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Crashtest - die Formel-1-Kolumne Realist, kein Samariter

Bernie Ecclestone ist nicht milde geworden. Mit dem Millionen-Verzicht am Nürburgring rettet er nur seinen Kernmarkt vor dem Aus.

© dpa Vergrößern Guter Rechner: Ecclestone verzichtet nur für den langfristigen Profit

Bernie Ecclestone ein Samariter! Geld genug hätte der Engländer. Angeblich lagern irgendwo auf dieser Erde Milliarden Euro zu seinen Gunsten. Und falls es stimmt, was so erzählt und gedruckt wird, dann hat der Chefmanager der Formel 1 deutschen Fans mit Freude an der Sause in der Natur ein Geschenk gemacht. Sie werden am Sonntag den Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring erleben. Warum? Weil Charles Bernhard, die clevere Geldmaschine aus London, der Nürburgring Betriebsgesellschaft nach Insolvenz der Nürburgring GmbH das Antrittsgeldes für sein teures Fahrerfeld erlassen hat.

Anno Hecker Folgen:  

Das klingt nach einer großzügigen, ja selbstvergessenen Geste. Denn von diesen Gebühren und der Fernsehvermarktung lebt die Formel 1. Ecclestone hätte laut des alten Vertrags eigentlich auf nicht viel weniger als zwanzig Millionen pochen können für die Vermittlung von Vettel und seiner Jagdgemeinschaft. Auf diesen Batzen soll der 82jährige Schnelldenker nun ganz und gar verzichten? Weil er im Alter milde und wohltätig geworden ist?

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Bernie, wie er im Fahrerlager gerne genannt wird, hat vor wenigen Jahren schon einmal ein Rennen in Deutschland vor der Absage bewahrt: In Hockenheim stimmte er einer Vertragsauflösung und der anschließenden Neugestaltung zu, bekam statt - geschätzt - 24 Millionen Euro nur noch zwölf, ließ sich aber von der 50.000. Eintrittskarte an eine satte Beteiligung pro Ticket garantieren. Sehr viel hat er nicht mitgenommen. Etwa 60.000 Zuschauer kamen im vergangenen Jahr zum badischen Motodrom. Die Formel 1 lässt sich in Europa kaum noch finanzieren.

Als Kassierer vorstellig

Nun mag sich der Greis, nach dritter Heirat und erstem Enkelkind, verändert haben. Scharf kalkulieren konnte er beim Vertragsabschluss mit der Nürburgring Betriebsgesellschaft aber immer noch. Etwa mit der Realität. In der Eifel gibt es nach der irrsinnigen Fehlinvestition in Hotel- und Parkanlagen auf Landeskosten keinen Cent mehr vom Steuerzahler für den Kreisverkehr. Ecclestone hat wohl schnell verstanden, welche Bedingungen nun herrschen und dass er auf den Kernmarkt der Formel 1 nicht verzichten darf.

Formel 1 - GP Deutschland © dpa Vergrößern Ecclestone hat den Nürburgring nicht uneigennützig vor dem Aus bewahrt

Analog zur Hockenheim-Lösung dürfte der Brite auch am Nürburgring eine Risiko-Beteiligung eingegangen sein. Denn niemand kann ernsthaft glauben, Ecclestone präsentiere Champions und Boliden zum Nulltarif, während der Veranstalter das Eintrittsgeld von rund 50.000 zahlenden Zuschauern einstreicht. Hochgerechnet könnte die Nürburgring GmbH vor Abzug der Organisationskosten sieben, acht Millionen Euro einnehmen. Ecclestone wird dann zweifellos als Kassierer vorstellig. Er verzichtet also nicht, er bekommt nur weniger. Trotzdem werden viele Veranstalter von Formel-1-Rennen neidisch in die Eifel schauen und sich angesichts der Spannung um das fragile Spektakel ärgern: Das ist ja geschenkt!

Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen in Crashtest - die Formel-1-Kolumne jeden Mittwoch dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Formel-1-Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.07.2013, 16:18 Uhr