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Veröffentlicht: 28.04.2017, 09:21 Uhr

Formel 1 in Sotschi Putins Prestigeprojekt am Schwarzen Meer

Das Formel-1-Rennen in Sotschi ist Putins Vorzeigeprojekt. Auf russische Grand-Prix-Sieger werden die Zuschauer aber noch lange warten müssen. Da helfen auch keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

von , Sotschi
© dpa Held der russischen Jugend: Daniil Kwajt

So einfach ist eine Zeitreise. Daniil Kwjat stand im Bolschoi-Eisstadion und bekam ein Trikot in die Hand gedrückt. „Red Bull Racing“ war darauf zu lesen, neben dem Logo des Rennstalls. Die Profis des Hockeyklubs Sotschi hatten es für Kwjat signiert, sie treten in der russischen Profiliga KHL an. Der einzige russische Formel-1-Pilot, der auch bei Grands Prix starten darf, hatte zuvor bei einem Werbetermin das Eis geschrubbt, mit den Frauen der russischen Curling-Nationalmannschaft. Abends stellte er in einem Hotel nahe der Rennstrecke seine Biographie vor, gemeinsam mit dem Journalisten, der sie geschrieben hat: „Daniil Kwjat, der Pfad in die Formel 1“.

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Daniil Kwjat allerorten in der Woche vor dem Großen Preis von Russland. Auf dem Eis, im TV, im Buch, das eines „für die die jungen Leute in Russland“ sei, wie Kwjat am Donnerstag sagte. Am Mittwoch war er 23 Jahre alt geworden, und legte man nur diese eine Woche vor dem Rennen am Sonntag (14 Uhr MESZ/ live bei RTL und Sky und im Formel-1-Liveticker bei FAZ.NET) in seinem Heimatland zugrunde, man könnte den Eindruck bekommen, in seiner Karriere ginge es mit Vollgas voran.

46105296 © dpa Vergrößern Ecclestone nörgelt derzeit an der Formel 1 herum, wo er nur kann – aber zum Rennen in Sotschi werden ihm nur Komplimente einfallen.

Tatsächlich aber droht Kwjats Karriere im hinteren Mittelfeld der Formel 1 ausgebremst zu werden. Für Red Bull Racing war er zuletzt hier in Sotschi unterwegs, vor genau einem Jahr. Damals prallte er ins Heck von Sebastian Vettels Ferrari, in Runde eins, Kurve zwei; und zwar nicht einmal, sondern zweimal. Prompt wurde Kwjat von Red Bull ausgetauscht, sein Cockpit bekam der niederländische Wunderknabe Max Verstappen, der zur hellen Begeisterung nahezu aller Formel-1-Fans – außer der russischen, selbstverständlich – das darauffolgende Rennen in Barcelona gewann. Kwjat aber saß wieder im Toro Rosso, beim kleinen Schwester-Team des Energietrunk-Imperiums, war offenkundig geschockt und wurde vom spanischen Teamkollegen Carlos Sainz junior abgehängt. Die Tendenz setzt sich bislang in der laufenden Saison fort.

Kwjat war 2014 in die Formel 1 gekommen, jenem Jahr, in dem die Rennserie in Sotschi das erste Mal zu Gast war. 2010 hatten der damalige Rechteinhaber Bernie Ecclestone und Russlands Staatspräsident einen Vertrag über die Austragung von Rennen zwischen 2014 und 2020 an Putins Lieblingsspielplatz an der Schwarzmeerküste abgeschlossen, zu Konditionen, die damals einzigartig waren, einzigartig günstig für Ecclestone, einzigartig teuer für die Veranstalter: mindestens 30 Millionen Euro, Jahr für Jahr, eher mehr. Inzwischen kommt die Formel 1 beim aserbaidschanischen Alijew-Regime in Baku noch besser weg, aber Russland hat den Maßstab gesetzt.

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Die vierte Austragung des Rennens zwischen Sotschis Olympiabauten, die in das Marschland der Imeritinskaja-Bucht gesetzt wurden, eines ehemaligen Naturschutzgebiets, bedeutet gewissermaßen die Halbzeit von Putins Prestigeprojekt „Großer Preis von Russland“. Ecclestone, von den Chefs der neuen Rechteinhaber Liberty Media inzwischen ausgebootet, hat angekündigt, nach Sotschi kommen zu wollen, er sei von Putin eingeladen. Der 86 Jahre alte Mann nörgelt derzeit an der Formel 1 herum, wo er nur kann, wenn man ihm die Chance gibt, aber zum Rennen in Sotschi werden ihm nur Komplimente einfallen. So ist es Usus zwischen Putin und ihm. Rund um die Strecke herrscht mehr Betrieb, seit das Rennen ins Frühjahr fällt – und am Montag fällt die Arbeit aus, am „Tag des Frühlings und der Arbeit“, wie der 1. Mai in Russland heißt.

Zudem war es der Nachfrage nach Urlaubstagen an russischen Stränden im Allgemeinen und Sotschis Kiesufer im Besonderen zuträglich, dass etlichen Staatsbediensteten, insbesondere jenen, die in der Exekutive angestellt sind, seit einigen Jahren empfohlen wird, auf Auslandsurlaube zu verzichten. Eine durchaus ernstzunehmende Empfehlung. Und die Streckenbetreiber locken Zuschauer, die in den vergangenen Jahren das Rennen gesehen haben, mit einem Rabatt von 15 Prozent auf Eintrittskarten des Jahrgangs 2017 und behaupten auf ihrer Website: „Wir werden jedes Jahr besser.“ Wie viel Potential noch erschlossen werden kann? Schon jetzt seien 99 Prozent der Zuschauer mit der Organisation des Events zufrieden, habe eine Umfrage ergeben.

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Allein: Auf russische Grand-Prix-Sieger werden die Zuschauer wohl noch länger warten müssen. Dem 21 Jahre alten Sergej Sirotkin räumt Renault die Gelegenheit ein, sich im ersten Training an diesem Freitag an Nico Hülkenbergs Stelle ins Auto zu setzen. Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die in Sotschi traditionell greift, und das, obwohl Renault sich Fortschritte vom neuen Frontflügel verspricht, der in Sotschi erstmals eingesetzt wird. Hülkenberg muss hoffen, in den verbleibenden zwei Trainingsdurchgängen an diesem Freitag und Samstag die optimale Einstellung für Rennen und Qualifying zu finden. „Ich wusste ja, dass das kommt. So ist es nun mal. Weniger Zeit auf der Strecke, aber ich weiß ja, wo es hier langgeht“, sagte der Deutsche am Donnerstag. Er bezog das auf seine Ortskenntnisse.

Hinter Sirotkin steht Boris Rotenberg, Oligarch, Putin-Vertrauter und Gründer der SMP Bank. Rotenberg verspricht, mit der von ihm gegründeten Rennfahrerakademie für einen Pool an Nachwuchspiloten zu sorgen. Einstweilen aber gibt außer Sirotkin und Kwjat noch ein Senior auf Sotschis Autodrom Gas: Witali Petrow, der erste russische Formel-1-Pilot überhaupt. Petrow bietet auch einen Pfad in die Formel 1, er wird an diesem Wochenende Gewinnspielsieger um den Kurs fahren, denen die beste Antwort auf folgende Frage einfällt: „Warum sollte ich derjenige sein, der eine Fahrt um den Kurs gewinnt?“

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