Vor dem Rennen in Valencia am Sonntag (14.00 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) liegt der Ferrari-Pilot im WM-Klassement 75 Punkte hinter dem Teamkollegen Fernando Alonso. Aufgeben will der 31 Jahre alte Brasilianer nicht - der Titel in der Formel 1 bleibt eines seiner Ziele.
Wie fühlt man sich als Fahrer, für den es inzwischen in jedem Rennen um seine Zukunft bei Ferrari geht?
Es hat sich nichts verändert, der Druck war da, seitdem ich 2006 zu Ferrari gewechselt bin. Ich fahre permanent um meine Zukunft, um einen Platz im Cockpit. Diese Marke ist ein Mythos, es ist für jeden eine Ehre, hier fahren zu dürfen - und natürlich musst du dann auch deine Leistung bringen. Du musst gewinnen, und ich gewinne gerade nicht mehr. Daran muss ich arbeiten, und das werde ich. Es ist nicht nur das Ziel von Ferrari, dass ich wieder erfolgreich bin. Es ist mein eigener Anspruch. Seit Jahren reden viele Leute von meinem Ende, aber das hat mich noch nie interessiert. Und ich bin noch immer dabei.
Nervt Sie die Diskussion um Ihre Person?
Natürlich, und es ärgert mich, was manchmal in den Zeitungen steht. Ich habe in dieser Saison sicher nicht immer überzeugt, aber ich habe mich zuletzt permanent verbessert. Ich bin noch immer gut genug für die Formel 1. Ein gutes Resultat kann vieles schlagartig verändern, all die Kritik würde auf einmal wieder verstummen.
Sie sind derzeit auf Platz vierzehn in der Gesamtwertung, Ihr Teamkollege Fernando Alonso ist Zweiter - kann Ferrari in diesem Jahr zum ersten Mal nach den Erfolgen mit Michael Schumacher wieder den Titel gewinnen?
Ja, das haben wir vor. Fernando macht einen unglaublich guten Job, er hat beinahe in jedem Rennen viele Punkte gewonnen. Zusammen müssen wir das Auto schneller machen, wir müssen noch stärker werden. Es gibt in diesem Jahr niemanden, der dominiert. Sieben Rennen, sieben Sieger - warum also sollten wir am Ende nicht Weltmeister werden?
Sie sind bei Ferrari an der Seite von Schumacher gefahren und erleben nun Alonso aus nächster Nähe. Wie würden Sie beide vergleichen?
Sie sind Top-Fahrer, sie bewegen sich in etwa auf dem gleichen Level. Michael war unglaublich in so vielen Dingen, er hat das Auto bis ins Detail verstanden, er hat es analysiert und permanent weiter entwickelt. Er war beinahe schon besessen davon und ist oft bis tief in die Nacht an der Strecke geblieben. Und er konnte während der Rennen so viele Dinge gleichzeitig aufnehmen und bewerten, das hat mich immer beeindruckt. Fernando arbeitet ähnlich genau, auch er ist auf der Suche nach Perfektion.
Sie sind einer der besten Freunde von Schumacher im Fahrerlager. Er musste viel Kritik einstecken nach seinem Comeback, was halten Sie davon?
Michael muss das machen, was er will, was er liebt und wonach er strebt. Er ist alt genug, um das allein zu entscheiden - da muss ihn keiner beraten, und ihn muss auch niemand dafür kritisieren. Es ist gut, dass er wieder da ist, ich freue mich jedes Mal, wenn ich Michael irgendwo an der Strecke sehe. Ich habe höchsten Respekt vor diesem Mann. 91 Siege, 7 Titel - er hatte eine beeindruckende erste Karriere, normalerweise kannst du davon nicht einmal träumen. Und er war 37, als er zurücktrat. Ich meine, eigentlich war dies das perfekte Alter. Aber offenbar hatte er das Gefühl, hier noch nicht fertig zu sein.
Hätten Sie ihm dazu geraten, noch einmal in die Formel 1 zu kommen?
Um ehrlich zu sein: Ich habe befüchtet, dass es schwierig wird für ihn. So ist es gekommen. Man kann nicht erwarten, dass man eine Pause macht und ohne Probleme zurückkehrt. Und ich glaube, dass Michael das genau eingeschätzt hat. Aber natürlich waren die Erwartungen an ihn ganz andere: Da kam der Rekordweltmeister, der noch immer aussah wie früher, und die Leute haben gedacht, dass er wieder von Sieg zu Sieg rasen würde. Aber seit 2008 haben sich die Regeln permanent verändert, die Formel 1 ist komplett anders geworden. Die Technik, die Reifen, die Autos - ich war die ganze Zeit dabei, und trotzdem habe ich Probleme bekommen. Und auch Michael musste vieles neu lernen. Aber er macht einen großartigen Job, in Monaco war er schneller als alle anderen und fuhr auf die Pole Position. Michael hätte längst einen Sieg verdient, und jeder würde sich mit ihm freuen.
Im Juli 2009 sind Sie beim Rennen in Budapest verunglückt, eine Feder hat den Helm durchschlagen, Sie erlitten schwere Kopfverletzungen, hätten beinahe das Augenlicht verloren - hat sich seitdem irgendetwas verändert?
Nein, überhaupt nichts. Das sagen mir auch die Ärzte. Ich lasse mich noch immer regelmäßig untersuchen, ich will wissen, ob mit meinem Körper weiterhin alles in Ordnung ist, ob sich irgendetwas verändert. Aber das ist nicht der Fall, ich fühle mich gut.
Sind Sie genau der gleiche Fahrer wie vor dem Unfall, spüren keine Angst dort draußen auf der Strecke?
Ja, so sehe ich das. Wenn ich im Auto sitze, dann will ich so schnell fahren wie möglich. Aber natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ich an damals denke. Ich habe mir oft Bilder und Videos vom Unfall angeschaut, und ich habe es gesehen, wie jeder andere Zuschauer auch. Das war nicht ich, der da im Wagen saß - zumindest fühlt es sich heute so an. Ich habe absolut keine Erinnerungen. Die letzten Bilder, die ich in meinem Kopf habe, spielen sich eine Runde zuvor ab. Da war alles in Ordnung, ich habe mich gut gefühlt. Und irgendwann wache ich dann wieder im Krankenhaus auf. Dazwischen ist nichts. Ich habe Glück gehabt. Wäre der Unfall ein paar Jahre zuvor passiert, ich weiß nicht, ob ich ihn überlebt hätte.
Gehen wir noch ein Jahr zurück: das Saisonfinale 2008. Für wenige Sekunden sind Sie Weltmeister, ehe Lewis Hamilton in der letzten Runde noch einen Platz gutmacht und den Titel gewinnt.
Oh ja, daran denke ich permanent zurück. Ich war so dicht dran, das Spiel war eigentlich beendet - und dann habe ich doch noch alles verloren. Das war ein grausames Gefühl. Aber ich hatte damals eine perfekte Saison, ich kann mir selbst keinen Vorwurf machen.
Vielleicht war es Ihre letzte Chance, Weltmeister in der Formel 1 zu werden.
Ja, vielleicht. Aber ich werde nicht aufgeben und eine weitere Chance suchen. In der Formel 1 ist nichts unmöglich. Natürlich muss ich mich selbst verbessern. Aber in der Vergangenheit haben sich hier so viele Dinge so schnell verändert, warum soll ich es nicht schaffen können? Du musst daran glauben, dass alles möglich ist. Du musst daran glauben, dass du wieder siegen wirst und um den Titel fährst. Dafür steige ich ins Auto.