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Formel 1 : Auf den Spott über Ferrari folgt Staunen

  • -Aktualisiert am

Sebastian Vettel hat sich über den Winter bei Pirelli eingeklinkt – das zahlt sich nun aus. Bild: AFP

Sollte Sebastian Vettel in diesem Jahr Weltmeister werden, dann hat er den Grundstein bereits vergangenen Herbst gelegt. Auch die Gründe für Ferraris Aufschwung werden immer deutlicher.

          Der Große Preis von Monaco war ein Festival in Rot. In der ersten Startreihe: zwei Ferrari. Auf dem Podium: zwei Ferrari-Fahrer. Zum ersten Mal seit 2001 gewann der Rennstall aus Maranello wieder in Monte Carlo. Zum ersten Mal seit dem Rennen in Hockenheim 2010 wieder im Doppelpack. „Wir haben jetzt auf allen Streckentypen gezeigt, dass wir ein gutes Auto haben“, jubelte Technikchef Mattia Binotto.

          Sebastian Vettel kann mit Recht behaupten: „Wir hätten alle sechs Rennen gewinnen können.“ Und Mercedes-Teamchef Toto Wolff bilanzierte vor dem Großen Preis von Kanada an diesem Sonntag in Montreal (20 Uhr / Live bei RTL und SKY und im Formel-1-Liveticker bei FAZ.NET) ohne Koketterie: „Wir sind jetzt die Underdogs. Ferrari bringt seine Reifen immer ins Arbeitsfenster. Wir hatten dieses Jahr kein einziges Rennen, wo uns das mit beiden Autos das ganze Wochenende gelang.“

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          Die Autos mit den Startnummern fünf und sieben haben kein Problem mit dem Aufwärmen der Reifen, keines mit Überhitzen. Während anderswo oft hektisch an der optimalen Fahrzeugabstimmung geschraubt wurde, geht die Arbeit in der Ferrari-Garage meistens ihren geregelten Gang. Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen können nach einer Aufwärmrunde „explodieren“, aber auch nach fünf Runden noch eine Bestzeit aus dem Ärmel schütteln. Mercedes muss den Aufwärmprozess exakt hinbekommen, um aus den Reifen das Maximum herauszuholen. Die Reifenprobleme sind noch lange nicht gelöst, auch wenn es in Barcelona danach aussah. „Unser Auto ist eine Diva“, urteilte Toto Wolff.

          Lewis Hamilton konzentriert sich bei der Ursachenforschung voll auf die Pneus: „Wir fallen zu oft aus dem Arbeitsfenster. Mal vorne, mal hinten, mal nur ein Reifen, mal mehrere. Es kann sich während einer Runde ändern. Wir verstehen auch nicht, warum manchmal das eine Auto betroffen ist und das andere nicht.“ Niki Lauda forderte nach Monte Carlo: „Wir müssen herausfinden, wann und wo wir aus dem Reifenfenster herausrutschen. Sonst haben wir auch bei den nächsten Rennen ein Problem.“ Jetzt aber sehen die Ingenieure Licht am Ende des Tunnels: „Wir haben Verdachtsmomente im Bereich der Aufhängungen und werden in Montreal Versuche fahren, in der Hoffnung, dass sich unsere Theorien bestätigen.“

          Das Fahrerlager ist sich einig: Nicht Mercedes ist in diesem Jahr das Team, das man schlagen muss, sondern Ferrari. Viele rätseln, wie das Team das Ruder herumgerissen hat. Gibt es irgendeinen geheimnisvollen Trick, der die Autos aus Maranello fliegen lässt? Oder einen italienischen Adrian Newey, den außerhalb der Ferrari-Fabrik keiner kennt? So langsam kommen die Gründe für das Ferrari-Revival ans Licht.

