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Börsengang und Rennen Singapurs Poker mit der Formel 1

 ·  In diesen Tagen geht es im Stadtstaat um die Zukunft der Rennserie. Das Geschacher über den Börsengang und den neuen Vertrag für das Nachtrennen ist voll entbrannt.

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© dpa Mann mit Zeit: Bernie Ecclestone

Der Weg der Formel 1 entscheidet sich in diesen Tagen auch hinter den Glasfassaden der Bankentürme Singapurs, bei privaten Einladungen zum Dinner in Fünf-Sterne-Restaurants und an den Schreibtischen von Spitzenbeamten des tropischen Stadtstaates. Denn Singapur verhandelt über den Preis, den es für den nächsten Zyklus als Ausrichter des Nachtrennens zu zahlen hat. Zugleich pokert es auch um den weltweit beachteten Börsengang der Rechtevermarktungsfirma Formula One Group, mit dem der Ruf des Finanzplatzes Singapur gewinnen würde.

So sind Singapur und die Formel 1 in diesen Tagen ein Gespann, in dem keiner ohne den anderen kann. Soll der Börsengang zum Erfolg werden, gelingt das nur in Asien. Will der Stadtstaat seine Marke als Investitionsstandort ausbauen, braucht er die spektakulären Fernsehbilder des Nachtrennens. Am Verhandlungstisch aber treffen Politiker, die sparen, Banker, die Millionen machen wollen, und der alte Fuchs Bernie Ecclestone aufeinander.

Hohe Kreditwürdigkeit und hoher Schuldenstand

Dabei reichen die Tentakel der Formel 1 längst tief in das Geäst der Elite Singapurs. In der Stadt wird gemunkelt, Liew Mun Leong, der Vorstandsvorsitzende des staatlichen Immobilienkonzerns Capitalland und Kwa Chong Seng, Stellvertretender Vorsitzender des Board des Staatsfonds Temasek Holding, würden dem Verwaltungsrat der Formel 1 vor deren Börsengang beitreten. Dort sollen sie Platz nehmen neben Industrie-Schwergewichten wie Peter Brabeck-Letmathe, dem Chef von Nestlé, Martin Sorrell, dem Vordenker des Werbeimperiums WPP Group, und Jean-Marc Huet, Finanzchef von Unilever. Keine Frage, dass sich Liew und Kwa sowie der ganze Stadtstaat geadelt fühlten, in das Formel-1-Gremium einzuziehen.

Schon Ende der dritten Juniwoche könnte der Verkauf der Aktien über die Bühne gehen. Im Vorfeld hat der Haupteigentümer der Formel 1, die britische Beteiligungsgesellschaft CVC Capital Partners, für 1,6 Milliarden Dollar 21 Prozent der Formel-1-Anteile an die amerikanische Blackrock, den Vermögensverwalter Waddell&Reed Financial und die Norges Bank Investment Management verkauft. Die seit 2006 bestehende CVC-Mehrheitsbeteiligung an dem von Ecclestone geführten Unternehmen sank von 63,4 auf 40 Prozent. Rechnerisch liegt der Wert der Formel 1 damit bei 7,6 Milliarden Dollar. Rund drei Milliarden Dollar soll der Anteilsverkauf in Singapur in die Kasse der Eigentümer spülen. Mitte April berichtete die Rating-Agentur Standard & Poor’s, die Formel 1 sitze auf Vermarktungsrechten im Gesamtwert von mehr als sieben Milliarden Dollar und Austragungsrechten über 98 Jahre - was ihr eine hohe Kreditwürdigkeit verleiht. Allerdings betrage der Schuldenstand derzeit das Zwölffache der Jahreseinnahmen.

Man zeigt nun Härte

Dass Singapur und nicht etwa London oder Frankfurt für den Verkauf der Papiere gewählt wurden, macht Sinn: Der Werbemarkt in Asien mit seiner wachsenden Mittelschicht ist für Rennställe und Sponsoren der interessanteste der Welt. Die Reichen der Region haben längst Gefallen daran gefunden, neben Lamborghini, Yacht und Reitstall auch europäische Sportvereine zu kaufen. Da wird es auch als schick gelten, einen Anteil an der Formel 1 zu halten. All dies weiß auch die Regierung Singapurs. Dennoch pokert sie um die Fortsetzung des Singapore Grand Prix. Denn ihr ist der Vertrag schlicht zu teuer. So hat das Rennen im vergangenen Jahr 140 Millionen Singapur-Dollar (87,3 Millionen Euro) in die Kassen des reichen Kleinstaates gespült. Die Kosten für die Austragung aber werden auf 150 Millionen Singapur-Dollar geschätzt - ein gutes Drittel davon sollen die Singapurer an die Formula One Group überweisen müssen.

Das ist auch für den reichen Stadtstaat sehr viel Geld, zumal die Opposition gegen die Regierung wächst. 2007 hatte der Hotelier Ong Beng Seng die Formel 1 gegen viele Widerstände geholt. Seitdem hält sich die Meinung, ausgerechnet das chinesisch geprägte Singapur habe deutlich mehr für die Austragung gezahlt als andere Standorte. Die Hockenheimring GmbH zahlt in diesem Jahr etwa zwölf Millionen Euro. So zeigt man nun Härte. Der Stellvertretende Handelsminister Singapurs, Iswaran, gibt zu Protokoll: „Wir hätten lieber schon ein Ergebnis. Aber der Prozess dauert länger, als wir erwartet hatten.“

Eine klare Drohung des alten Verkaufsgenies

Während Ecclestone aber glaubt, Singapur könne den Vertrag gar nicht auslaufen lassen, weil es den Börsengang will, glaubt man in Singapur, Ecclestone werde einen günstigeren Vertrag anbieten, eben weil der Börsengang ihm Millionen bringen soll. Manches deutet derzeit darauf hin, dass die Partner sich einigen, wenn der Pulverdampf sich erst verzogen hat. So sagt Michael Roche, Direktor von Singapore GP, schon jetzt: „Wir sehen mit Blick auf die Verhandlungen keine Berliner Mauer, die wir nicht überwinden könnten. Im Gegenteil: Wir planen jetzt schon, welche Stars wir für die Abendveranstaltungen der Formel 1 im nächsten Jahr einladen.“

Analysten bereiten sich auf ein anderes Szenario vor: In ihm unterschreibt der Inselstaat den nächsten Fünfjahresvertrag für das Ausrichten des Singapore Grand Prix. Der ersehnte Börsengang aber wird auf unbestimmte Zeit verschoben, weil die Finanzmärkte der Welt durch die Krise in Europa viel zu aufgewühlt sind. „Der Markt sieht nicht gerade rosig aus“, sagte Ecclestone nach dem Debakel um die Facebook-Aktie. Es war eine richtige Zustandsbeschreibung, zugleich aber eine klare Drohung des alten Verkaufsgenies an die Adresse der Singapurer: Den dort ersehnten Börsengang könnte man ohne Gesichtsverlust jederzeit aufschieben.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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