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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 Bernies Game

 ·  Formel-1-Chefmanager Ecclestone gerät wegen des Verdachts der Bestechung immer mehr unter Druck. Der Imageschaden ist sichtbar, aber niemand wagt es, öffentlich kritische Fragen zu stellen.

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© dpa Ein Mann mit zwei Gesichtern? Chefvermarkter Bernie Ecclestone lenkt die Geschicke der Formel 1 – nun rätseln einige, wie er das wohl anstellt

Bernie Ecclestone drückt ein Auge zu. Das grelle Sonnenlicht über dem Fahrerlager der Formel 1 am Hafenbecken von Valencia stört den Briten, ansonsten angeblich nichts. „Was soll schon passieren?“, fragt er rhetorisch am Freitag. Dann verschwindet der Milliardär, wie immer in weißem Hemd, grauer Hose und Schnallenschuhen, in seinem bescheidenen Motorhome. Wie immer steht ihm niemand im Weg. Wer den kleinen Chefmanager auf sich zukommen sieht, springt auf die Seite, höflich lächelnd. Denn niemand wagt ihn offen zu fragen, was einige denken in diesen Tagen: Hat Ecclestone bestochen?

Das behauptet Gerhard Gribkowsky. Am Mittwoch präsentierte der frühere Risikochef der Bayerischen Landesbank dem Landgericht München ein Geständnis, das Ecclestone in Bedrängnis bringt. Demnach hat Gribkowsky 44 Millionen Dollar Bestechungsgeld vom Engländer für den Verkauf der Formel-1-Vermarktungsrechte an das Unternehmen CVC erhalten, das den Briten als Statthalter in der Formel 1 regieren lässt.

Den Fluss des Geldes hat Ecclestone eingeräumt. Eine Bestechung aber weist er empört zurück. Ecclestone sieht sich stattdessen als Opfer einer Erpressung. Gribkowsky habe ihn seinerzeit bei britischen Steuerbehörden anschwärzen wollen, hatte er vor Gericht als Zeuge zu Protokoll gegeben. Zwar soll dieser Versuch keine Substanz gehabt haben, aber Prüfungen, erklärte Ecclestone, hätten sein Geschäft gelähmt. Und so zahlte der Superreiche, der gerne auf den Cent achtet, lieber 44 Millionen Dollar. Wenn auch nicht aus eigener Tasche. Das Geld stammt aus der Provisionssumme. 66 Millionen gewährte die Landesbank. Die ahnungslosen Bayern schmierten sich selbst.

Gribkowsky wird ins Gefängnis wandern

Wessen Version stimmt? Wir wissen es nicht. Diese Frage könnte vor Gericht geklärt werden, sollte sich die Münchener Staatsanwaltschaft dazu entschließen, dem seit 2011 eröffneten Ermittlungsverfahren gegen den Autokraten wegen des Verdachtes der Bestechung des Amtsträgers Gribkowsky eine Anklage folgen zu lassen. „Wir warten das Urteil des Gerichtes und die Begründung ab, bevor wir zu einer Entscheidung kommen“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch auf Anfrage.

Gribkowsky, daran besteht kein Zweifel mehr, wird auch wegen Bestechlichkeit ins Gefängnis wandern, sein Fall auf ewig mit dem Namen Ecclestone verbunden bleiben. Deshalb rotiert die Formel 1 vor dem Rennen in Valencia an diesem Sonntag. Sie lebt zwar seit Jahrzehnten mit Skandalgeschichten um ihren Zampano. Es gibt ganze Bücher, die „Bernies Game“, sein Spiel mit der Geldgier der Menschen, ausführlich beschreiben. Aber in all den Jahren hatte ihm niemand öffentlich eine Straftat unterstellt. „Das ist jetzt eine ganz andere Situation“, sagt das Führungsmitglied eines Rennstalls. „Für uns alle ist dieser Fall, die Außenwirkung eine Katastrophe.“

Zum Sparen gezwungen

Die Rennställe sind zum Sparen gezwungen. Nur vier müssen sich vorerst keine größeren Gedanken machen um ihre Einkünfte. Der Rest kämpft um neue Geldgeber. Aber wer steigt in einen Zirkus ein, dessen greiser Direktor mit zunehmendem Alter immer öfter im Zwielicht auftaucht? Am Sonntag, wenn Ecclestone mit Potentaten zur Startaufstellung auf die Piste marschiert, werden wohl führende Köpfe großer Sponsoren mal wieder in Deckung gehen. Aber bislang sind sie alle wieder zurückgekommen.

