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Formel 1 Aggressivität schlägt Methodik

 ·  Bis zur Sommerpause waren Ferrari und Alonso nahezu unantastbar. Dann haben Red Bull und Vettel die Konkurrenz mit einer Technikoffensive von der Spitze verdrängt. Ferrari sucht noch nach der Antwort – auch in Indien.

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© dapd Vergrößern Der Schein trügt: So entspannt ist Fernando Alonso gar nicht

Die ersten Gratulanten standen schon in der Sommerpause Spalier. Fernando Alonso ging mit 40 Punkten Vorsprung in die fünfwöchige Rennpause, und keiner konnte sich vorstellen, wie irgendeiner der Verfolger den Spanier noch vom Thron würde stürzen können. Der Ferrari war nicht das schnellste Auto, aber das ausgeglichenste. Alonso hatte drei Siege auf seinem Konto und in jedem Rennen bis zur Sommerpause gepunktet. Der Ferrari drehte zuverlässig wie eine Schweizer Uhr seine Runden. Alonso erlaubte sich keine Fehler und nutzte alle Chancen, die ihm das Renngeschehen bot. Selbst Sebastian Vettel räumte ein: „Fernandos gefährlichste Waffe ist seine Konstanz.“

Nach der Pause dauerte es nur fünf Grand Prix, und die schöne, heile Ferrari-Welt hat Risse bekommen. Alonso schrieb die ersten zwei Nullrunden. Beide Mal wurde er in der Startphase von einem Lotus-Fahrer ins Aus befördert. Die Schuld lag nicht direkt bei ihm, indirekt schon. „Wenn du nur aus der dritten Reihe startest, ist die Chance, in einen Unfall verwickelt zu werden, größer, als wenn du vorne losfährt“, geht der Spanier selbstkritisch mit der Situation um. „Wir bezahlen für unsere größte Schwäche. In der Qualifikation haben wir von den vier Topteams das langsamste Auto.“

Lewis Hamilton stuft Alonsos Tiefstapelei als Taktik ein: „Je schlechter er das Auto redet, umso besser steht er da.“ Alonso hat Recht, wenn sich sein Urteil auf eine Runde bezieht. Da sind McLaren, Red Bull und Lotus schneller. Wahrscheinlich auch Sauber. Die Stärke des Ferrari ist, dass er keine Schwäche hat. Das hört sich bei einem Auto, das zunächst eine einzige Baustelle war, grotesk an. Diese Wandlung vom Saulus zum Paulus ist bislang nur McLaren 2009 gelungen. Aber viel später in der Saison. Heute kann der F2012 alles gut: Langsame und schnelle Kurven, nasse und trockene Fahrbahn, hohe und tiefe Temperaturen, und auch der Reifentyp spielt keine Rolle mehr. Im Regen ist er praktisch unschlagbar.

Doch gut ist im Finale der Formel-1-Weltmeisterschaft nicht mehr gut genug. Red Bull ist seinen Gegnern durch eine Technikoffensive um eine halbe Sekunde entrückt - auch in Indien. In der Qualifikation zum Großen Preis auf dem Buddh International Circuit lag er 0,49 Sekunden vor dem Spanier und hat nun für das Rennen an diesem Sonntag (10.30 Uhr MESZ / Live im FAZ.NET-Ticker) aller beste Voraussetzungen. Wenn Sebastian Vettel einmal das Feld anführt, bringt ihn da vorne keiner mehr weg. „Keiner kann besser ein Rennen von der Spitze weg fahren als Vettel“, lobt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. Da kann Alonso lange seinen Arbeitgeber loben: „Red Bull hat das bessere Auto, wir das bessere Team.“ Das ist nicht einfach so dahergesagt. Kein Rennstall hat im Durchschnitt so schnelle Boxenstopps, keines eine gute Standfestigkeit, keines so gute Starts wie Ferrari. Fernando Alonso hat bei 16 Starts nur einen einzigen Platz verloren, dafür aber insgesamt 20 Positionen gutgemacht.

Die Strategen in Rot waren nicht immer sattelfest. Ferrari vergeigte in Barcelona, Monte Carlo, Montreal, Silverstone und Singapur fünf mögliche Siegchancen, weil man entweder das eigene Reifenverhalten falsch einschätzte oder die Fähigkeiten der Gegner.

Red Bull hat Ferrari in die Defensive gedrängt. Seit der Sommerpause wurde der F2012 nur im Detail weiterentwickelt. Alonso zeigt zum ersten Mal Nerven. „Bei den anderen gibt es wenig Gerede, aber viele Entwicklungsstufen. Bei uns ist es umgekehrt.“ Teamchef Stefano Domenicali fordert: „Wir müssen mindestens zwei Zehntel finden.“ Das gilt für Rennbedingungen. Im Training sind es eher drei bis fünf Zehntel. Da kann Red Bull mit seinem jüngsten Trick zuschlagen, im Fachjargon Doppel-DRS genannt. Wenn der Fahrer per Knopfdruck den Flap in der oberen Etage des Heckflügels flachstellt, wird unten über gezielte Lufteinleitung ebenfalls die Strömung gestört. Das bringt eine höhere Spitzengeschwindigkeit. Im Training darf der Flügel jederzeit verstellt werden, im Rennen nur beim Überholen.

Red Bull entwickelt aggressiver, Ferrari methodischer

Vielleicht müssen die Ingenieure um Pat Fry auch etwas tiefer in die Grauzonen des Reglements eindringen. Red-Bull-Berater Helmut Marko bestreitet gar nicht, dass sein Team in Singapur mit dem Frontflügel in Bezug auf die Biegsamkeit ans Limit ging: „Wir haben die technische Abnahme geschafft. Das zählt.“ Red-Bull entwickelt aggressiver, Ferrari methodischer. Doch Aggressivität schlägt Methodik, wenn es darum geht, große Schritte zu machen.

Auch für Indien haben die Ingenieure in Rot keine spektakulären Neuigkeiten im Gepäck. „Wir haben bei einem Aerodynamiktest endlich verstanden, welche der neuen Teile zuletzt funktioniert haben, und welche nicht. Und wir wissen, warum“, beruhigt Felipe Massa die aufgeregten italienischen Medien, die für den 17. WM-Lauf ein halbneues Auto erwartet haben. Ferrari steckt die jüngst erfolglos getesteten aerodynamischen Bauteile in einer anderen Kombination zusammen und hat den Unterboden modifiziert. Das klingt wenig spektakulär, wenn man gegen ein Team antritt, dass bei jedem Rennen neue Teile bringt. Red Bull änderte zum achten Mal in dieser Saison die Auspuffposition.

Alonso spielt weiter den Optimisten. „Ich glaube daran, dass ich sieben Punkte in vier Rennen gutmachen kann. Wir müssen nur unsere Stärken nutzen und unsere Schwächen minimieren.“ Domenicali unterstreicht: „Bis zum GP Singapur haben wir noch alle gedacht, der McLaren sei unschlagbar. Die Dinge ändern sich schnell in diesem Jahr.“ Für Alonso ist es ein Wunder, dass er überhaupt vom GP Europa bis zum GP Korea die WM-Tabelle anführen konnte. „Wir hatten zu Saisonbeginn eineinhalb Sekunden Rückstand. Ich betrachte es als Geschenk, immer noch um den Titel kämpfen zu können. Wir haben das Maximum aus dem herausgeholt, was uns zur Verfügung steht und müssen uns keine Vorwürfe machen.“ So redet einer, der ahnt, dass er bald eine Niederlage erklären muss.

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