Selbst in der Fachzeitung für Formel-1-Freaks standen nur Fragezeichen hinter der Streckenbeschreibung. Haftungsniveau? Bremsenverschleiss? Abtriebslevel? Es gibt keine Angaben vier Tage vor dem Großen Preis von Südkorea an diesem Sonntag (8.00 Uhr / FAZ.NET-Formel-1-Liveticker). Die Premiere der Formel 1 im Bezirk Yeongam erscheint dem Wanderzirkus wie ein Blind Date – gemessen an den Wünschen dieser auf Daten fixierten Gesellschaft. Jede noch so kleine Information wird schon Wochen vor dem Auftritt auf einer nagelneuen Rennstrecke analysiert, hochgerechnet, einkalkuliert.
Doch diesmal gibt es nicht viel mehr als die Streckenlänge (5,61 Kilometer), die Kurvenradien, die sich daraus ergebende Ideallinie, eine theoretische Bestzeit. Nie zuvor ist eine Piste so spät fertig geworden. Erst vor zwei Wochen wurde die letzte Asphaltschicht gelegt. Der Internationale Automobil-Verband (Fia) gab die Bahn am südlichen Zipfel Koreas zwar vor acht Tagen frei für das drittletzte Formel-1-Spektakel dieser Saison. Doch die Skepsis ist ungebrochen.
Sauber-Pilot Nick Heidfeld war vor seiner Anreise nicht überzeugt von der Haltbarkeit des frischen Belages. Das Rennsportmagazin „Motorsport aktuell“ warnte gar vor einem Steinschlag, falls die dicken, klebrigen Gummiwalzen der 750 PS starken Boliden wie gewaltige Katapulte wirken: Es könnten „Teerbrocken fliegen.“ Volle Deckung in Yeongam? Nicht doch.
„Vorher hat es kein Rennen gegeben auf der Piste?“
Am Freitag beim ersten Training, so versichert der Streckenbetreiber, werde sich jede Sorge in Wohlgefallen auflösen. Wenn doch ein deutsches Unternehmen die wichtigste Grundlage für die Formel 1 schuf. Die Hart GmbH, unschuldig an der Verzögerung wegen verschleppter Untergrundarbeiten und einer längeren Regenzeit, wirkte beim Aufbau mit. Man gibt sich – wie zu erwarten – gelassen: „Der Asphalt wird halten“, sagt der Kooperationspartner und Streckenplaner Hermann Tilke. Davon ist auch die Konkurrenz überzeugt. Martin Vondenhof, bei Shell verantwortlich für Bitumen-Spezialprodukte, hat Erfahrung mit dem Bau von Rennstreckenbelägen. Und wohl keinen Grund, einem anderen Anbieter nach dem Mund zu reden: „Normalerweise ist ein Asphalt nach einem Tag fest und befahrbar.“
Auch der Behauptung aus der Formel-1-Szene, Öle könnten aus der Tiefe des Bitumen-Stein-Gemisches an die Oberfläche steigen und die Piste in eine Rutschbahn verwandeln, widerspricht Vondenhof. „Dann müsste der Bitumen sehr fett gewesen sein, was unwahrscheinlich ist. Es könnte allerdings Wasser austreten, falls die letzte Asphaltschicht auf feuchten Untergrund gelegt worden ist.“ Trotz der Entwarnung rechnen die Experten in den ersten beiden eineinhalbstündigen Trainingsstunden an diesem Freitag mit einem hohen Unterhaltungswert beim Kreisverkehr. Dreher, Abflüge und andere Kapriolen werden sich beim Abstimmungsprozess der Motorsport-Elite kaum vermeiden lassen. „Vorher hat es kein Rennen gegeben auf der Piste?“, fragt Vondenhof und pfeift: „Das könnte lustig werden.“
Denn vor Premieren reinigt üblicherweise eine kleinere Rennserie das Quartier der Formel 1. Um den Belag abzurubbeln, um mit dem Abrieb der Reifen eine Gummiauflage zu legen: den roten Teppich für die Königsklasse. Diesmal hat die Zeit nicht gereicht, den Bitumenmantel um die kleinen Steinchen im Belag abzufahren. „Falls das noch nicht geschehen ist“, erklärt Vondenhof, „dann ist so eine Strecke schon sehr, sehr glatt.“ Wäre die Fia eine Behörde, dann müsste sie wohl ihre Autobahnmeisterei in Gang setzen. Die stellte in Deutschland nach der Freigabe etwa einer erneuerten Asphaltdecke auf der A3 erst einmal Schilder mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf. „Mehr als 120 darf dann nicht gefahren werden“, sagt Vondenhof, „solange, bis die Bitumenschicht um die Steinchen abgefahren ist.“ Das dauert je nach Verkehr eine Woche.
„Endlich kommen wir zu einer Strecke, die noch keiner kennt“
In Yeongam wird Timo Glock an diesem Freitag mit seinem Virgin vermutlich schon auf Tempo 300 kommen. Und sich dabei wie ein Saubermann fühlen. „Die Autos werden nach dem Training wie nach einer Sandstrahlbehandlung aussehen“, sagte er kurz vor seinem Abflug am Dienstag in Frankfurt. „Da wird einiges rumfliegen.“ Ohne die sonst vorausgeschickte motorisierte Kehrgruppe kommt auf den elitären Clan also eine neue Aufgabe zu: Diesmal müssen die Piloten selbst putzen.
Dabei werden Unterschiede zu erkennen sein. Obwohl Sauber-Fahrer Kamui Kobayashi fröhlich auf eine Chancengleichheit setzt: „Endlich kommen wir zu einer Strecke, die noch keiner kennt.“ Allerdings sind einige Fahrer und Teams über das neue Terrain ein bisschen besser informiert als andere. Dank des virtuellen Südkorea-Studiums. McLaren und Red Bull besitzen die wohl besten Simulatoren. „Das kann schon ein kleiner Vorteil sein“, sagt Glock. Der nächste wird sich am Freitag zeigen. Wenn Rennställe der fünf WM-Kandidaten von Red Bull, Ferrari und McLaren-Mercedes den Vorteil ihrer großen Mannschaften ausspielen. „Die Chance, bei der Abstimmungsarbeit und dem sich ständig ändernden Griplevel früher auf den Punkt zu kommen, ist für die Topteams wesentlich größer, als für die Kleinen“, erklärt Glock. Insofern steigert die Verspätung von Südkorea die Spannung: Mit einem Rennen vor dem Rennen.
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