Haug, „in so einer Situation lässt man keinen Stein auf dem anderen.“ Denn es steht mehr auf dem Spiel als die Vergabe des 63. WM-Titels. Ferrari hat vier Jahre nicht mehr gewonnen, die Schwäche des Autos im Frühling hätte die Führung des Rennstalls fast um Kopf und Kragen gebracht. Im Sommer führte Alonso dann mit 42 Punkten vor Vettel. Wer sollte ihn schlagen? Aber nun steht dieser Wunderknabe aus Heppenheim wieder vor dem Fahrgenie aus Oviedo. Wie 2010 nach dem letzten Grand Prix in Abu Dhabi, dem Coup des Jahres. Damals drehte Vettel den Spieß um, holte 15 Punkte auf. Alonso weinte - und verstand. Vettel ist nicht irgendein Gegner, kein Gelegenheitsweltmeister, kein Kind glücklicher Umstände. Er ist die Bedrohung seines Traums.
Seit den beiden Siegen über Michael Schumacher 2005 und 2006, seit dessen erstem Rücktritt vor sechs Jahren gilt der nun 31 Jahre alte Rennfahrer als bester Pilot: immer am Limit, immer schnell, unerschrocken zu Lande und auf dem Wasserfilm im Regen. Alonso war der erste Kandidat für das schwere Erbe des Rekordweltmeisters. Am Sonntagabend könnte er nur noch der zweite sein. Falls Vettel sich wieder durchsetzt. Falls er 2013 mit drei Titeln in Serie als erfolgreichster aktiver Fahrer antritt.
„Früher war Michael mein Held“
Vettel wäre neben Schumacher und Juan Manuel Fangio erst der Dritte, dem in den sieben Jahrzehnten der Formel-1-Geschichte so ein Kunststück gelungen ist, der Jüngste und damit der Aussichtsreichste für das Ziel aller Formel-1-Piloten. „Früher war Michael mein Hero“, sagt Vettel, „das hat sich geändert. Aber ich lasse mich von seinen Erfolgen inspirieren.“ Sieben WM-Titel, 91 Siege: Diese Hinterlassenschaft befeuert Typen wie Alonso und Vettel. Sie verschlingen in den Arenen alles, was sie zu packen bekommen, ewig hungrig, immer auf Wettkampf aus, auf den Sieg. Alonso hat sich vor Jahren schon als Renner auf dem Weg vom Fahrerlager zum Parkplatz präsentiert. Um Erster sein zu können: „Beim Tennis beiße ich schon mal ins Netz, wenn ich verliere.“ Vettel verändert im Moment einer Niederlage seine Farbe wie ein Chamäleon. Dann weicht die Freundlichkeit, das Spitzbübische aus seinem Antlitz, und Zorn steigt ihm glutrot zu Kopfe. Sie wollen Schumacher überholen, was sonst?
Drei Jahre ist der fast 44 Jahre alte Rheinländer hinterhergefahren. Am vergangenen Sonntag in Austin wurde er durchgereicht. Von Startplatz fünf auf Rang 16. Ein symbolisches Ereignis, behaupten seine Kritiker: Schumacher sei längst überholt. Weil Vettel und Alonso ihn immer wieder überrundet haben, weil seit 2010 nur eine Bestzeit beim Qualifikationstraining in Monaco heraussprang und ein dritter Rang in Valencia im Sommer. „Er hat es fahrerisch noch drauf“, sagt sein Sportchef Haug: „Und was wäre wohl abgegangen, wenn wir ihm ein siegfähiges Auto hingestellt hätten?“ Wenn schon ein Schumacher im Mittelfeld Massen bewegt, das Medieninteresse auf sich zieht, drei neue Sponsoren aus aller Welt innerhalb der vergangenen acht Wochen gewinnt. „Michael brauchte die Formel 1 nicht“, hat Chefmanager Bernie Ecclestone mit seinem siebten Sinn für Machtverhältnisse dieser Tage gesagt: „Die Formel 1 brauchte ihn.“ Zumindest hat sie ihn zum Comeback 2010 wie elektrisiert aufgenommen, in den Mittelpunkt gerückt. Es gab zwar Alonso, aber es gab auch drei verschiedene Weltmeister in drei Jahren, den aufstrebenden Vettel. Der Formel 1 fehlte ein Boss.
Manager mit Masterplänen
Nach Schumachers erstem Rückzug Ende 2006 hatte es Alonso in der Hand. Er ist im ersten Versuch gescheitert, sich nach der Meisterschulung bei Renault zum Herrscher aufzuschwingen, eine Ära Alonso einzuleiten. Der Ausflug mit McLaren endete im Eklat. In São Paulo sprach der Spanier von einer „unterschiedlichen Philosophie“, als er den Kleinkrieg 2007 mit seinem damaligen Teamchef Ron Dennis um eine Vorzugsbehandlung gegenüber dem Novizen Lewis Hamilton beschrieb. Alonso bockte damals, verlor den WM-Kampf haarscharf, kehrte 2008 wieder zu Renault zurück, zu einem Mittelklasse-Team samt Renn-Betrügern in der Führung.
