Jetzt mal aufgepasst und mitgeschrieben, was die beiden Herren aus Österreich zu sagen haben während der Bustour vom Akkreditierungs-Büro bis ins Fahrerlager der Formel 1. Sie sind gespannt wie die Flitzebogen. Was wohl passieren wird zur Saisonpremiere im Albert Park von Melbourne am Sonntag? „Des wär’ schö, wenn der Schumi hier und der Vettel in Kuala Lumpur gewinnen tät.“ Pause. Erst ein Nicken, dann Zustimmung: „A Riesengeschicht.“
Der Kleinbus passiert den Eingang zum Albert Park. Links stehen polierte Sportwagen aus den vergangenen Dekaden aufgereiht wie in einem Open-Air-Museum. Weiter vorne sieht man das Kanonenrohr eines Kampf-Panzers der australischen Truppenwerbung. Ein Schuss und das halbe Fahrerlager läge in Schutt und Asche.
Sicher, es muss einiges geschützt werden, wenn die Formel 1 aufläuft. „Die machen Geheimnisse. Mercedes hat doch Red Bull den Schlitz geklaut“, sagt der Ältere aus der Alpenrepublik. „Ja, den Diffusor“, wirft der Jüngere ein. „Nein, der ist doch verboten.“ „Ach, stimmt. Sie nennen den Schlitz Briefkasten.“ Pause.
Dann kommt noch der Lauda ins Spiel, der Landsmann, der, wenn die Kamera läuft, auf jede Formel-1-Frage eine Antwort weiß. „Ah geh, der Niki weiß auch nicht alles“, behauptet der ältere Landsmann. Der Jüngere sinniert: „Wer weiß schon was?“
Alle Schotten dicht
Die Herren der Rennställe zum Beispiel. Sie haben in den vergangenen Wochen ihre Angestellten angewiesen, alle Schotten dicht zu machen. Sie haben Sichtblenden kaufen, Mechaniker als Schutzschilder auflaufen lassen und das Aufspannen von Regenschirmen über ihren Rennwagen bei wolkenfreiem Himmel angeordnet. Damit niemand weiß, was sie so treiben.
Oder damit jeder andere glaubt, dass sie ein besonderes Wissen auf eine unerreichbare Umlaufbahn katapultiert hat. Schließlich haben sie doch die größten Computer mit Millionen Daten gefüttert, die klügsten Köpfe und die erfolgreichsten Piloten für viel Geld denken und lenken lassen.
Das Ergebnis: Weltmeister Red Bull will erst am Samstag beim Qualifikationstraining mit offenen Karten spielen, McLaren macht fröhlich auf Understatement, Ferrari verpasste seinen Piloten wegen der schwachen Testergebnisse zwischenzeitlich einen Maulkorb während die Mercedes-Fraktion wie ein Geheimbund daherkommt. Man darf die Steuerleute durchaus nach den heiklen Internas fragen. Wozu das Loch in der Nasenspitze?
Der F-Schacht quakt
Ist das der Eingang zu einem F-Schacht á la McLaren, der die Luft so ausgeklügelt fließen lässt, dass am Ende nicht viel Wind, sondern auch Spitzenzeiten herauskommen? Weil die Frontpartie Schumacher aber an einen Schnabel erinnert, verfiel der Redkordmann für einen Satz ins Schnattern: „Der F-Schacht quakt.“ Kollege Rosberg fragte Journalisten gar um Rat – und zwar ganz unschuldig: „Was ist das?“
Es ein Spiel mit der Macht des Wissens. Die Alpenländer haben ihre Version vor der Ankunft im Fahrerlager zu Ende gebracht. „Weißt du, es gibt in Melbourne die zehn hochgiftigsten Schlangen, na sieben, man glaubt es kaum.“ Der Kollege glaubt es erst gar nicht: „A was, mitten in der Stadt?“ Antwort: „Mitten in der Stadt, in der Mülltonne und natürlich auch im Park.“
Sorgenfalten türmen sich auf der Stirn, bis die Entwarnung die Anspannung löst: „Aber die Schlange ist weg, wenn du kommst, die hört dich.“ Tiefzufrieden zog der Aufklärte davon. Weil er erstens viel und zweitens nicht alles weiß: Schlangen haben keine Außenohren. Es ist also manchmal ganz gut, nicht alles vorherzusehen. Sonst wäre Ferrari vielleicht daheim geblieben.
Crashtest - Die Formel-1-Kolumne bei FAZ.NET: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen Woche für Woche dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Rennstrecken und abseits der Boxengassen.