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Formel 1 Das große Rad

Hat Red Bull den Großen Preis von Brasilien aus innenpolitischen Gründen verschoben? Weltmeister Vettel widerspricht - und zeigt, wer der Chef im Ring ist.

© dpa Vergrößern „Ich habe Mark dann vorbei gelassen“: Das große Rad bei Red Bull dreht nur Vettel

Als die Zuschauer die Tribünen des Autodromó José Carlos Pace längst verlassen hatten, kletterte die ganze Mannschaft des Formel-1-Teams Red Bull auf das Podium fünf Meter über der Strecke. Mittendrin hockten die beiden Piloten. Sebastian Vettel, der Weltmeister und Zweite des Saisonfinales, wirkte im Konfettiregen so ausgelassen wie der Sieger, sein Teamkollege Mark Webber. Ungetrübte Fröhlichkeit prägte das obligatorische Abschlussbild des besten Teams.

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Unten im Fahrerlager aber verbreitete sich nach dem letzten Renn-Akt des Jahres eine Verschwörungstheorie aus. Nicht, dass Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali einen Vorwurf formulierte. Die Geschichte von Vettels Getriebeschaden, der Webber auf den letzten Drücker den ersten Sieg anno 2011 bescherte, beantwortete der Italiener - nach einer Gratulation für den Boxennachbar und vielen verbalen Schnörkeln - mimisch. Mit einem süffisanten Lächeln. Andere Verlierer des Tages und des Jahres rieten, bei der Beurteilung der letzten Runde nur ja richtig zu schalten.

Aufbauhelfer für Webber?

Hat Red Bull den Großen Preis von Brasilien aus innenpolitischen Gründen verschoben? Vettel war schon wenige Minuten nach der Siegerehrung gefragt worden, ob er denn tatsächlich nicht so gut wie geschildert in die Gänge gekommen sei. Immerhin ließ er nur Webber demonstrativ vorbeirauschen, hielt aber schließlich den Dritten, Jenson Button im McLaren, auf Abstand. Vettel schaute für einen Moment etwas perplex in die Runde. Als wundere er sich: Habt ihr mich denn immer noch nicht erkannt, nach gut vier Jahren, zwei WM-Titeln, 21 Siegen und 30 Pole-Positionen? Man sieht dem Weltmeister an, was ihn bewegt.

Ungetrübte Fröhlichkeit: Party bei Red Bull nach dem Rennen in Sao Paulo Ungetrübte Fröhlichkeit: Party bei Red Bull nach dem Rennen in Sao Paulo © dapd Bilderstrecke 

Als vor zwei Jahren wie erwartet Button in Sao Paulo die WM gewann, verzog sich Vettels Miene im ersten Moment der Enttäuschung zu einer finsteren Visage. Dabei hatte er kaum noch eine Chance gehabt. Damals sah man, welch enormer Ehrgeiz den freundlichen Vettel antreibt. Schon Niederlagen gegen Schnellere verderben ihm den Tag. Wie würde der Chefpilot von Red Bull nach dem unverschuldeten Ausfall als Führender in Abu Dhabi und nach dem brillanten Auftritt in Brasilien also auf eine (erlaubte) Teamorder zu seinem Nachteil reagieren?

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„Ich kann versichern, dass wir ein technisches Problem hatten“, erzählte Vettel entspannt. Andernfalls wäre wohl spätestens nach dem Rennen die Schaltzentrale explodiert. Vettel sieht sich zwar als Teil der Mannschaft, aber sicher nicht als Aufbauhelfer für Webber, dem ersten Feind im eigenen Lager. Im vergangenen Jahr kämpfte der Australier noch bis zum Saisonfinale mit um den WM-Titel. Vorwürfe und eine Kollision in der Türkei bestimmten den Zweikampf. Diesmal degradierte Vettel Webber vom ersten Grand Prix an zum Assistenten und hatte fortan seine Ruhe. Webbers Einsatz im schnellsten Auto reichte nur zu diesem einen Sieg gegenüber elf von Vettel in diesem Jahr und nur zu drei Pole-Positionen (15).

„Wir dachten, Sebastian schafft es nur bis zur Mitte“

So wurde nicht Webber, sondern Button in einem langsameren Auto Zweiter der Fahrer-Wertung. Das größte Zahnrad im Red-Bull-Getriebe ist Vettel. Wenn er sich bewegt, kommt alles in Gang. Das war auch am Sonntag in Sao Paulo so, wo einige Kollegen über Getriebeprobleme klagten. Lewis Hamilton musste seinen McLaren abstellen, aber Bruno Senna im Renault und Paul di Resta (Force India) kamen trotz der Defekte ins Ziel. Ein Ölverlust im Getriebe drohte den Deutschen aus dem Rennen zu werfen. „Wir dachten, Sebastian schafft es nur bis zur Mitte. Wie hat er es nur bis zum Ende geschafft? Mir ist das ein Rätsel“, sagte Teamchef Christian Horner. Vielleicht mit Feingefühl? „Man muss sich anpassen“, erklärte Button, „das lernen wir, das ist letztlich unser Job.“

Nämlich die schnelle Reaktion auf sich ständig ändernde Bedingungen: Auf das Nachlassen der Reifenhaftung, die ständige Reduzierung des Gewichts durch den Benzinverbrauch, auf plötzlich beschleunigende Gegner, auf Windböen wie Wetterlaunen und eben auf die Tücken der Technik. Als sich Vettels Getriebe über die Maßen erhitzte, verdichtet sich der Funkverkehr zu einem Notfallservice. Abdichten ließ sich das Leck bei voller Fahrt nicht. Aber mit fixem Schalten im Verlauf des Rennens hielt Vettel den Schaden in Grenzen: „Motordrehzahl senken, ohne Zugkraft-Unterbrechung schalten, Druck machen in den Kurven, frühes Schalten auf den Geraden, nur noch höhere Gänge nutzen, auf den zweiten verzichten.“

Vettel kämpfte um seine Position, horchte mehr in den Wagen als auf die Sorge seines Renningenieurs. „Ich dachte anfangs, ich könnte Mark hinter mir halten. Doch es wurde immer schlimmer.“ Aus der Perspektive von Button erschien das Malheur allerdings winzig. Der Brite kam - pannenfrei - erst elf Sekunden nach dem Weltmeister ins Ziel. Das sprach noch einmal für die Klasse des Red Bull und für die Qualität des Weltmeisters. Denn Champions sind Meister im Umfahren von Problemen. Sie lösen Schwierigkeiten bei Tempo 300. Schumacher kam zum Beispiel 1994 in Barcelona nur mit dem fünften Gang noch als Zweiter ins Ziel. Die Formel-1-Legende Ayrton Senna gewann vor zwanzig Jahren gar in Sao Paulo trotz eines heftigen Getriebeschadens. Vettel zog schließlich zufrieden in die Ferien. Aber nicht ohne einen letzten Hinweis, wer der Chef war am Sonntag: „Ich habe Mark dann vorbei gelassen.“

Quelle: FAZ.NET

 
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