Verzweifelt trommelte der auf dem Asphalt kniende Mechaniker von Michael Schumacher auf den Boden. Aber so schnell lässt sich kein Loch schlagen für ein Versteck vor den bohrenden Blicken von Teamkollegen und Millionen Zuschauern. Am liebsten wäre er vor vier Wochen versunken beim Großen Preis von China nach dem folgenschweren Faux-Pas während einer leichten Übung. Denn was ist schon so schwer daran, einen Reifen auf der Nabe zu fixieren?
Ein paar Sekunden nach dem ersten Boxenstopp hatte Schumacher seinen Mercedes abstellen müssen. Das war ein Desaster. Denn das Missgeschick kostete den Rheinländer Rang zwei, es verdarb der Crew eine perfekte Abrundung des ersten Sieges (Nico Rosberg) und dem 400-Mann-Team die große Chance auf den Doppelerfolg. Aber die kleine menschliche Schwäche just im Moment des Triumphes bot auch einen selten tiefen Einblick: Was nämlich alles von einem einzigen simplen Handgriff abhängt und welche Bedeutung Teamwork in der Formel 1 hat.
Das Tempo kann Rennen entscheiden
Der Beton ist dann von anderen durchbrochen worden, zumindest symbolisch. Der Unglücksrabe bleibt vorerst im Hintergrund. Den begehrten wie gefürchteten Dienst am Boliden wird beim Großen Preis von Barcelona an diesem Sonntag ein anderer übernehmen: das alte Rad rechts vorne mit einem Pressluftschrauber lösen und das neue festziehen. Es gibt schwierigere Aufgaben, falls man denn Zeit hat. Aber der Drillmeister von Mercedes, Teammanager Ron Meadows, gewährt seinen Männern keine Zehntelsekunde Verzögerung.
Allein im Winter hat der strenge Brite sein Team rund 500 Mal antreten lassen zum videoüberwachten Boxenstopp-Training. Die Filme wurden ausgewertet und das Zusammenspiel des Ensembles geschliffen. Zwischen den Rennen lässt Meadows nun täglich in der Fabrik und vor den Grand Prix an der Rennstrecke üben. Am Donnerstag standen die Kollegen anderer Teams mit der Stoppuhr in der Boxengasse des „Circuit de Catalunya“ und pfiffen ihre Leute an. Im Schnitt 16 Männer, die nach Größe und Kraft ausgesucht werden, ob sie Links- oder Rechtshänder sind, Nervenstärke besitzen und ein Fitnesstraining akzeptieren.
Mit dem Trillerpfeifen-Signal schoben die Ausgewählten ihre Boliden in die Wechselposition: Aufbocken, abschrauben, draufschrauben, absetzen, Abfahrt. Immer wieder. Das soll sich lohnen. Während der gemeine Autofahrer mitunter eine gute Stunde auf seinen Reifenwechsel wartet, hätten Schumacher und Rosberg nicht mal Zeit, diesen Satz zu lesen. Mercedes brauchte im Schnitt der vier Grand Prix vier Sekunden vom Stillstand über den Reifenwechsel bis zur Abfahrt, 0,08 Sekunden länger als Force India. Allein Ferrari liegt in dieser Disziplin deutlich vorne. Die Italiener sind im Schnitt 0,24 Sekunden schneller. Dieses Tempo kann Rennen entscheiden.
Bei McLaren klemmt es
Die Geschicklichkeit der Scuderia ist in jedem Fall mehr wert als noch vor einem Jahr. Denn die gewachsene Leistungsdichte der Formel 1 bietet die Chance zu größeren Sprüngen im Rennen um Positionen und Punkte. Mit drei, vielleicht sogar vier Service-Aufenthalten in Barcelona lassen sich bei perfekten Boxenstopps zwei, drei Vordermänner überholen, wenn man denn im Pulk gefahren ist bis zur Akkord-Abfertigung. „Ich bin dank eines schnellen Boxenstopps in Bahrein“, sagt Schumacher, „noch von Rang elf auf Platz zehn vorgekommen.“ Verzögerungen führen dagegen zu schmerzhaften Rückfällen. Deshalb bleibt Meadows keine Wahl, auf das Tempo zu drücken, die Choreographie ständig zu verbessern. Auf unter drei Sekunden soll die Standzeit im Laufe dieser Saison fallen. Alonso ist das schon einmal gelungen (2,8 Sekunden in China), Schumacher näherte sich (3,08).
Aber ausgerechnet bei McLaren, dem selbsterklärten Jäger des Weltmeisters Red Bull, klemmte es. Lewis Hamilton und Jenson Button mussten während ihrer Boxenstopps im Schnitt 5,32 Sekunden stillhalten, 1,5 Sekunden länger als die Ferrari-Piloten. Das lag vorwiegend an einem Mann, dem Schrauber hinten links. In China verschleppte er einen Stopp von Button, in Bahrein gleich zwei von Hamilton. Der schaute dem Treiben kopfschüttelnd im Auto zu.
Sein Team reagierte im Formel-1-Tempo. Noch vor dem dritten Service wurde der unsichere Kantonist ausgewechselt. „Es lastet ein enormer Druck auf den Jungs“, sagte Teamchef Martin Withmarsh und kündigte für Barcelona ein paar technische Änderungen und eine munter durchgemischte Mannschaft an. Aber manchmal braucht man weder Veränderungen noch Denkpausen, sondern nur schnell eine zweite Chance. Als Nico Rosberg in Schanghai nach Schumacher zum Service kam, lief der Boxenstopp mit demselben Personal wie am Schnürchen. Zwischen dem fatalen Fehlgriff und der glücklichen Hand lagen 78 Sekunden.
Einfach abschaffen
Matthias Unger (ungermat)
- 11.05.2012, 16:41 Uhr
Formel 1
Renee Claude (recla)
- 11.05.2012, 00:14 Uhr
Boxenstops
Markus Schoeps (MSchoeps)
- 10.05.2012, 23:33 Uhr