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Formel-1-Aussteiger Timo Glock „Die kleinen Teams stecken in einem Teufelskreis“

 ·  Nach stattlichen 91 Rennen in der Formel 1 hat die rasante Entwicklung in der Königsklasse Timo Glock vom Team Marussia in ein DTM-Cockpit von BMW getrieben. Im F.A.Z.-Interview spricht er über seinen Abschied und die Macht des Geldes im Motorsport.

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© dpa Vergrößern Rennfahrer Timo Glock: „Es wäre in Zukunft wohl noch schwieriger geworden, wenn nicht gar unmöglich, mit dem Team voranzukommen“

Warum haben Sie den Vertrag mir Ihrem Formel-1-Rennstall auflösen lassen?

Ausschlaggebend war der Verlust des zehnten Platzes in der Konstrukteurswertung des vergangenen Jahres. Der Elfte erhält ja kein Geld aus der Vermarktung. Da hatte ich schon eine leise Vorahnung. Das Team ist dann vor Weihnachten auf mich zu gekommen und hat relativ offen erklärt, dass es schwierig werden würde, weil nicht mehr genug Geld in der Kasse sei.

Sie haben aussteigen müssen, weil es beim letzten Formel-1-Rennen in Brasilien nicht gelungen ist, den Konkurrenten Caterham in der Rangfolge hinter sich zu lassen?

Ja, das kann man so sagen. Im Rennen waren wir eine Zeit lang so positioniert, dass es gereicht hätte, aber in der Safety-Car-Phase bin ich unsanft von der Bahn geschoben worden (von Jean-Éric Vergne im Toro Ross), hatte einen Plattfuß und kam nicht mehr ran. Mein Teamkollege konnte, ich weiß nicht warum, auch nichts ausrichten. Es war also nicht mein Fehler, sonst würde ich mir noch mehr Vorwürfe machen.

Lief Ihre vertragliche Vereinbarung mit Marussia nicht bis Ende 2014?

Das stimmt. Aber es wäre in Zukunft wohl noch schwieriger geworden, wenn nicht gar unmöglich, mit dem Team voranzukommen. Und selbst wenn wir den zehnten Platz erreicht hätten, wäre es nicht sicher gewesen, das Geld auch rechtzeitig zu bekommen. So viel ich weiß, hat Marussia immer noch kein Abkommen mit Bernie Ecclestone (Chefvermarkter der Formel 1) für die kommende Saison schließen können. Marussia braucht jetzt einen Fahrer, der Geld mitbringt.

Der Rennstall HRT musste den Betrieb einstellen, Sie müssen aussteigen, damit ihr Team überleben kann. Was sagt Ihnen diese Entwicklung?

Dass die Schere zwischen den großen und den kleinen Teams immer weiter aufgeht. Vor ein paar Jahren waren es, ein, zwei Zentimeter, jetzt sind es zehn. Viele Teams haben Schwierigkeiten. Force India hat immer noch keinen zweiten Piloten verpflichtet, Caterham auch nicht. Ich höre, dass es überall schwierig ist. Solange dieses Modell (der Geldverteilung) in der Formel 1 so weitergeht, wird es für die kleineren Teams immer schwerer, im Rennen zu bleiben. Marussia müsste einen großen Schritt machen, um ans Mittelfeld heran zu kommen. Aber die Entwicklungsgeschwindigkeit der größeren Teams ist hoch. Und im nächsten Jahr gibt es neue Motoren, dann werden Red Bull, Ferrari und Mercedes noch mal zulegen. Allein das Geld, das diese Rennställe von Bernie (Ecclestone) bekommen, würde bei Marussia für die Finanzierung von ein, zwei Jahren in der Formel reichen. Wer also hinterherfährt, braucht starke Partner und potente Sponsoren. Die kriegt man als 21. aber nicht so leicht. In diesem Teufelskreis stecken die Kleinen.

Sind Sie froh, ihm entkommen zu sein?

Ich möchte es so sagen: Mit der neuen, schönen Aufgabe vor Augen bin ich relativ schmerzfrei darüber hinweggekommen.

Und haben nun ein neues Abenteuer zu bestehen. Sie versuchen es in der Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM) als BMW-Pilot. Die Rennserie ist ein schwieriges Pflaster für ehemalige Formel-1-Piloten. Gehen Sie ein Risiko ein?

Wir Rennfahrer gehen immer gewisse Risiken ein. Ich freue mich auf die Herausforderung - auch weil bislang kein ehemaliger Formel-1-Rennfahrer richtig Fuß fassen konnte. Aber bei BMW treffe ich auf ein Team, das im ersten Jahr der Rückkehr alles gewonnen hat. Ich habe also Material zur Verfügung, mit dem man vorne mitfahren kann.

Wie war die erste Testerfahrung in einem viel schwereren, langsameren Rennwagen mit Dach über dem Kopf, in dem man beim Einlenken die Räder nicht sehen kann?

Ich habe mich gleich wohl gefühlt und bin relativ schnell gut zurechtgekommen. Aber ich habe auch gemerkt, dass es schwierig ist, so ein Auto auf den Punkt zu bringen, wenn man vorne dabei sein will. An einem Rennwochenende hat man nicht viel Zeit, das Auto abzustimmen. Fahrer wie Martin Tomczyk oder Bruno Spengler haben jahrelange Erfahrung, die sind einen Schritt voraus. Dieser Herausforderung stelle ich mich gerne.

Wie bereiten Sie sich vor?

Indem ich sehr offen sein und Dinge annehmen muss. Mein Speed beim Test war ganz gut, aber das kann an einem Rennwochenende ganz anders aussehen. Beim Qualifying in der DTM liegen schon mal zehn und mehr Autos innerhalb ganz weniger Zehntelsekunden. Ich darf mich also nicht hinstellen und sagen, ich weiß, wie das funktioniert.

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