Home
http://www.faz.net/-gtl-717sh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 Abwarten - und dann Attacke

Webber gewinnt mit einer klugen Strategie den Großen Preis von Großbritannien vor dem lange Zeit führenden Alonso. Vettel wird Dritter und verliert in der WM an Boden.

© AFP Kein Tag ohne Regen in Silverstone: Webber macht mit Champagner gut Wetter

Mit Autorennen ist es manchmal wie mit der Bescherung für Kinder an Weihnachten. Da drängen die Kleinen ungeduldig auf ein bestimmtes Geschenk – und dann heißt es warten, warten, warten. Und unterm Baum liegt womöglich etwas ganz Anderes. In Silverstone warteten 125.000 Zuschauer auf den großen Regen und ein großes Rennen beim Großen Preis von Großbritannien.

Christoph  Becker Folgen:

Als die Lichter der Startampel um 13 Uhr Ortszeit erloschen, strahlte die Sonne vom mittelenglischen Himmel – und die Fans, die sich auf ein Rennspektakel vom Start weg gefreut hatten, mussten darauf noch ein bisschen warten. Aber sie wurden beschert: Mark Webber siegte in Silverstone im Red Bull nach einem Rennen, das der Australier mit einer klugen Mischung aus strategischem Abwarten und bedingungsloser Attacke auf Fernando Alonso im letzten Rennviertel gewann.

Mehr zum Thema

„Ich brauche noch ein bisschen, bis ich begreife, wie gut dieses Rennen war. Ein großartiger Tag für uns“, sagte der 35 Jahre alte Webber anschließend. Und wie das so ist in der Formel 1: Der mannschaftsbezogene Plural schließt den eigenen Teamkollegen nicht unbedingt ein. Sebastian Vettel gelang Webbers Kunststück nicht, er konnte Fernando Alonso nicht mehr einfangen und verliert im Kampf um die Weltmeisterschaft weiter Boden auf seine schärfsten Verfolger. In der Fahrerwertung liegt Vettel mit 100 Punkten nun 29 Punkte hinter Alonso, dem Führenden und 16 hinter Webber.

Auf Zick folgte kein Zack

Fernando Alonso hatte sich am Samstag, in der völlig verregneten Qualifikation den Sonnenplatz der Szene, die Pole Position, verdient. Er verteidigte ihn am Start mit einem gewagten Zug nach rechts, wo er mit Recht Webbers Startbahn vermutete, in der Sekunde, in der er das Getriebe seines Ferraris einkuppelte. Weil aber auf das Zick kein Zack folgte, gab es für die Rennaufsicht keinen Grund zur Beanstandung und für Alonso keinen Grund, zurückzuschauen.

British Formula One Grand Prix Auf dem Sprung nach ganz oben: Mark Webber © dpa Bilderstrecke 

Souverän und vermeintlich überlegen zog der Spanier in der italienischen Maschine seine Kreise – als sich das Feld nach zwei Runden sortiert hatte, schien es, als sollte ihm Webber nur mit Respektabstand folgen können. Erst nach dem letzten Boxenstopp, nach 34 von 52 Runden holte Webber auf – und wie: 3,5 Sekunden Rückstand in Runde 41, 1,3 Sekunden in Runde 45, 0,3 Sekunden in Runde 47. 5,8 Kilometer später war er vorbei, nach einem, Stichwort Respektabstand, harten, aber fairen Duell.

Harte, aber faire Duelle bei den Großen

Manch einer im Fahrerfeld könnte sich das Rennen auch in dieser Hinsicht noch einmal in einer stillen Stunde ansehen. Vettel gegen Massa, Räikkönen gegen Vettel, Schumacher gegen Räikkönen und allen voran Webber gegen Alonso: Die großen Namen des Fahrerlagers lieferten sich durchweg harte, aber faire Duelle.

