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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Luftnummern

Kann auch Formel 1 - aber nur ganz anders: Der Michelin-Mann (Foto aus der Firmenzentrale in Clermont-Ferrand) Bild: REUTERS

Fahrergerüchte waren gestern. Heute ist die Formel 1 genauso gern mit Reifengerüchten beschäftigt. Drängen die Franzosen Pirelli aus der Formel 1? Da stellen sich manchem Engländer die Nackenhaare auf.

          Wie lange dauert ein Reifenwechsel? Bald ist es wieder so weit, die ersten empfindlich kalten Nächte wecken das digitale Eiskristall der Warnanzeige im Armaturenbrett aus der Sommerpause, morgens, bevor wir uns in den Großen Preis der Pendler stürzen. Winterreifenzeit. Und in deutschen Garagen stehen Menschen vor der halbjährlich wiederkehrenden Frage: Selbst anpacken? Oder in der Werkstatt einen Termin machen?

          Formel-1-Pilot müsste man sein. Vorfahren, Exklusivbehandlung, einmal durchatmen und durchstarten. Zwei Sekunden. Drei, wenn es mal wieder etwas länger dauert. So war das vergangenes Wochenende in Spa, so wird es in acht Tagen in Monza wieder sein.

          Dabei kann die Formel 1 in Sachen Reifen auch ganz anders. Viel unentschlossener, zögerlicher. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, wessen Gummis die Teams in der kommenden Saison aufziehen. Reifenwechsel? Zu dieser Frage lassen sich derzeit fast so viele schöne Gerüchte spinnen wie zu den Cockpitbesetzungen im kommenden Jahr.

          Was auch an Monsieur Couasnon liegt. Changement des pneus? „Michelin ist bereit“, sagte der Motorsportdirektor des französischen Herstellers am Montag dem „Figaro“. Mais oui, die Franzosen haben plötzlich wieder großes Interesse an der Formel 1, wenn auch an einer anderen Formel 1 als jener, die momentan ihre Runden dreht.

          Und das bringt manchen mächtig auf Touren im Moment. Mister Hembery, beispielsweise, Couasnons Kollegen bei Pirelli. Es liegt was in der Luft über dem Kanal im Moment, und das liegt auch am stets speziellen Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen im Hochgeschwindigkeitszirkus.

          Der Reihe nach: 2006 hatte sich Michelin verabschiedet, als die Einheitsreifen eingeführt wurden und wenige Monate, nachdem die von Michelin bestückten Teams den Großen Preis der Vereinigten Staaten in Indianapolis nicht bestreiten konnten, weil der Hersteller nicht garantieren konnte, dass die Fahrer sicher durch Kurve 13 kommen. Folglich bestritten die einzig sechs von Bridgestone ausgerüsteten Piloten einen der peinlichsten Grand Prix in mittlerweile 63 Jahren Formel 1.

          In den folgenden Jahren war Ruhe an der Reifenfront, aber das änderte sich 2011, als Pirelli auf Bridgestone als Einheitsausrüster folgte. Was weniger an den Italienern lag, als an den Anforderungen, die sie erfüllen sollten: Aufregender sollten die Rennen werden, unberechenbarer. Pirelli kriegte das ziemlich schnell, ziemlich gut hin. Seither gibt es kaum einen Grand Prix, bei dem die Reifenfrage nicht im Mittelpunkt des Interesses steht, in dieser Saison mehr denn je.

          Proteste und Streikdrohung

          In Silverstone sorgten die Reifenschäden für wütende Proteste der Teams, am Nürburgring drohten die Fahrer deshalb kurzzeitig mit Streik und in Spa verlangten sie eine weitere Sicherheitserklärung, nachdem Sebastian Vettel und Fernando Alonso im freien Training am Freitag Reifenschäden am rechten Hinterrad erlitten.

          Pirellis Motorsportchef Paul Hembery war wieder in Erklärungsnot, aber richtig ärgerlich machen ihn die Gerüchte, der Internationale Automobilverband Fia könnte die Verträge für die kommende Saison ausschreiben lassen. „Eine Ausschreibung im September für die Tests im Januar wäre lachhaft“, sagte Hembery in Spa dem “Telegraph”. Schließlich habe seine Firma längst eine Menge Geld in die Entwicklung der Reifen fürs kommende Jahr gesteckt.

          Lachhaft - nicht zum Lachen: Paul Hembery, Pirellis Motorsportchef
          Lachhaft - nicht zum Lachen: Paul Hembery, Pirellis Motorsportchef : Bild: dpa

          Hemberys Problem: Pirelli hat zwar Verträge mit einem Großteil der überwiegend englischen Teams und Chefvermarkter Bernie Ecclestone für die kommende Saison in der Tasche, nicht aber mit der Fia. Und Präsident der Fia ist der Franzose Jean Todt. Da stellen sich nicht nur beim Engländer Hembery die Nackenhaare auf: Todt wird doch nicht seinen Freunden bei Michelin eine kurzfristige Ausschreibung schenken? Wer weiß denn schon, auf welcher Seite des Kanals das Machtzentrum der Formel 1 liegen wird, sollte Ecclestone demnächst einen Großteil seiner Zeit einem Strafprozess in München widmen müssen. 

          Aber selbst wenn: Todt wird doch nicht. Michelin-Mann Couasnon stellt an eine Rückkehr in die Formel 1 zwei Bedingungen: Die Reifen müssten wieder auf Haltbarkeit ausgelegt werden. Damit könnten die Teams nach den Erfahrungen dieser Saison möglicherweise leben. Aber Couasnon möchte seine Produkte auf 18-Zoll-Felgen aufziehen.

          Zur Zeit sind die Felgen rund 13 Zoll groß, maximal 332 Millimeter. Eine derart radikale Änderung, kurz bevor der Designprozess für die Chassis des Jahres 2014 abgeschlossen wird, ein Vierteljahr bevor die Teams im Januar zum ersten Mal auf Testfahrt gehen? Pas de chance.

          Und so dürfte sich die Frage nach dem Reifenwechsel für die kommende Saison als das entpuppen, was auch so manches Fahrergerücht war oder noch ist: Heiße Luft. Die Winterreifen der Formel 1 wird Pirelli aufziehen. Die sind den Kummer nun immerhin gewohnt. 

          Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen in Crashtest - die Formel-1-Kolumne jeden Mittwoch dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Formel-1-Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

          Quelle: FAZ.NET

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