Vernünftig ist das nicht. Oder würden Sie mit einem Hubschrauber durch das Wohnzimmer fliegen? Mit diesem Irrsinn hat der dreimalige Weltmeister Nelson Piquet einmal die Hatz durch die Straßenschluchten im Fürstentum von Monaco verglichen. Mit Tempo 200 und mehr rasen die Piloten über Zebrastreifen und Kreuzungen, flitzen vorbei an Juwelieren und Edelboutiquen und kommen den Leitplanken dabei so nahe wie nirgendwo sonst.
Das Rennen an der Côte d’Azur ist ein Widerspruch, der fasziniert – selbst die Piloten: „Einerseits setzen wir uns seit vielen Jahren erfolgreich für mehr Sicherheit an den Strecken ein, andererseits fahren wir freiwillig in Monaco“, sagt Michael Schumacher (Mercedes).
Natürlich gibt es anspruchsvollere Pisten im WM-Kalender. Solche, die mehr verlangen von Piloten und Boliden: mehr Mut oder mehr Kraft. Doch nirgendwo ist die Konzentration so sehr gefordert wie an diesem Wochenende im Stadtstaat. „Alle Sinne sind auf der ganzen Runde im Alarmzustand“, sagt Jenson Button (McLaren). Denn ein einziger Fehler auf diesem Kurs beinahe ohne Auslaufzonen bedeutet nicht nur das Aus, sondern oft auch einen Totalschaden der Millionen teuren Rennwagen. Und das alles unter den Augen einiger der reichsten und eitelsten Menschen auf dieser Welt.
Ähnlich wie der Abfahrtslauf der Skirennläufer in Kitzbühel auf der Streif ist das Rennen in Monaco ein Saison-Höhepunkt für die Formel-1-Gesellschaft. Ein Mythos, der noch immer lockt. Trotz moderner Glitzerstrecken in Abu Dhabi oder Singapur, trotz neuer Rennsportwelten wie in Indien oder Südkorea. Seit 1955 kommt der schnellste Zirkus der Welt in das kleine Fürstentum, und einige behaupten, dass der Automobile Club de Monaco dafür nicht einmal Geld an Chefvermarkter Bernie Ecclestone überweisen muss.
Die Veranstalter zahlen einfach mit ihrem guten Namen und der Wirkung dieses einen Protz-Wochenendes. Prompt sagte Ecclestone, der vor allem die Kohle zählt, vor zwei Jahren: „Ich denke, es geht auch ohne Monaco.“
Der Versuch, das Altern aufzuhalten
Geht es nicht. Die Formel 1 produziert schon genügend Widersprüche. Sie lässt die besten Piloten in einigen der schnellsten Rennautos auf diesem Planeten mit Reifen fahren, die nur wenige Kilometer Vollgas vertragen. Sie ist nach dem Fußball weltweit die Sportart Nummer zwei, und doch schaffen es die Verantwortlichen selten, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen und die Serie entsprechend zu vermarkten. Und dann gibt es diesen ständigen Widerspruch zwischen der ewigen Jugend, für die die Formel 1 ein Symbol ist, weil sich vieles an den Boliden im Rekordtempo erneuert, und dem Versuch der Menschen, jung zu bleiben.
Wo anders sollte man dieses Phänomen am besten bestaunen als in Monte Carlo, wo graumelierte Herren das unermüdliche Fortschreiten des Alters mit einer Zwanzigjährigen am Handgelenk und einem Ferrari unter dem Hintern probieren aufzuhalten. Rasen, wo andere sonst nur flanieren – dieser eine Widerspruch ist heikel. Die Formel 1 lebt davon.
Überflüssig wie die aktuellen Pirellis
Philipp Müller (muph1100)
- 23.05.2012, 19:28 Uhr