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Formel 1 Das Böse in ihm

Immer wieder Verdächtigungen und Affären: Sie prägen das Wirken Flavio Briatores in der Formel 1. Und manchem schwant nach seinem Rauswurf wegen des Crashgates von Singapur: Er kommt wieder - weil er zu viel weiß.

© REUTERS Vergrößern Dumm gelaufen: Flavio Briatore musste bei Renault gehen

Auch beim Abstieg von der Bühne macht Flavio Briatore eine große Szene. Eben noch hat er geschworen, Opfer eines „geistig labilen“ Piloten zu sein. Verleumdet, hintergangen von einem Jungen, dem er doch die große Chance geboten hatte. „Alles falsch“, rief Briatore, entrüstet, aufgebracht, in gebrochenem Englisch Journalisten zu, als kaum noch jemand an seine Unschuld glaubte. „Ich wollte doch nur Leistung von ihm.“ Seit Mittwoch weiß die Welt, dass wohl alles stimmt, was Nelson Piquet Jr. mit Brief und Siegel berichtet hat. Briatore, Teamchef des Formel-1-Rennstalls Renault, und sein Chefingenieur Pat Symonds haben zusammen mit ihrem Piloten den großen Preis von Singapur manipuliert. Haben einen Unfall, einen Crash auf Befehl, so geschickt inszeniert, dass Fernando Alonso im zweiten Renault 2008 der erste, so dringend benötigte Sieg gelang. Typisch Briatore.

Anno Hecker Folgen:  

Der überraschende Erfolg vor einem Jahr war nichts als eine Show. Wie das vorläufige Finale des spektakulärsten Skandals der jüngeren Formel-1-Geschichte am Donnerstag: „Ich musste das Team retten“, erklärte der Italiener zu seiner Demission als Boss des Rennstalls vor der Sportgerichts-Verhandlung am Montag, „das war meine Pflicht.“

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Edler Förderer, Opfer, Lügner und nun Märtyrer, vier Rollen versuchte Briatore innerhalb von sieben Tagen. Die überzeugendste hat ihm der Konzern aus Frankreich verpasst; mit der Erklärung, den Betrug nicht länger bestreiten zu wollen: Briatore ist der Bösewicht. So hat er sich allerdings alle zwei Wochen sonntags nachmittags gerne der Welt präsentiert: mit einer getönten Brille, blinkenden Goldkettchen, weit geöffnetem Hemd, mit seiner rauchigen Stimme und vernichtenden Kommentaren: „Das Problem unseres Autos liegt nicht vorne oder hinten, sondern in der Mitte. Und da sitzt bekanntlich der Fahrer.“

Nelson Piquet Jr. © AP Vergrößern Nelson Piquet Jr. lieferte Briatore ans Messer

Abziehbild eines Mannes aus dem Milieu

Man fühlte sich bestens unterhalten in der sonst so polierten Welt der Formel 1. Weil Briatore neben den gestriegelten, nach medialer Aufmerksamkeit gierenden Vorstandsvorsitzenden der Weltkonzerne wirkte wie das Abziehbild eines Mannes aus dem Milieu, ungeschminkt, rücksichtslos. Er betrieb ein Spiel mit doppeltem Boden. Die für Zuschauer unterhaltsame Show, Briatores Wandel zwischen den Welten getunter Boliden und aufgemotzter Models war nicht etwa Ausdruck einer ungezügelten Lebensfreude. Sie diente ihm zur Konstruktion seines Systems, bildete den Unterbau für eine zwei Jahrzehnte währende Abzocke.

Briatore, ist das nicht der Womanizer schlechthin, der letzte Playboy? Vielleicht. Aber kaum jemand weiß, wie weit seine Lust an Beziehungen zu den Schönsten wirklich reicht. Wenn er müde und abgespannt im Fahrerlager auftauchte, dachte man an durchzechte Nächte in seiner Nobeldisko „Billionaire“ auf Sardinien, dem angeblich teuersten Tanzschuppen Europas. Dabei kam Briatore nicht selten direkt aus seinem Londoner Büro, wo er unermüdlich an seinem Netzwerk zu den Mächtigsten arbeitete.

Wie kein anderer in der Formel 1 verknüpfte er dabei den Jetset mit seinem Geschäft, nutzte Privates für Berufliches. Die Schönheiten an seiner Seite brachten ihn dorthin, wo kein anderer Teamchef landete: „Im Sportteil war ich oft. Auf die Titelseiten hat mich meine Freundin gebracht.“ Zehn Jahre später tauchen zu seiner Hochzeit im Frühsommer 2008 mit der Laufsteg-Schönheit Elisabetta Gregoraci Größen aus Sport, Wirtschaft und Politik auf. Neben Größen aus dem Fußball und der Formel 1 geben Italiens Premierminister Silvio Berlusconi, Spaniens ehemaliger Regierungschef José Maria Aznar und der Stahlmilliardär Lakshmi Mittal Briatore die Ehre. Seine Eminenz Kardinal Paul Joseph Jean Poupard spendet den Segen. Höchste Weihen für den „Supercafone“, Italiens „Superrüpel“.

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