Sergio Perez und Pastor Maldonado dagegen nahmen den Begriff vom Rad-an-Rad-Duell in der zwölften Runde viel zu wörtlich. Mit einem gewagten Powerslide über den Kurvenscheitelpunkt hinaus wuchtete der Venezolaner Maldonado seinen Williams gegen die Achsen des mexikanischen Sauber-Piloten. Das Rennen war für beide vorüber, Maldonado wurde mit einer Strafzahlung von 10,000 Euro belegt.

„Er hat keinen Respekt“

Und Perez, der unbedingt noch in dieser Saison der erste Grand-Prix-Sieger in einem Sauber werden will und sich vom 17. Startplatz schon in die Punkteränge vorgearbeitet hatte, fand immerhin Zeit für eine bemerkenswerte Interview-Philippika. „Pastor hat keinen Respekt für die anderen Fahrer. Gar keinen. Ich verstehe nicht, wie er fährt. Wenn die Rennkommissare jetzt nichts unternehmen, lernt er es nie. Schauen Sie sich doch im Fahrerlager mal um – jedem von uns macht Pastor Sorgen. Er hat keinen Respekt.“

In der Tat hatte Maldonado in Valencia schon Lewis Hamilton aus dem Rennen befördert. Wem die Saison bis dahin zu sehr vom englischen Geist des Fair Play geprägt war, der kann sich in den kommenden Wochen auf ein bisschen lateinamerikanisches Feuer im Motoröl freuen. Die nächsten Rauchzeichen könnte es in zwei Wochen in Hockenheim geben.

Michael Schumacher war dagegen einer der Piloten, der sich das ganze Wochenende über den kühlenden englischen Landregen gefreut hatte. Würde sich von Startplatz drei die Chance auf den ersten Sieg im Mercedes bieten? Schumacher spekulierte darauf, doch nach dem Rennen spielte die Mannschaft in Silber den Sunshine Blues. Schumacher fuhr zwar ein solides Rennen, das auf Platz sieben endete, aber: „Das Auto war am Anfang schwierig und zu langsam.“

„Du machst einen tollen Job!“

Was sollte da Teamkollege Nico Rosberg sagen? 29 Sekunden hinter Schumacher im Ziel, Platz 15, drei Plätze hinter Nico Hülkenberg im Force India – Rosbergs schwächstes Resultat in diesem Jahr. Sechs Punkte für Schumachers Ergebnis sind deutlich zu wenig für die Ansprüche, die Mercedes hat. Für Hockenheim wünschte sich Schumacher gleich noch einmal Regenwetter.

Ähnlich enttäuscht war die ähnlich lackierte britische Konkurrenz von McLaren. Lewis Hamilton brauchte nur fünf Runden, um sich per Funk beim Team über die mangelnde Geschwindigkeit seines Untersatzes zu beklagen. Den Rest des Rennens bekam der Engländer beruhigende Durchhalteparolen ins Cockpit gefunkt. „Super, Lewis! Jede Zehntel zählt! Toller Boxenstopp! Du machst einen tollen Job!“ Hamilton wurde Achter, Teamkollege Jenson Button Zehnter.

Keine Frage, dass sich die Engländer ein bisschen mehr gewünscht hätten. Wie man sich über ein nicht zufriedenstellendes Ergebnis dennoch nicht ärgert, machte in der Pressekonferenz Sebastian Vettel vor. Er drehte den Spieß um und fragte die Journalisten nach dem Spielstand im Wimbledon-Finale. Autorennen ist immer auch die Konzentration aufs Wesentliche.