Da konnte Ecclestone schon mal seinen Gefallen an Diktaturen formulieren, ernsthaft Hitlers Menschenführung preisen, ungeniert den vom Internationalen Automobil-Verband (Fia) gesperrten Rennbetrüger von 2008, Flavio Briatore, im Fahrerlager empfangen. Man nahm es hin, man lächelte, man buckelte. Auch die jüngste Entwicklung wird wohl keine Revolution gegen den 81 Jahre alten Schnelldenker auslösen. Bei einem Treffen der Teamchefs am Donnerstag war Gribkowkys Anklage kein Thema.

Ecclestone regiert die Formel 1, weil er bislang jeden Ansatz einer einheitlichen Front gegen ihn zerstörte. Sein Lock- und Spaltmittel ist Geld. Als die in der Formel1 engagierten Konzerne 2001 opponierten, eine Gemeinschaft namens GPWC gründeten und ernsthaft eine eigene Rennserie planten, lockte Ecclestone Ferrari mit einem Bonus von vierzig Millionen Dollar aus dem Verbund. Weil die Formel 1 nur funktioniert, wo die Italiener fahren, löste sich die Widerstandsgruppe in Luft auf.

„Unter Ecclestone schweinemäßig gelitten“

Ähnlich lief es in diesem Jahr. Vor der Erneuerung des Concorde-Agreements, das unter anderem die Rechte zwischen dem Besitzer der Vermarktungsrechte (mit Geschäftsführer Ecclestone) und den Teams regelt, hatten sich Red Bull, Ferrari, Mercedes und McLaren die Treue geschworen. Ecclestone sprengte das Gelöbnis, indem er Ferrari und Red Bull mit einem für sie finanziell besonders attraktiven Vertragsmodell auf seine Seite lockte. Die anderen beiden werden mit den Abtrünnigen nicht mehr Autoquartett spielen. Ecclestone hat sein Ziel erreicht. Zwar fließen von 2013 an 67 (statt bislang 50) Prozent aller Einnahmen an die Teams. Bei der Verteilung der Gelder aber nutzt Ecclestone seinen Spielraum, sich mächtige Freunde und kleine Feinde zu bescheren. Deshalb reichte die Einschätzung am Freitag von Bernie, „unserem Retter“ über Bernie, unseren „genialen Freund“, bis zu Bernie, „dem Verbrecher“.

Die Abhängigkeit der Rennställe von den Fernsehgeldern, von Ecclestones Macht, die ihnen zustehenden Millionen auch fließen zu lassen, lähmt in diesen Tagen jeden Widerstand. Nur mit einer Konzernpotenz im Rücken wäre es wohl möglich, „Bernies Game“ in Frage zu stellen, etwa die Rechtmäßigkeit der Geldverteilung im Fahrerlager. Aber Honda, Toyota und BMW verließen vor ein paar Jahren die Formel 1. VW zog seine Einstiegspläne im letzten Moment zurück.

Nur einer hat Ecclestone vor der Affäre Gribkowsky mächtig genervt: der Fernsehproduzent Wolfgang Eisele aus Heidelberg. Er brachte die EU-Wettbewerbskommission Ende der neunziger Jahre dazu, gegen die Monopolisten Ecclestone und dessen damaligen Mitspieler, den damaligen Fia-Präsidenten Max Mosley, massiv einzuschreiten. Im Verlauf der Auseinandersetzung hatte Ecclestone alle Register gezogen.

Unter anderem entdeckte Eisele auf seinem Konto den wundersamen Eingang von 500.000 Mark, geschickt von Ecclestone. Als der Deutsche ablehnte, wurde es ungemütlich. „Einige“, sagte Eisele zehn Jahre nach der Affäre dieser Zeitung, „haben unter Ecclestone schweinemäßig gelitten.“ Der will nun über eine Klage gegen Gribkowsky nachdenken. Früher antwortete er auf Attacken gerne mit britischem Humor: „Wir (Max Mosley und er) sind nicht so etwas wie die Mafia“, sagte er einst dem Fachblatt „Auto Motor und Sport“: „Wir sind die Mafia.“

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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