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Der sechste Titel Der Meister der Weltmeister

 ·  Nummer sechs, na und? Einer mehr in der Sammlung. Muß man deshalb innehalten, eine Gedenkminute einlegen, weil der alte und neue Weltmeister nun allein vorne steht? Sechse, das hat noch keiner geschafft. Bei Schumacher wird die Zahl wohl nichts ändern. Sagt er selbst. Es gibt höchstens ein neues Ziel. Nach der Sechs ist nun die Sieben an der Reihe.

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Nummer sechs, na und? Einer mehr in der Sammlung. Muß man deshalb innehalten, eine Gedenkminute einlegen, weil der alte und neue Weltmeister nun allein vorne steht? Sechse, das hat noch keiner geschafft. Bei Schumacher wird die Zahl wohl nichts ändern. Sagt er selbst. Der Rheinländer bleibt seinem Typ treu: Ehrgeizig, professionell, umgänglich, sachlich, zielstrebig. Es gibt höchstens ein neues Ziel. Nach der Sechs ist nun die Sieben an der Reihe. Die Vorbereitungen haben längst begonnen. Michael Schumacher fährt aus Leidenschaft. Das kann gar nicht anders sein. Wer sich nun 193 Rennen zu den immergleichen Abläufen zwingt, muß von einem unstillbaren Verlangen getrieben sein. Wie könnte er sonst die Mühle ertragen? Minutiös geplante Tage von früh bis spät, Testfahrten für Testfahrten durch die immergleichen Kurven, tausende von Interviews mit den immergleichen Fragen, Repräsentationspflichten seit zwölf Jahren, die einem den Sport verleiden können. Mancher Star hat sich dem Druck schnell entzogen. Bei Schumacher überwiegt (noch) der Spaß.

Man sieht das nicht von außen. Helm auf, einsteigen, abfahren, siegen. So mechanisch, wie das Prozedere vor und während eines Formel-1-Rennens abläuft, wirkt es auch. Exaktheit führt zum Erfolg, eine präzise Fahrweise, Coolness, nicht der spektakuläre Drift, die Attacke mit Schaum vor dem Mund. So versteckt in seinem Cockpit kann das Publikum an den Leiden und Freuden des Michael Schumacher nicht wirklich teilnehmen. Wann beißt er auf die Zähne, wann ballt er die Faust, wann lacht er sich ins Fäustchen, wann brüllt er sich Frust oder Freude aus dem Leib? Beim Torschuß im Freizeitkick, als Hochspringer auf dem Podium, oder im Rennwagen? Wahrscheinlich fällt es deshalb vielen Menschen leichter, mit glänzenden Augen von anderen deutschen Sporthelden zu schwärmen: Einen Beckenbauer hat man mit dem Arm in der Schlinge als brillanten Libero bewundert. Becker hat man verlieren, fighten und dann doch noch zum Sieg hechten sehen. Aber Schumacher? Die Formel 1 hat dicke Statistiken angelegt, damit man nachlesen kann wie gut einer ist oder war: Ewige Zahlenkolonnen als Ersatz für mangelnde Nähe.

Und was bleibt haften? Bei Schumachers Gegnern wohl für immer zuerst das Foul von Jerez 1997 im Kampf gegen Jacques Villeneuve. Ein Fehler, den der Rheinländer längst bereut hat. Beim übrigen Publikum vermutlich mehr als jede andere Saison das Jahr 2003. Es bekam soviele Facetten des Weltmeisters wie nie zuvor zu sehen: Den fehlerhaften, den tieftraurigen, den pflichtbewußten, den coolen, den cleveren, den unglücklichen, den überrundeten, den wiedererstarkten und den glücklichen Schumacher. Neun Gesichter, in denen sich neun Rennen oder Phasen einer turbulenten Saison spiegeln.

Eine Szene aber gibt die Antwort auf die Frage, warum der 34jährige Rheinländer zum sechsten Mal Weltmeister geworden ist. Es war in der 23. Runde des Großen Preises von Österreich. Der Chefpilot biegt als Führender zum Tanken und Reifenwechseln in die Box. Sekunden später steht die Motorhaube in Flammen. Hektik bricht aus. Die Feuerwehrleute unter den Ferrari-Mechanikern greifen zum Handlöscher. Schumacher beobachtet das Feuer im Rückspiegel. Er bleibt einfach sitzen, mittendrin in seinem Feuerstuhl, seelenruhig. Das Bild wirkt wie ein Stilleben im größten Trubel. Plötzlich wird vieles klar. Nach den Löscharbeiten fährt er weiter, siegt, gewinnt zehn Punkte. Das ist der Unterschied zwischen all den hervorragenden Piloten und einem Champion. Und deshalb ist der sechste Titel weit mehr als ein Eintrag ins Buch der Rekord.

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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