Grand Prix von Großbritannien in Silverstone

Endstand nach 52 Runden à 5,891 km = 306,198 km

1. Mark Webber (Australien) Red Bull 1:25:11,288 Std. (Schnitt: 215,683 km/h);
2. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 3,060 Sek. Sek.;
3. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull + 4,836;
4. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 9,519;
5. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus + 10,314;
6. Romain Grosjean (Frankreich) Lotus + 17,101;
7. Michael Schumacher (Kerpen) Mercedes + 29,153;
8. Lewis Hamilton (England) McLaren Mercedes + 36,463;
9. Bruno Senna (Brasilien) Williams + 43,347;
10. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 44,444;
11. Kamui Kobayashi (Japan) Sauber + 45,370;
12. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India + 47,856;
13. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso + 51,241;
14. Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso + 53,313;
15. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes + 57,394;
16. Pastor Maldonado (Venezuela) Williams + 1 Runde;
17. Heikki Kovalainen (Finnland) Caterham + 1 Runde;
18. Timo Glock (Wersau) Marussia + 1 Runde;
19. Charles Pic (Frankreich) Marussia + 1 Runde;
20. Pedro de la Rosa (Spanien) HRT + 2 Runden;
21. Narain Karthikeyan (Indien) HRT + 2 Runden

Ausfälle: Witali Petrow (Russland) Caterham (1. Runde/Einführungsrunde); Paul di Resta (Schottland) Force India (3. Runde/Kollision); Sergio Perez (Mexiko) Sauber (12. Runde/Kollision)

Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen (Lotus) 1:34,661 Min.

Pole Position: Fernando Alonso (Ferrari) 1:51,746 Min.

Quelle: FAZ.NET

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Formel 1 in Spa Vettel platzt erst der Reifen, dann der Kragen

Weil ihm beim Rennen in Belgien in der vorletzten Runde der Reifen platzt, verpasst Sebastian Vettel das Podest. Die Schuld daran gibt er anderen. Und auch Nico Rosberg hat gegen Sieger Hamilton keine Chance. Mehr Von Michael Wittershagen, Spa

23.08.2015, 15:42 Uhr | Sport
St.-Mary’s-Krankenhaus William und Kate verschenken Gebäck an wartende Fans

Der britische Prinz William und seine hochschwangere Frau Kate haben für ihre wartenden Fans eine Runde Gebäck ausgegeben. Die etwa ein Dutzend Anhänger der Royals, von denen einige seit Tagen in Zelten und auf Bänken in der Kälte vor dem Londoner St.-Mary's-Krankenhaus ausharren, zeigten sich erfreut über die Leckereien. Mehr

02.05.2015, 09:31 Uhr | Gesellschaft
Formel 1 in Spa Hamilton und seine eigene Welt

Zehnte Pole im elften Rennen: An Lewis Hamilton kommt auch in der Qualifikation zum Großen Preis von Belgien keiner vorbei. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel erlebt dagegen ein Debakel. Mehr Von Michael Wittershagen, Spa-Franchorchamps

22.08.2015, 15:28 Uhr | Sport
Europa-League-Playoff Alle Tore von Odds BK - Dortmund

Was für ein turbulentes Spiel in Norwegen. Das erste Tor beim Duell von Borussia Dortmund mit Odds BK fällt schon nach 13 Sekunden. Auch danach geht es rasant weiter – mit glücklichem Ende für den BVB. Mehr

21.08.2015, 08:37 Uhr | Sport
Formel-1-Pilot Max Verstappen Juwel aus der Computer-Kid-Generation

Wie jung darf ein Fahrer sein in der Formel 1? Der 17 Jahre alte Max Verstappen galt für viele als Sicherheitsrisiko. Nach nur einer halben Saison hat er nicht nur das eigene Team überzeugt. Mehr Von Michael Wittershagen, Spa-Francorchamps

21.08.2015, 12:34 Uhr | Sport

Veröffentlicht: 08.07.2012, 17:20 Uhr

Im Rausch des Geldes

Von Michael Horeni

Der gesamte De-Bruyne-Deal dürfte sich auf gut 150 Millionen Euro belaufen. Mit Ethik muss man dem Fußball nicht kommen. Aber es ist schlicht obszön, wie hier Vermögen verschwendet wird. Mehr 84 50