Home
http://www.faz.net/-gu4-13s3a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 Das Böse in ihm

Immer wieder Verdächtigungen und Affären: Sie prägen das Wirken Flavio Briatores in der Formel 1. Und manchem schwant nach seinem Rauswurf wegen des Crashgates von Singapur: Er kommt wieder - weil er zu viel weiß.

© REUTERS Vergrößern Dumm gelaufen: Flavio Briatore musste bei Renault gehen

Auch beim Abstieg von der Bühne macht Flavio Briatore eine große Szene. Eben noch hat er geschworen, Opfer eines „geistig labilen“ Piloten zu sein. Verleumdet, hintergangen von einem Jungen, dem er doch die große Chance geboten hatte. „Alles falsch“, rief Briatore, entrüstet, aufgebracht, in gebrochenem Englisch Journalisten zu, als kaum noch jemand an seine Unschuld glaubte. „Ich wollte doch nur Leistung von ihm.“ Seit Mittwoch weiß die Welt, dass wohl alles stimmt, was Nelson Piquet Jr. mit Brief und Siegel berichtet hat. Briatore, Teamchef des Formel-1-Rennstalls Renault, und sein Chefingenieur Pat Symonds haben zusammen mit ihrem Piloten den großen Preis von Singapur manipuliert. Haben einen Unfall, einen Crash auf Befehl, so geschickt inszeniert, dass Fernando Alonso im zweiten Renault 2008 der erste, so dringend benötigte Sieg gelang. Typisch Briatore.

Anno Hecker Folgen:  

Der überraschende Erfolg vor einem Jahr war nichts als eine Show. Wie das vorläufige Finale des spektakulärsten Skandals der jüngeren Formel-1-Geschichte am Donnerstag: „Ich musste das Team retten“, erklärte der Italiener zu seiner Demission als Boss des Rennstalls vor der Sportgerichts-Verhandlung am Montag, „das war meine Pflicht.“

Mehr zum Thema

Edler Förderer, Opfer, Lügner und nun Märtyrer, vier Rollen versuchte Briatore innerhalb von sieben Tagen. Die überzeugendste hat ihm der Konzern aus Frankreich verpasst; mit der Erklärung, den Betrug nicht länger bestreiten zu wollen: Briatore ist der Bösewicht. So hat er sich allerdings alle zwei Wochen sonntags nachmittags gerne der Welt präsentiert: mit einer getönten Brille, blinkenden Goldkettchen, weit geöffnetem Hemd, mit seiner rauchigen Stimme und vernichtenden Kommentaren: „Das Problem unseres Autos liegt nicht vorne oder hinten, sondern in der Mitte. Und da sitzt bekanntlich der Fahrer.“

Nelson Piquet Jr. © AP Vergrößern Nelson Piquet Jr. lieferte Briatore ans Messer

Abziehbild eines Mannes aus dem Milieu

Man fühlte sich bestens unterhalten in der sonst so polierten Welt der Formel 1. Weil Briatore neben den gestriegelten, nach medialer Aufmerksamkeit gierenden Vorstandsvorsitzenden der Weltkonzerne wirkte wie das Abziehbild eines Mannes aus dem Milieu, ungeschminkt, rücksichtslos. Er betrieb ein Spiel mit doppeltem Boden. Die für Zuschauer unterhaltsame Show, Briatores Wandel zwischen den Welten getunter Boliden und aufgemotzter Models war nicht etwa Ausdruck einer ungezügelten Lebensfreude. Sie diente ihm zur Konstruktion seines Systems, bildete den Unterbau für eine zwei Jahrzehnte währende Abzocke.

Briatore, ist das nicht der Womanizer schlechthin, der letzte Playboy? Vielleicht. Aber kaum jemand weiß, wie weit seine Lust an Beziehungen zu den Schönsten wirklich reicht. Wenn er müde und abgespannt im Fahrerlager auftauchte, dachte man an durchzechte Nächte in seiner Nobeldisko „Billionaire“ auf Sardinien, dem angeblich teuersten Tanzschuppen Europas. Dabei kam Briatore nicht selten direkt aus seinem Londoner Büro, wo er unermüdlich an seinem Netzwerk zu den Mächtigsten arbeitete.

Wie kein anderer in der Formel 1 verknüpfte er dabei den Jetset mit seinem Geschäft, nutzte Privates für Berufliches. Die Schönheiten an seiner Seite brachten ihn dorthin, wo kein anderer Teamchef landete: „Im Sportteil war ich oft. Auf die Titelseiten hat mich meine Freundin gebracht.“ Zehn Jahre später tauchen zu seiner Hochzeit im Frühsommer 2008 mit der Laufsteg-Schönheit Elisabetta Gregoraci Größen aus Sport, Wirtschaft und Politik auf. Neben Größen aus dem Fußball und der Formel 1 geben Italiens Premierminister Silvio Berlusconi, Spaniens ehemaliger Regierungschef José Maria Aznar und der Stahlmilliardär Lakshmi Mittal Briatore die Ehre. Seine Eminenz Kardinal Paul Joseph Jean Poupard spendet den Segen. Höchste Weihen für den „Supercafone“, Italiens „Superrüpel“.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Crashtest - Die Formel-1-Kolumne Fahrer, hört die Signale!

Formel 1, bitte kommen: Der Funkverkehr zum Piloten wird ab sofort streng reglementiert. Alles roger? Von wegen. Schon bald könnten die Funken fliegen. Mehr

17.09.2014, 15:59 Uhr | Sport
Schumacher macht Fortschritte

Nach seinem Skiunfall liegt Michael Schumacher im künstlichen Koma. Der frühere Formel-1-Fahrer zeige nun aber Momente des Erwachens, teilte seine Managerin Sabine Kehm mit. Mehr

04.04.2014, 15:34 Uhr | Sport
Crashtest - die Formel-1-Kolumne Abschied mit Wirbel

Wenn Luca di Montezemolo ins Fahrerlager schwebte, dann rotierte die Scuderia. Nun muss der Ferrari-Präsident weichen - und die Formel 1 verliert einen Schauspieler der großen Gesten. Mehr

10.09.2014, 17:21 Uhr | Sport
Ecclestone weist Korruptionsvorwurf zurück

Der Formel-1-Chef hat zum Auftakt des Korruptionsprozesses seine Unschuld beteuert und dem früheren Bayern-LB Vorstand Gribkowsky Erpressung vorgeworfen. Mehr

25.04.2014, 13:09 Uhr | Sport
Neue Rennserie Formel Pianissimo

In Peking gehen jetzt Elektrorenner an den Start. Damit fehlt dem Rennsport das Röhren von Motoren. Doch die neue Serie steht vor einer harten Bewährungsprobe. Mehr

10.09.2014, 16:47 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.09.2009, 13:04 Uhr

Ein Trainer als Spielball

Von Frank Heike

Das Traditionshaus hält viel auf seinen Namen, seinen Stil. Doch die sportlichen Angestellten fliegen reihenweise. Mirko Slomka hatte beim HSV keine Chance und reiht sich ein bei vielen Teilzeitarbeitern. Mehr 6 2