Ein Schwätzchen mit Bernie Ecclestone? Nicht zu machen. Für Plaudereien hat der Großmeister der Formel 1 keine Zeit. So wählt er auch im Gespräch in der Regel die kurze Gerade anstatt Themen großrahmig zu umkurven. „Wenn mir jemand droht, dass er mich umbringen will“, sagte der Brite dieser Tage, „dann sollte der besser auch abdrücken.“ War das eine Drohung?
Dann darf man wohl in nächster Zeit mit Deckungsübungen rund um den Zampano rechnen. Denn Ecclestone, der alte Herr mit der leisen Stimme, neigt durchaus dazu, zurückzuschießen. Womit wir beim Thema wären: Während Sebastian Vettel in Spa-Francorchamps vor dem Auftritt am Sonntag in Monza seine Solotour ausbaute, findet hinter den Kulissen die Fortsetzung eines Klassikers statt. Das spannende Duell mit Bernie um die Macht im Zirkus. Wird der Dompteur abgehängt? Überholt ist er schon.
Das behaupten seine Gegner, allerdings nicht gerade lautstark und zudem vorsichtig verpackt in Lobeshymnen über den 80-Jährigen. Die Team-Vereinigung Fota hält die Vermarktung der Formel 1 für rückständig, erklärt, Geschäftsfelder wie die neuen Medien seien nicht ausreichend berücksichtigt, das Honorar für Ecclestones Arbeit in Höhe von 50 Prozent aller Einnahmen sei viel zu hoch und die Außenpolitik mitunter ein Desaster.
Ecclestone hatte für die Wiederholung des im März abgesagten Grand Prix in Bahrein votiert, obwohl die Machthaber zunächst unbewaffnete Demonstranten niederschießen ließen und fortgesetzte Forderungen, den Menschen größere Freiheiten zu erlauben, auch mit Verschleppungen unterdrückten - bis Friedhofsruhe herrschte. Die Fota glaubt, genügend Argumente für eine Ablösung in Händen zu halten. Nur mit der Präsentation eines Gegenspielers tut sie sich schwer.
Das hat Tradition. Niemand innerhalb der Szene hat es in den vergangenen drei Dekaden gewagt, Ecclestone mit offenem Visier herauszufordern. Und so deutet bislang nichts auf einen Machtwechsel hin. Wenn Ecclestone, in einem weißen Hemd und grauen Beinkleidern zu Schnallenschuhen, mit einem Funkgerät bewaffnet, zielbewusst durch das Fahrerlager geht, teilt sich die Menge wie einst vor Moses das Meer. Gespräche werden unterbrochen, eben noch cool dreinschauende Alphamännchen-Darsteller setzen ein serviles Lächeln auf. Bittgänger deuten Bücklinge an, mancher Regierungsvertreter folgt im gebührenden Abstand bis zum Motorhome - und muss warten, draußen vor der Tür.
Hoffen auf den Staatsanwalt - oder den Herrgott
Es gibt nur wenige, die Ecclestone zwingen konnten, Macht abzugeben. Der Heidelberger TV-Produzent Wolfgang Eisele sprengte Ende der neunziger Jahre in Ansätzen das von Ecclestone und Max Mosley geschaffene Vermarktungs-Monopol des Internationalen Automobil-Verbandes. Innerhalb der Formel-1-Umzäunung aber steht niemand auf. Man fürchtet den messerscharfen Geist eines Greises, der wie ein Fallbeil den Lebensnerv trennen kann. Deshalb warten seine Widersacher mal wieder ab, ob jemand die Arbeit für sie erledigt.
Zum Beispiel die Münchener Staatsanwaltschaft, die Ecclestone in der Affäre um den ehemaligen Banker Gribkowsky eine Schmiergeldzahlung in Höhe von 44 Millionen Dollar vorwirft. Wenn die Justiz nicht obsiegt, blieb als letzte Instanz noch der Herrgott. Schließlich wird Ecclestone im nächsten Monat 81. Dagegen kann er zwar nichts machen. Ein Programm gegen das Altern hat „Godfather“ trotzdem zu bieten. Die erste Freundin nach seiner Scheidung ist fast 50 Jahre jünger: „Sie“, sagte der frisch verliebte Ecclestone und lächelte, „hält mich jung.“