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Crashtest - die Formel-1-Kolumne Freitags Hinrichtung, sonntags Rennen

Lange schon war kein Grand Prix mehr so umstritten wie der kommende in Bahrein. Doch nicht nur das Beispiel Südafrika 1985 zeigt: Viel gelernt hat die Vollgasbranche nicht. Sogar die Rechtfertigungen klingen vertraut.

© AFP Vergrößern Großer Preis von Südafrika (Foto: Alain Prost 1985): 21 Mal während, zweimal nach der Apartheid

Machen wir es kurz: Das Rennen in Bahrein sollte nicht stattfinden. Nicht, weil es zu gefährlich wäre für die Teilnehmer und Zuschauer. Schließlich wäre die Durchführung dann mindestens grob fahrlässig, und die Veranstalter würden sich sofort möglichen Schadensersatzansprüchen gegenüber sehen. Sondern weil zu fürchten steht, dass die Unruhen im Land weitergehen, sobald sich das Raumschiff Formel 1 Richtung Europa entfernt hat. Mit unabsehbaren Folgen für diejenigen, die für ihre Menschenrechte auf die Straße gehen und die herzlich wenig Aussicht haben, je irgendwelche Ansprüche gegen staatliche Gewalt geltend machen zu können.

Aber: Das Rennen wird stattfinden. Denn: „Wir sind nur am Sport interessiert, nicht an der Politik.“ Sagt Jean Todt, Präsident des Motorsport-Weltverbandes Fia. Und mit dieser Strategie fährt es sich seit Jahrzehnten gut im Weltsport, ob im Zeichen der Olympischen Ringe (kaum ist Peking 2008 in Vergessenheit geraten, winkt schon Sotschi 2014), des Fußballs (Russland 2018 folgt vierzig Jahre nach Argentinien 1978), ganz besonders aber im Grand-Prix-Sport.

Jean Todt (in Schanghai): „Wir sind nur am Sport interessiert, nicht an der Politik“ Jean Todt (in Schanghai): „Wir sind nur am Sport interessiert, nicht an der Politik“ © dapd Bilderstrecke 

Man muss nicht einmal zurückgehen in die Vorkriegszeit, in der Rennsporterfolge zum Ruhme der Diktatur vor allem in Nazi-Deutschland gefördert und propagandistisch ausgeschlachtet wurden. Schließlich gehört es in der Formel 1 seit jeher zum guten Ton, Probleme konsequent nicht-politisch zu definieren. Frühe Sperrstunden, miese Hotelzimmer und problematische Anfahrtswege, das waren Themen, über die man sich Sorgen machen konnte – aber doch nicht, in wessen Reich man gerade die Motorhomes aufbaute.

Nach dem Ende der Apartheid war schnell Schluss in Südafrika

Sehr gerne fuhren die Teams der sechziger und siebziger Jahre im sonnigen Spanien bei Caudillo Francisco Franco vor, abwechselnd im Park Montjuic in Barcelona und in der Einöde von Jarama vor den Toren Madrids. Auch die Militärdiktatoren von Argentinien und Brasilien wurden bis zu ihrem Ende Anfang der Achtziger Jahre gerne beehrt, seither muss der Spanisch sprechende Teil Südamerikas - abgesehen von einem kurzlebigen Revival des Grand Prix in Buenos Aires Mitte der neunziger Jahre - auf die Formel 1 verzichten.

Noch grotesker wirkt die Geschichte des Großen Preis von Südafrika. 23 Mal ausgetragen, schlug Bernie Ecclestones Rennzirkus nach dem Ende der Apartheid noch genau zweimal in Kyalami auf. 1993 war Schluss. Zu wenig Sponsoren, veraltete Strecke, zu weite Anreise. Noch 1985 aber, zur Hochzeit des Widerstands gegen das rassistische Regime in Pretoria, war die Austragung des Rennens kein Problem.

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Zwar intervenierte der französische Staatspräsident Francois Mitterand bei seinem persönlichen Freund Guy Ligier und hielt dessen Team von der Reise ab, zwar blieb auch Renault dem Rennen fern, ebenso wie der deutsche Zakspeed-Rennstall, dem die Anreisekosten zu teuer waren, aber im Großen und Ganzen ließ sich die Vollgasbranche weder von internationalen Sanktionen noch vom Aufstand in Südafrika von ihrem Kurs abbringen.

Oder wie es der damalige Präsident des Fia-Vorgängers Fisa, Jean Marie Balestre (der von sich behauptete, Mitglied der französischen Resistance gegen die Nazis gewesen zu sein, in dem er Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Jeune Front wurde) ausdrückte: „Wir wollen, dass Sport Sport bleibt und nicht Spielball der Politik wird.“

Was hat die Formel 1 in einem Krisengebiet verloren?

Einer immerhin war anderer Meinung – und traute sich auch, sie zu äußern. Niki Lauda, damals Titelverteidiger, trat zwar zu seinem vorletzten Grand Prix an, fragte aber immerhin: „Ich will nicht politisieren, das steht mir nicht zu. Aber was hat die Formel 1 in einem Krisengebiet verloren, in dem es jeden Tag rund gehen kann?“ Eben. Vom Rennen selbst war in weiten Teilen Europas dann nichts zu sehen. Die Fernsehsender übertrugen nicht, weil am Freitag vor dem Rennen der Menschenrechtsaktivist Benjamin Moloise hingerichtet wurde, wegen der angeblichen Ermordung eines Polizisten 1982. Ein früheres Geständnis widerrief er mit der Begründung, es sei unter Folter erzwungen worden. Sterben musste Moloise trotzdem.

Die F.A.Z. schrieb am 19. Oktober 1985 zum Rennen in Südafrika übrigens: „Die Politik der Formel 1 hat nichts mit Weltpolitik zu tun. Sie dreht sich vor allem um Millionen. Egal, wo und auf welcher Straße sie liegen.“

Manche Dinge ändern sich nicht. Andere schon: Nach Moloises Tod verstärkten sich die Proteste gegen die weiße Diktatur, die Sanktionen gegen Südafrika wurden noch einmal verschärft. 1986 gab es keinen Großen Preis von Südafrika. Immerhin.
 

Crashtest - Die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Woche für Woche dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

Quelle: FAZ.NET

 
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