Es gehört zu den Grundprinzipien der Formel 1, dass die Superhirne der Branche die Situation permanent unter Kontrolle haben wollen, dass sie die möglichen Szenarien der Zukunft schon im Jetzt voraussagen möchten. Doch schon vor der dritten Station der diesjährigen Welttournee in China sind die Dinge durcheinander geraten.
Wohin fliegt der Tross nach der großen Sause von Schanghai an diesem Wochenende (Rennstart am Sonntag 9.00 Uhr MESZ / Live im F.A.Z.-Ticker)? Offiziell ist Bahrein als nächstes Reiseziel vorgesehen. Doch die Zweifel am Grand Prix im Königreich werden größer. Weil die Unruhen zwischen Opposition und Regierung nicht enden wollen und es Nacht für Nacht neue Verletzte gibt. Das Volk fordert Reformen, ein Ende der königlichen Herrschaft.
Schon in der vergangenen Saison wurde das Rennen abgesagt, in diesem Jahr könnte sich das Szenario wiederholen. Verschiedene Menschenrechtler, Politiker und Teammitglieder, die lieber anonym bleiben wollen, drängen auf einen Verzicht. Chefvermarkter Bernie Ecclestone will davon noch nichts wissen, schließlich soll der kleine Engländer für den Auftritt des Fahrerfeldes mit 39 Millionen Dollar entlohnt werden. Mit Scheuklappen um die Welt?
Erst am Montag explodierte in der Hauptstadt Manama eine Bombe, sieben Polizisten wurden dabei verletzt. Im Februar und März sollen dreizehn Zivilisten von den Sicherheitskräften getötet worden sein. Die Veranstalter sehen trotzdem keinen Grund, in diesem Jahr auf einen Start der Formel 1 zu verzichten.
Streckenchef Zayed Al Zayani sprach am Dienstagabend in einer Presseerklärung von „Panikmache“ einiger Leute, die die Situation in ihren Sesseln aus der Ferne beobachten: „Zusammen mit den Panik schürenden Methoden einer kleinen extremistischen Gruppe in digitalen Sozialnetzwerken wurde ein missverständliches Bild der Situation vor Ort kreiert.“
Beobachter vor Ort berichten etwas anderes: Viele politische Gefangene sind noch immer in den Gefängnissen, die Opposition spricht von systematischer Folter. Alles kein Grund zur Sorge? Sollen Vettel und Co. also ihre Runden drehen, während einige Kilometer vor den Zäunen Molotowcocktails geworfen werden und das Militär mit Tränengas und Waffen reagiert?
Der schnellste Zirkus der Welt ist in der Vergangenheit selten vor etwas zurückgeschreckt. Anfang der achtziger Jahre trat die Formel 1 in Argentinien auf, obwohl dort die Militärjunta regierte und Soldaten an der Strecke patrouillierten. Selbst weltweite Proteste gegen die südafrikanische Apartheidpolitik konnten 1985 nicht das Rennen in Kyalami stoppen.
Ecclestone reicht die Entscheidung nun weiter, er gibt den Schwarzen Peter an die Teams. „Wir können nicht sagen, ihr müsst dort hin. Auch wenn es ein Verstoß gegen unsere Verträge wäre“, sagte der 81 Jahre Engländer am Dienstag. „Wir haben keine Chance, die Leute zu zwingen. Die Teams müssen selbst entscheiden.“
Der Alte macht es wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Aber so einfach ist die Angelegenheit nicht. Es geht in diesem Fall nicht nur ums Geschäft, es geht um Fragen der Moral und Menschenrechte. Wer sich zurückhält, wird seiner Verantwortung nicht gerecht und macht sich schuldig.
Und was wäre das für eine Botschaft an die Welt. Es braucht keinen Hochleistungsrechner, um dies vorauszusagen: Bei der Bahrein-Frage stehen längst nicht mehr Antrittsgelder und WM-Punkte im Mittelpunkt, es geht um mehr - um Leben und Tod.