Home
http://www.faz.net/-gu6-6yy1a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Crashtest - die Formel-1-Kolumne Diese Kunst stammt von Können

 ·  Sie arbeiten mit der Walzentechnik, kombinieren virtuos Striche mit Kreisen. Sie scheuen keine Grenzen. Ihnen winkt der Einzug in die Feuilletons: Vettel und Hamilton sind Künstler.

Kolumne Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Was wir von Formel-1-Rennfahren wissen? Dass sie mutig sind, stets Vollgas geben, ihr Hirn ständig gebrauchen müssen und trotzdem immer mal wieder den Kontakt zur Steuerzentrale unterbrechen. Von Lewis Hamilton sagt man, er sei ein begnadeter Heißsporn. Sebastian Vettel ist nicht nur der dynamischste aller aktiven Champions, sondern neuerdings auch bereit, neben seinen Dienstwagen den Kollegen Spitzenamen zu verpassen. Narain Karthikeyan soll also eine „Gurke“ sein.

Was nicht ins allgemeine Bild vom Talent dieser kleinen Elite passt: Es reicht für Karrieren bis zum einflussreichen Politiker (Carlos Reutemann), zum schwerreichen Geschäftsmann (Nelson Piquet) oder Fernsehkritiker ohne besondere Schulung (Niki Lauda). Diese Leute scheuen keine Grenzen. Ihnen winkt der Einzug in die Feuilletons. Vettel und Hamilton sind jetzt Künstler.

Künstler? Ja, natürlich. Wer aus diesem erlesenen Kreis in Monaco oder der Schweiz wohnt, der muss ein Künstler sein, ein Steuerkünstler zumindest. Aber nein, hier geht es doch nicht um Profanes wie die Vergänglichkeit des Gelds. Vettel und Hamilton haben Spuren hinterlassen, die eines Tages wie Werke alter Meister und nicht junger Champions betrachtet werden könnten.

Bevor sich an dieser Stelle Entrüstung entlädt: Es sind schon Genies zu Lebzeiten verkannt worden, wie Kunsthistoriker gerne mahnen. Man sollte also genau hinschauen: Steckt in den Zeichnungen und Radierungen von Vettel und Hamilton vielleicht eine besondere Kunst? Beide arbeiten mit der Walzentechnik, kombinieren virtuos Striche mit Kreisen. Wenn das keine gekonnte Allegorie auf das Leben ist: Man kommt an, wo man losgefahren ist.

Der Brasilianer Romero Britto (Neo-Pop) hat die Werke etwas überarbeitet. Ob dieser Eingriff aber den Wert der Unikate über die Jahrzehnte steigert? Sammlern scheint dies nicht von Bedeutung. Der „Vettel“ und der „Hamilton“ werden demnächst in Deutschland und den Vereinigten Staaten, wo sich Liebhaber fanden, aufgehängt, bestaunt und wahrscheinlich interpretiert. Selbst der siebenmalige Weltmeister Michael Schumacher würde aus den Bildern, Öl auf Leinwand, sofort etwas herausgelesen. Nämlich das Profil der Reifen, die seine Nachfolger in ihren Boliden auf der Malerunterlage solange durchdrehen ließen, bis die Bilder fertig waren. Diese Kunst stammt also eindeutig von Können.

Hamilton hatte dafür angeblich sogar trainiert. In Australien nahm er sich 2010 Freiheiten wie ein Graffiti-Sprayer. Allerdings schaute damals kein wohlwollender Kunstpädagoge zu, sondern die Polizei. Das erste Oeuvre, Kreise auf dem Asphalt von Melbourne, brachte also weder Ruhm noch eine Spende für einen wohltätigen Zweck ein, sondern ein Knöllchen in Höhe von 350 Euro und eine kolportierte Anmerkung des strengen Wachtmeisters: „Zeigen sie uns ihre Kunst auf der Rennbahn!“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

Jüngste Beiträge