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Formel 1 Der zierliche Silberpfeil kommt nur langsam in Fahrt

 ·  Der neue McLaren-Mercedes MP4-19 hat eine Unart des Vorjahresautos geerbt. Er kommt in der ersten Runde nicht auf eine gute Zeit. Offenbar ist das Auto zu nett zu den Reifen.

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Es war ein ungewohntes Bild. Die drei McLaren-Mercedes rangierten bei den Testfahrten vergangene Woche in Barcelona nicht an der Spitze der Rangliste, sondern genau am anderen Ende. Vorne stritten sich Williams-BMW, Renault und BAR-Honda um die Tagesbestzeiten. Was war passiert? Die Konkurrenz machte nicht den Fehler, sich zu früh zu freuen. Testzeiten können irreführend sein. Der Bestwert ist abhängig von der Tageszeit, den Windverhältnissen, den Reifen und natürlich von der Benzinmenge im Tank. BAR gab zu, es mit wenig Kraftstoff im Tank probiert zu haben. Man wollte wissen, wo die Grenzen des neuen Autos sind. Williams und Renault hatten nach eigenen Angaben immer genügend Sprit an Bord. Die Frage ist, wieviel. Zehn Kilogramm mehr machen in Barcelona 0,4 Sekunden aus.

Die Silberpfeile übten die ganze Woche im Renntrimm. Das heißt mit 50 Kilogramm Benzin und mehr. Das erklärt die schwachen Rundenzeiten aber nur zum Teil. Der neue MP4-19 hat eine Unart des Vorjahresautos geerbt. Er kommt in der ersten Runde nicht auf eine gute Zeit. Offenbar ist das Auto zu nett zu den Reifen, die dann nicht den Klebstoff produzieren, den man für eine schnelle Runde braucht. Der Pilot David Coulthard bestätigt: "Ab der zweiten Runde sind wir bei der Musik." Auf Distanz kann der McLaren mit den hochgelobten Williams mithalten. Doch was nutzt das schon, wenn man beim Start zu weit hinten steht.

"Das Auto war zu zerbrechlich“

Als zweites Handikap erwies sich der Motor. Es gab ungewöhnlich viele Schäden, so daß die Triebwerke zum Schluß sogar knapp wurden. Das ist überraschend, da im November und Dezember noch alles nach Plan lief. Nur Kleinigkeiten wie Benzinlecks oder Software-Ärger störten den Testbetrieb. In Barcelona schlug der Defektteufel zu. Man hört, daß es Probleme mit einem Gußteil gab.

Der neue McLaren-Mercedes war eine schwere Geburt. Es ist der zweite Aufguß eines Autos, das nie ein Rennen fuhr. Das Modell MP4-18 wanderte nach 5153 Testkilometern ins Museum. Sein geistiger Vater Adrian Newey urteilte selbstkritisch: "Das Auto war zu zerbrechlich. Auf und neben der Rennstrecke." Trotzdem war nicht alles vergebens. Die guten Ideen flossen direkt in den Nachfolger ein. 60 Prozent der Teile wurden übernommen, der Rest überarbeitet, verstärkt oder neu konzipiert. Mercedes-Sportchef Norbert Haug zur Philosophie des MP4-19: "Es ist ein kleines, zierliches Auto."

Ferrari versteckt sich in Italien

Ob es ein gutes wird, meint Coulthard, werde erst der Saisonauftakt zeigen. Prognosen sind im Moment so treffsicher wie Wahrsagen. "Williams macht im Augenblick den stärksten Eindruck. Renault könnte alle überraschen. Vom neuen Ferrari weiß man gar nichts, weil der sich in Italien versteckt." Und McLaren-Mercedes? "Wir sind dabei. Bei den ersten drei Rennen vielleicht noch nicht ganz vorne, aber das Konzept stimmt."

Offenbar muß am neuen McLaren aerodynamisch nachgebessert werden. Das Auto baut im Heck mehr Anpreßdruck auf als vorne. Teamchef Ron Dennis verkündete in England, daß man bereits mit einer B-Version für die zweite Saisonhälfte plant. Außerdem zieht der Rennstall endlich um, in die von Stararchitekt Sir Norman Foster entworfene Superfabrik namens Paragon. Der Standortwechsel soll vollzogen werden, wenn das Rennteam in Australien weilt. Ursprünglich war August 2002 als Umzugsdatum geplant.

Verstärkung durch Zylinderkopf-Spezialisten

Die Verzögerung hat auch damit zu tun, daß der Neubau deutlich teurer wurde als ursprünglich geplant. Es wird von einer dreistelligen Millionensumme gemunkelt, die McLaren mehr aufbringen muß. Vielleicht begleicht aber auch Mercedes die Rechnung. Im gleichen Gebäude wird der Supersportwagen SLR gebaut. Experten rechnen damit, daß Mercedes als Gegenleistung die restlichen 60 Prozent des Rennstalls gutgeschrieben bekommt. 40 Prozent sind schon in Stuttgarter Hand.

Bis Ende 2005 gehört auch die Motorenschmiede Ilmor bei Northampton dem Weltkonzern. Im Augenblick hält Mercedes dort 70 Prozent. Der Rest wird in zwei Tranchen zu je 15 Prozent übertragen. Allen Gerüchten zum Trotz sitzt Chefkonstrukteur Mario Illien noch fest im Sattel. Der Firmengründer hat sich über Winter entscheidend verstärkt. Ilmor heuerte Andy Cowell von Cosworth an, einen Zylinderkopf-Spezialisten, der auch BMW im Jahr 2000 eine erste Anschubhilfe leistete.

Auch McLaren wilderte im fremden Revier. Von April an wird der ehemalige Chefaerodynamiker von Ferrari seinen Dienst im Paragon antreten. Nicholas Tombazis wollte aus familiären Gründen weg von Italien. Ein McLaren-Mitarbeiter kommentierte den Personalwechsel: "Wir haben uns verstärkt und Ferrari geschwächt."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.Februar 2004/Nr. 36, Seite 32
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