          Sebastian Vettel gewinnt den Großen Preis von Monaco. Bilderstrecke
          Sebastian Vettel gewinnt den Großen Preis von Monaco. :

          Der Motor ist nach einer Intensivkur endgültig auf dem Niveau des Mercedes. Ein deutscher Motoreningenieur, der im Winter 2015/2016 bei Ferrari andockte, lieferte die letzten Impulse. Das Auto liegt mit seinem Radstand und seinem Anstellwinkel in der goldenen Mitte. Die Aerodynamik ist stabil.

          Abtrieb gibt es über eine große Bandbreite an Federweg und Bodenfreiheit. Das schont die Reifen. Der neue Technikchef Mattia Binotto schweißte das Designbüro wieder zusammen, aus vielen Fraktionen wurde eine Einheit. Der Schweizer mit italienischem Pass hat den Ingenieuren eingetrichtert, mehr Mut zum Risiko zu zeigen. Grauzonen des Reglements werden konsequent genutzt. Wie beim Heckflügel, der sich samt Diffusor bei Topspeed nach hinten biegt. Nach Jahren des Kopierens kommen wieder Ideen aus dem Büro des neuen Aerodynamikchefs David Sanchez. Dort, wo die Konkurrenz einen Technologievorsprung hatte, betrieb Ferrari erfolgreich Lobbyarbeit beim Verband. Mercedes und Red Bull mussten ihre vernetzten Fahrwerke kastrieren. Das schmerzt sie mehr, als sie zugeben.

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          Ferrari entwickelte das Auto des Jahrgangs 2016 bis zum Schluss, um den Defiziten auf die Spur zu kommen und aus den Fehlern zu lernen. Ein goldrichtiger Schachzug. Ferrari diagnostizierte einen instabilen Abtrieb. Die Lösung war auch auf das neue Auto übertragbar. Und inzwischen versteht das Team als eines der wenigen die neuen Pirelli-Reifen. Der Grund: Die Scuderia baute für Pirellis Entwicklungsarbeit mit den breiteren Reifen seinen Testträger auf der Basis des SF15-T von 2015 so um, dass man für das 2017er Auto Erfahrung sammeln konnte. Mit breitem Heckflügel, großem Diffusor und einem Frontflügel. Red Bull und Mercedes montierten Abtriebshilfen, die für 2017 nicht relevant waren, weil sie inzwischen verboten sind.

          Zudem kamen bei Ferrari hauptsächlich die Stammpiloten zum Einsatz, bei Mercedes und Red Bull dagegen die Testfahrer. „Da haben wir geschlafen“, gibt Niki Lauda zu. Sebastian Vettel spulte 2228 Kilometer im Dienste von Pirelli ab, Kimi Räikkönen 1054 Kilometer. Max Verstappen saß 517 Kilometer in Red Bulls Muletto, Daniel Ricciardo 200 Kilometer. Lewis Hamilton entschuldigte sich mit Verletzungen und dem Statement, dass diese Versuchsfahrten aus seiner Sicht wenig Sinn machten. Er war ganze 50 Kilometer auf den 2017er Reifen unterwegs gewesen, bevor die Testfahrten im Februar begannen.

          Vettel hat sich auch außerhalb der Rennstrecke in die Arbeit von Pirelli an den breiteren Reifen eingeklinkt. Pirelli-Präsident Marco Tronchetti Provera verriet in Monte Carlo: „Sebastian hat uns mehrfach in Mailand besucht, um im Rahmen der Regeln mit unseren Ingenieuren seine Eindrücke zu diskutieren. Ein Fahrer seiner Erfahrung hat sich dadurch so viel Wissen angeeignet, dass er mit seinen Technikern bei Ferrari Abstimmungen ausarbeiten konnte, die nötig sind, um die Reifen im optimalen Betriebsfenster zu halten.“ Sollte Vettel in diesem Jahr Weltmeister werden, dann hat er den Grundstein schon im vergangenen Herbst und Winter gelegt.

          Quelle: F.A.Z.

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