Auch diese Gefahr hat er nicht gemeistert. Dabei müssen Rennfahrer mit höchsten Ansprüchen Manager mit Masterplänen im Hinterkopf sein: erst den Teamkollegen schlagen, die Konkurrenz aus dem Feld fegen, das Team für sich gewinnen und schließlich die Fäden ziehen. Niki Lauda, Ayrton Senna (beide drei Titel), Alain Prost (vier) und eben Schumacher haben dieses Spiel perfektioniert. Es führte zu einer Alleinstellung mit einer Ausstrahlung sogar auf die Regelhüter im Internationalen Automobil-Verband (FIA). Die größte Ehre erwies die FIA Schumacher mit einer Änderung bei der Punkteverteilung: Der Seriensieger sollte per Regeländerung gebremst werden.
Das waren Zeiten, in denen sich die alten Blöcke im Fahrerlager gegeneinander aufhetzten. Die Legalisten mit Ferrari und die Garagisten unter Führung von McLaren waren bis auf das Blut verfeindet. Den Spielraum nutzten die cleveren Fahrer, um sich zu positionieren. Dabei polarisierten sie, boten, als vermeintliche Günstlinge oder Opfer der Mächtigen im System, Projektionsflächen für Angriff oder Vergöttlichung. Schumacher und der 1994 tödlich verunglückte Senna bildeten das letzte Paar der Gegensätze. Fast parallel mit dem ersten Rückzug des Rheinländers 2006 begann eine Abrüstungsphase. Scharfmacher wie Ron Dennis oder Ferraris Rennleiter Jean Todt traten von der Teamchef-Bühne ab. Und bei Mercedes beobachtete man erstaunt, dass sich die Nachfolger dieser Fahrerlager-Antipoden plötzlich in den Armen lagen.
Der Beginn einer neuen Ära?
Dabei wird es nicht bleiben. Inzwischen entwickeln sich neue Feindschaften. Red Bull ist ins Visier geraten, seit sich das Team massiv gegen ein beschlossenes Sparkonzept wehrt. Innerhalb von acht Jahren katapultierte sich der Rennstall von einer belächelten Feier-Gemeinschaft zur gefürchteten Erfolgsmaschinerie: Brause-Unternehmen fährt die klassischen Branchengrößen wie die Automobilindustrie in Grund und Boden. Red Bull ist längst so gut vernetzt, dass Bernie Ecclestone sogar die bescheidene historische Leistung höher einschätzt als den Geschichtsbeitrag der Silberpfeile über die Jahrzehnte. Entsprechend hoch wird in den nächsten Jahren der Zuschuss aus der Vermarktungskasse der Formel 1 für Red Bull sein. Nur Ferrari kann beim Etat mithalten, technisch allerdings schon nicht mehr.
Vettels Renner hat, sieht man von der Gebrechlichkeit ab, mehr zu bieten, schon seit vier Jahren. Auch in São Paulo wird er unter normalen Bedingungen schneller sein. „Sebastian hat ein bisschen was zu verlieren“, sagt Schumacher. Aber enorm viel zu gewinnen. Titel Nummer drei würde mit dem Beginn einer neuen Ära verknüpft. Mit dem realistischen Ausblick, Schumacher eines Tages hinter sich zu lassen. Denn Vettel wäre mit 25 Jahren so weit wie sein Freund mit 31, damals in Japan 2000 beim ersten Triumph im Ferrari. Wie man am Sonntag die Basis dafür schafft? „Das Geheimnis“, sagt Vettel, „ist es, das Rennen so zu nehmen wie jedes andere.“
Sebastian Vettel verfolgt im Finale die einfachste Lösung: vor Alonso bleiben. Dann wäre er dank der 13 Punkte Vorsprung Weltmeister. Alonso würde ein Sieg nur zum Titel reichen, falls der Abstand zum Deutschen wenigstens 14 Punkte beträgt. Denn bei einem Gleichstand machte die Zahl der Siege Vettel (fünf zu drei) zum Champion.
Also reichte dem Hessen bei einem Erfolg (25 Punkte) Alonsos Rang vier (12). Wird der Zweiter (18), genügt Platz sieben (6). Selbst als Neunter (2) käme Vettel zu Ehren, solange der Rivale nur Dritter (15) wird. Als Vierter ist Alonso aus dem Rennen. ahe.