Bei Ferrari wurde am Freitag wieder gelacht. Vor gut drei Monaten war das noch ganz anders, als die Formel-1-Berichterstatter in Italien statt glänzender Siege eine „Katastrophe“ ankündigten. Den Rückfall der geliebten Scuderia ins Mittelfeld der Konkurrenz, in die Bedeutungslosigkeit also. Weil doch die „Bella Macchina“ aus Maranello gemessen an den Ansprüchen im Allerheiligsten der italienischen Bolidenmanufaktur eine Fehlkonstruktion sei. