Jetzt wissen wir, warum die Kerle so viel Zeit haben. Warum ein Michael Schumacher so viel quatscht im Bordfunk, während er mit 300 auf die nächste Kurve zufliegt und noch an Knöpfen dreht. Der ist gar nicht im Vollgasmodus während seiner Comeback-Tour.
Das ist alles nur eine Halbgas-Variante im Vergleich zur Ferrari-Ära des Rekordweltmeisters: Da pressten sie noch die Zähne aufeinander, als man durch die Kurven schoss: Wird’s reichen? Es liegt immer an den Reifen. „So Dingelchen“, rief Manfred von Brauchitsch selig zu seinem 90. Geburtstag im Mercedes-Museum seinem Auditorium zu und ließ einen Fünf-Zentimeter-Spalt zwischen Daumen und Zeigefinger als Maß erkennen. Immerhin.
(======================= Linkliste =======================)
Wenn der Herrenfahrer von Mercedes vor dem Kriege damit auf der Geraden 280 fuhr, „ja, was glauben sie, da kniff man den Popo“ zusammen. Manche wurden Helden, manche nicht alt. Und heute? Riesige Walzen hinten drauf, dass man an ein irres Klebepotential für Kurvengeschwindigkeiten an der Grenze zum Bewusstseinsverlust glauben möchte. Und doch sind sie nicht ausgelastet.
Schumacher hat das am Sonntag gesagt. Nur mit 60, 70 Prozent der möglichen Geschwindigkeit fahren sie während des Rennens durch die Kurven. Weil man so höllisch aufpassen muss mit den neuesten Produkten der Gummimischer von Pirelli. Einmal durchgeknallt, schon fliegen die Fetzen. Reifenflüsterer sind jetzt gefragt, Piloten mit Feingefühl fürs Gummi, für die Kombination ihrer aggressiven Boliden mit den zickigen, wetterfühligen Pneus. Die neue Formel ist soft.
Was wollt ihr mehr?
Jetzt hat Schumacher den Ärger. Der Reifenmann blies sich noch in Bahrein auf, der eigene Sportchef bei Mercedes erhob die Stimme wider den Rekordmann: Spannung, Abwechslung, viele Überholmanöver – was wollt ihr mehr? Diese rhetorische Frage ist aber gar nicht an die Fahrer gerichtet. Die Formel 1 hat nur noch den Kunden im Auge, passt sich dem Trend an, mit ständigem Spektakel unterhalten zu müssen.
Wahrscheinlich ist das klug in diesen Zeiten, ein Überlebenstrick. Wenn doch Kurvengeschwindigkeiten für den gemeinen Beobachter ohnehin zweitrangig sind. Wem fällt schon auf, ob die Steuermänner am Limit durch den Knick rasen? Und doch ist der Eingriff ein ernstzunehmender Angriff auf den ursprünglichen Kern des Rennsports, der in anderen Sportarten noch nicht zu beobachten ist.
Langstreckenläufer müssen jedenfalls (noch) keine Schuhe tragen, mit denen sie in Kurven schneller ausrutschen. Die Formel 1 ist auf dem Weg zum Paradigmenwechsel: Dann geht es nicht mehr um die Frage, wer der Schnellste, sondern wer der Geschickteste ist. Wie beim Eierlaufen.
Hat wohl keiner gelesen?
Uwe Wagner (view)
- 28.04.2012, 07:39 Uhr