Der Madrilene ist einer der besten Rallye-Fahrer. Anfang 2010 gewann der zweimalige Weltmeister die Dakar-Version in Südamerika. Von diesem Samstag an will der 48 Jahre alte VW-Pilot den Titel erfolgreich verteidigen. Zuvor spricht Carlos Sainz im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Russisches Roulette, Angst und Fehler.
Herr Sainz, spielen Sie gern Russisches Roulette?
Natürlich nicht. Wie kommen Sie darauf?
Die Rallye Dakar, die wieder in Buenos Aires startet und dort nach rund 9600 Kilometern enden soll, gilt als das gefährlichste Rennen der Welt. Sie fahren es so schnell wie kein anderer. Der frühere Rallye-Star Walter Röhrl hat das als „Russisch Roulette“ bezeichnet.
Richtig ist, dass Röhrl die Dakar nie gefahren ist. Falsch ist, sie als „Russisches Roulette“ zu bezeichnen. Natürlich gibt es viele Überraschungen, denn die Strecke wird im Vorfeld geheim gehalten. Du musst dein Risiko also permanent neu einschätzen. Beim Russischen Roulette vermutet man eine Gefahr und brettert trotzdem voll durch.
War es nicht 2009 so, als Sie als Führender in der Gesamtwertung in ein vier Meter tiefes Flussbett gestürzt sind und aufgeben mussten?
Nein, damals fehlte eine Beschilderung. Außerdem war das Roadbook, aus dem mein Beifahrer die Route abliest, zu ungenau. Das eigentliche Problem sind die wirklich schnellen Etappen. Wenn du mit 180 (Kilometern pro Stunde) durch die Geröllwüste rast, ohne zu wissen, ob ein Schlagloch kommt oder ein Felsbrocken. Dabei können schon kleinste Fehler dazu führen, dass du dich überschlägst.
Ist das nicht Ihr Fahrstil? Auf einer Etappe durch die argentinische Pampa fuhren Sie 81 Prozent der Zeit Vollgas.
Ich versuche, mit gesundem Menschenverstand zu fahren. Wo ich keine volle Sicherheit habe, nehme ich den Fuß ein wenig vom Gas, aber wo ich Gas geben kann, gebe ich Vollgas. In diesem Fall habe ich eben zehn Kilometer lang nicht einmal das Pedal gelupft.
Bei der vergangenen Rallye in Südamerika raste ein deutscher Amateurfahrer in die Zuschauermenge. Dabei kam eine Frau ums Leben. Im Schnitt sterben bei jeder Austragung zwei Menschen. Haben Sie keine Angst, im Geschwindigkeitsrausch Unschuldige zu verletzen?
Nein, die Fans machen mir keine Sorge. Angst jagen mir eher die Motorradfahrer ein. Die starten vor uns Autofahrern, und wenn man sie dann auf enger und staubiger Piste einholt, wird es gefährlich. Es gibt zwar ein elektronisches Warnsystem, aber anscheinend hören sie das nicht immer. Und man muss auch sagen: Die Dakar ist schneller geworden, der Rhythmus härter.
Warum tun Sie sich das in Ihrem Alter noch mal an? Sie haben doch bereits alles gewonnen.
Volkswagen hat mich gefragt, ob ich den Titel verteidigen möchte. Meine Frau war wenig begeistert, aber ich hatte Lust. Ich fühlte mich stark. Und ich merkte: Ich brauche die Herausforderung.
Nachdem Sie im September die „Seidenstraßen-Rallye“ gewonnen hatten, wurden Sie am Meniskus operiert. Sind Sie fit genug, um zu gewinnen?
Die Dakar ist eine physische und psychische Zerreißprobe, bei der man 14 Tage lang eine ungemeine Erschöpfung ansammelt. Aber ich war schon immer ein guter Sportler. Schon als Jugendlicher habe ich die spanische Squash-Meisterschaft gewonnen. Diesmal musste ich mich zum Training zwar zwingen. Fitnessstudio und Bahnen ziehen, jeden Tag – das ist gar nicht so einfach, wenn man als Geschäftsmann zwei Kart-Bahnen betreibt und auch noch einen Sohn betreut, der ebenfalls Rennen fährt. Aber seien Sie unbesorgt: Rechtzeitig zum Startschuss werde ich in Form sein.
Ist Erfahrung wichtiger als Fitness?
Geduld ist alles. Das musste auch ich erst lernen. Vor der Dakar bin ich 17 Jahre Rallye-WM gefahren, da ging es nicht um Minuten und Stunden, sondern um Zehntelsekunden. Bei einem Querfeldeinrennen wie der Dakar geht es aber vor allem darum, keine Fehler zu machen. Du kannst zwölf gute Tage haben und dich am 13. Tag verfahren oder ein mechanisches Problem haben, und schon sind die Anstrengungen eines ganzen Jahres dahin.
Geduld ist also wichtiger als ständig am Limit zu fahren?
Ich habe gelernt, strategisch zu fahren, nicht immer 100 Prozent zu geben. Wenn ich in der Gesamtwertung vorne liege, schone ich das Material. 80 Prozent sind dann auch okay. Es gibt einfach Etappen, die man nicht gewinnen kann. Im Staub zum Beispiel kannst du manchmal nicht überholen, dann klebst du 200 Kilometer lang hinter deinem Vordermann. Das ist eine große Übung in Geduld. So verlockend ein Überholmanöver wäre, du musst dir immer klar machen: Im Staub siehst du nichts, er ist ein fürchterlicher Feind. Deshalb ist mir ein wenig Regen manchmal ganz lieb.
Das härteste Terrain ist also die Atacama, die trockenste Wüste der Erde?
Nicht unbedingt. In der Wüste ist der Staub interessanterweise kein Problem, dort kannst du den Staubwolken ausweichen. Problematisch wird es auf den Pisten. Das Gefährliche an der Wüste ist die Hitze. Ich schwitze stark, und wenn ich sechs Stunden lang durch die Atacama fahre, ist es mir schon passiert, dass ich dehydrierte. Ich kriege dann Schwindel und Krämpfe, kann mich kaum noch bewegen. Deshalb muss ich pausenlos Elektrolyte trinken: Aber manchmal sind selbst meine sieben Liter Wasservorrat nicht genug.
Wie gehen Sie die Sanddünen an, von denen manche 80 Meter hoch sind?
Man muss die Düne diagonal angreifen, um auf dem Kamm nicht zu kippen. Oben auf dem Grat darf man nicht zu viel bremsen, dann bleibt man stecken. Aber wenn ich zu schnell hochschieße, fliege ich und überschlage mich. Das musste ich erst lange üben, um am Ende einzusehen, dass es im Sand auch stark auf das Glück ankommt. Man weiß eben nie, was hinter dem Kamm kommt.
Wie fahren Sie im Alltag?
Ach, so wie alle anderen. Ich versuche, mich an die Regeln zu halten. Aber auf der Autobahn habe ich dieses alte Problem mit der Geduld. Ich finde es schwierig, auf einer leeren, geraden Autobahn nur 120 (Kilometer pro Stunde) zu fahren. Deshalb fahre ich privat nicht gern Auto. Da fliege ich lieber mit meinem Hubschrauber.
Wann werden Sie das Rallye-Cockpit verlassen?
Vielleicht wird diese Dakar meine letzte sein. Das entscheiden wir aber erst nach der Rallye, gemeinsam mit Volkswagen. Irgendwann kommt der Moment, in dem die nächste Herausforderung nicht mehr in der Motorsportwelt sein wird.
Das Gespräch führte Hilmar Poganatz.