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Armut und Elend hinter Stacheldraht und Betonmauern

 ·  Sao Paulo hat sich viel Mühe gegeben. Wie jedes Jahr ist die Stadtverwaltung ein paar Wochen vor demFormel-1-Rennen angerückt und hat Kosmetik betrieben. Die tiefsten Schlaglöcher sind gestopft, die Straßen vom Müll befreit, die Bettler rund um den Circuit vertrieben. Und die schlimmsten Favelas hat man vor ein paar Jahren gleich ganz eingeebnet; diese Slums sahen nach Ansicht der Stadtväter einfach zu häßlich aus.

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Es gibt viele Gründe, warum fast alle Formel-1-Piloten im Hotel Transamerica wohnen, wenn sie zum Grand Prix von Brasilien nach Interlagos kommen. Im Restaurant gibt es ein Sushi, das selbst japanischen Gourmets mundet, vor dem Haus lockt das satte Grün des Golfplatzes. Die livrierten Angestellten lesen einem jeden Wunsch von den Augen ab, und beim Juwelier kann man für ein paar tausend Dollar sein Outfit noch ein wenig aufbessern. Doch die beliebteste Einrichtung des Hauses ist der Hubschrauber-Service. Weil man ganz einfach losschwebt, inmitten der Rennstrecke landet und sich so den Anblick der Elendsquartiere in Sao Paulos Süden erspart.

Dabei hat sich Interlagos so viel Mühe gegeben. Wie jedes Jahr ist die Stadtverwaltung ein paar Wochen vor dem Rennen angerückt und hat Kosmetik betrieben. Nun sind die tiefsten Schlaglöcher gestopft, die Straßen vom Müll befreit, die Bettler rund um den Circuit vertrieben. Und die schlimmsten Favelas hat man vor ein paar Jahren gleich ganz eingeebnet; diese Slums sahen nach Ansicht der Stadtväter einfach zu häßlich aus. An ihrer Stelle ragen nun graue, unverputzte Wohnsilos in den Himmel, davor eine Werbetafel mit dem Slogan "Wovon Ihre Familie immer geträumt hat". Doch diesen Traum können sich die früheren Bewohner des Viertels nicht leisten. Sie haben sich ein paar hundert Meter weiter neue Wellblechhütten aufgebaut, in Armensiedlungen wie Vila Sao Jose.

Dort wohnt Denise schon seit ein paar Jahren, aber mit dem Wort Formel 1 weiß sie nichts anzufangen. Mehr als ein bißchen Motorenlärm wird die Dreißigjährige vom Rennen ohnehin nicht mitbekommen. Denise hat andere Probleme. Zum Beispiel, wo ihr sechstes Kind schlafen soll, das sie kürzlich zur Welt gebracht hat. Schon für sieben Personen hat der fünf Quadratmeter kleine, nach Urin stinkende Verschlag von vorne bis hinten nicht ausgereicht. Wie sie ihren Mann vom Crackrauchen abbringen soll, weiß Denise auch nicht. Dabei würde sie das Geld dringend brauchen, damit sich die Familie wenigstens an Reis und Bohnen satt essen kann. Die Unterernährung hinterläßt Spuren: Denises Kinder sind kleiner und schmaler als ihre Altersgenossen.

Dennoch gehe es aufwärts, sagt Denise. Immerhin würden die Kleinen nun regelmäßig entwurmt. Und Lesen und Schreiben lernten sie auch. Denises Hoffnungen richten sich auf Lula, den neuen Präsidenten Brasiliens - und auf ein Wohlfahrtsprojekt namens "Reconciliacao" (Versöhnung), das sich um die Ärmsten der Armen in Vila Sao Jose kümmert. Etwa 20 000 Menschen, schätzt diese Organisation, wohnen in der Favela. Genau weiß das niemand. Denn nur wenige sind gemeldet. Und wenn jemand stirbt, wird er oft unbürokratisch in einem Erdloch verscharrt. Särge sind teuer, die Friedhofsgebühren viel zu hoch.

Dennoch haben viele Bewohner von Vila Sao Jose früher das ganze Jahr gespart, um ein Wochenende lang verbranntes Gummi zu schnuppern, den Duft der großen, weiten Formel-1-Welt. Heute geht niemand mehr von ihnen ins Autodromo. Schließlich kostet das billigste Ticket mittlerweile 298 Reals (knapp 80 Euro), mehr als den gesetzlichen monatlichen Mindestlohn von 200. Und früher gab es auch noch Ayrton Senna: Den Ausnahmepiloten, der keine Gelegenheit ausließ, um seine Verbundenheit mit denen von ganz unten zu demonstrieren. Ihn haben die Menschen in Vila Sao Jose geliebt, ihn haben sie als einen der ihren betrachtet, als Symbol der Hoffnung, daß sich doch noch alles zum Guten wenden kann. Doch am 1. Mai 1994 raste Senna in Imola vor eine Mauer. An diesem Tag weinte Vila Sao Jose. Denn mit Senna starb eine Illusion. Heute ist Brasiliens bester Pilot Rubens Barrichello. Und der hat einmal gesagt, daß er zu seinem Heimatrennen nur antrete, weil ihn sein Vertrag dazu zwinge.

Und so interessieren sich heute nicht einmal junge Männer wie Edivaldo für die bunten Autos in ihrer Nachbarschaft. Wenn er einen Haufen Geld hätte, würde er es nicht für die Formel 1 hinauswerfen, sagt der Achtzehnjährige. Sondern es investieren, in ein gebrauchtes Mofa, um sich endlich seinen großen Traum zu erfüllen: Als Pizzabote zu arbeiten. Und dann seiner Familie ein Dach zu kaufen, durch das es nicht immer regnet. Oder das alte WC ersetzen, das ständig verstopft und die dunkle Hütte mit einem erbärmlichen Fäkaliengestank erfüllt.

Mit dieser Welt kommen die Reichen und Schönen in ihrem durch hohe Betonmauern, Stacheldraht und Hunderte Sicherheitskräfte geschützten goldenen Käfig fast nie in Kontakt. Außer bei Begegnungen wie vor zwei Jahren, als einige auf der Straße mit vorgehaltener Waffe überfallen wurden. Seither ist der Helikopter-Service des Hotels Transamerica gefragter denn je - und Michael Schumacher verzichtet in Interlagos auf seinen sonst obligatorischen Abendspaziergang.

Der Deutsche ist einer der wenigen Piloten, den die meisten Bewohner von Vila Sao Jose sofort erkennen würden. Nicht weil er fünf Weltmeistertitel gewonnen hat, und auch nicht, weil sein Gehalt das von ihnen allen zusammen locker übertrifft. Nein, Schumacher ist im Viertel berühmt geworden, als er vor einigen Jahren medienwirksam einen streunenden Hund adoptiert hat. Das fanden die Menschen in Vila Sao Jose so komisch, daß sie sich noch heute immer wieder diese Anekdote erzählen. Auch wenn ihnen dabei manchmal das Lachen im Halse steckenbleibt.

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