Die Formel 1 definiert sich gerne als Weltspitze des Motorsports: 24 Fahrer, zwölf Testfahrer. Der Unterschied zwischen Fahrer und Testfahrer ist die Superlizenz, die vom Weltautomobilverband ausgestellte Fahrerlaubnis. Stammfahrer müssen sie haben, Testpiloten nicht. Am Ende dieser Woche aber stellt sich die Frage, ob die Formel 1 nicht nur die Weltspitze ist, sondern auch Fahrschule für Träumer.
Maria de Villota hat keine Superlizenz, trotzdem hatte sie sich sehr auf den Dienstag gefreut. „Ich zähle seit drei Monaten die Tage“, hatte sie gesagt. „Ich habe mich lange darauf vorbereitet. Jetzt kann ich es kaum noch erwarten.“ Am vergangenen Dienstag fuhr de Villota zum zweiten Mal in ihrem Leben ein Formel-1-Auto. Für das Marussia-Team beschleunigte sie das erfolgloseste Modell der Saison auf einem alten Flugfeld der Royal Air Force in Cambridgeshire. Mit 32 Jahren sollte ein Kindheitstraum in Erfüllung gehen. Es wurde ein Albtraum.
Leben noch in Gefahr
Noch immer ist das Leben von Maria de Villota in Gefahr, es heißt, ihr Zustand sei kritisch, aber stabil. Isabel de Villota, die Schwester der Unglücksfahrerin, erklärte: „Wir schöpfen Mut aus der Tatsache, dass Marias Zustand seit dem Unfall und insbesondere in der ersten Nacht nach so einer langen Operation stabil ist.“
Von Dienstag Nachmittag bis Mittwoch früh operierten die Neuro- und die plastischen Chirurgen des Addenbrooke’s Hospital in Cambridge, das rechte Auge der Spanierin konnten sie nicht retten. Ihr Schädel ist gebrochen, weitere Verletzungen sind zu befürchten. Mit Rücksicht auf de Villotas Familie wolle man sich erst „zu gegebener Zeit“ wieder zu ihrem Gesundheitszustand äußern, zitiert Marussias Pressestelle Teamchef John Booth.
Maria de Villota wurde Opfer des schwersten Unglücks in einem Formel-1-Auto seit den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola im Mai 1994. Sie fuhr mit ihrem Marussia auf dem Weg zu ihren Mechanikern in die offenstehende Laderampe eines Transportlastwagens, das Metall durchbohrte ihren Helm. Nun kommen Genesungswünsche von Stars wie Fernando Alonso, Jenson Button und Lewis Hamilton und von Motorsportfans aus aller Welt, die zum ersten Mal von de Villota gehört haben. Unterdessen stehen Fragen im Raum. Fragen, die am Image der angeblich perfekt organisierten Königsklasse des Motorsports zweifeln lassen.
Ungeklärte Unfallursache
Die Ursache für den Unfall ist ungeklärt. Am Mittwoch besuchten zwei Inspektoren der Health and Security Executive (HSE), der britischen Behörde für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, das Flugfeld in Duxford. Es ist Privatgrundstück, Teil des größten Luftfahrtmuseums des Vereinigten Königreichs. Die Polizei bleibt außen vor, weil der Road Traffic Act, die britische Straßenverkehrsordnung, auf Privatland nicht gilt.
Die HSE wird klären müssen, warum bei dem Test - Marussia prüfte Aerodynamikteile für das Rennen in Silverstone - ein offener Lastwagen in unmittelbarer Nähe zur improvisierten Box der Mechaniker stand. Wie lange das dauern wird? „Offen, genau wie der Ausgang des Verfahrens“, teilte die HSE dieser Zeitung mit. Es könnten Monate werden, aber die HSE könnte auch ein Strafverfahren eröffnen.
Getarnte Testfahrten
Fest steht: Bei Testfahrten auf einer Rennstrecke werden Lastwagen hinter der Box geparkt, in diesem Fall ist ein Unfallhergang wie der vom Dienstag kaum vorstellbar - doch offizielle Tests sind auch in diesem Jahr bis auf wenige Ausnahmen untersagt. Formel-1-Teams versuchen diese aus Kostengründen selbst auferlegte Zurückhaltung zu umgehen, indem sie Test- als Fotofahrten tarnen oder, wie im Falle Marussias, Privatgrundstücke für Beschleunigungsfahrten anmieten. Das Team, 2010 vom Milliardär Richard Branson unter dessen Marke Virgin gegründet, fährt dem Erfolg von Anfang an hinterher. Auch nach der Übernahme durch die russische Firma Marussia bleibt es unterfinanziert und technisch unterlegen.
De Villota wurde im März unmittelbar vor dem Saisonstart als Testfahrerin vorgestellt. Mit 32 Jahren ist sie kaum ein Nachwuchstalent, war in den vergangenen zehn Jahren in zweit- und drittklassigen Rennserien ohne größere Erfolge unterwegs. Ihr Einsatz bei Marussia sollte sie nach eigenen Worten „einem Formel-1-Cockpit näherbringen“. Auch wenn der frühere Formel-1-Pilot und heutige BBC-Kommentator Martin Brundle de Villota als „Energiebündel“ beschreibt: Ein Engagement als Stammfahrerin in einer Branche, in der potentielle Formel-1-Piloten von Kindesbeinen an beobachtet, gefördert und ausgesiebt werden, wäre allenfalls als PR-Stunt und gegen entsprechende Bezahlung denkbar gewesen - bei einem Team, das den Erfolg auf der Rennstrecke ohnehin abgeschrieben hat.
Ein Vorbild für Mädchen
Auch diese Tatsache rückt die Branche in ein fahles Licht: In 62 Jahren Formel 1 bleibt die Italienerin Lella Lombardi die einzige Frau, die zu Großen Preisen gestartet ist, vor beinahe 40 Jahren. Ihre Landsfrau Giovanna Amati konnte sich bei Brabham 1992 nie für einen Grand Prix qualifizieren, seither haben die Teams keine Frau als Stammpilotin verpflichtet. Es gibt Mädchen, die im Kart so talentiert sind wie die besten Jungen. Aber Sponsoren, die sie fördern, finden sich dagegen fast nie.
So fahren Frauen wie de Villota in niederklassigen Rennserien - und die Formel-1-Teams, die sich talentierte Testfahrer leisten können und wollen, bleiben bei männlichen Talenten. De Villotas Landsmann Jaime Alguersuari, bis letztes Jahr Pilot beim Toro-Rosso-Team, jetzt Testfahrer für den Reifenhersteller Pirelli, nannte de Villota ein „Vorbild für Mädchen, die in die Formel 1 wollen“. Das war schon vor dem Unfall und ungeachtet der Ambitionen der Spanierin Unsinn. Danach muss man sagen: Ob Maria de Villota nun durch technisches oder menschliches Versagen ihr rechtes Auge verlor - ihr Name wird als tragisches Beispiel für die unprofessionelle Seite des Milliardengeschäfts Formel 1 in Erinnerung bleiben.
Wieso unprofessionell?
Marvin Parsons (mapar)
- 06.07.2012, 15:53 Uhr
Die Formel 1 braucht keine Frauenquote
Peter Shaw (Bob_Andrews)
- 06.07.2012, 13:54 Uhr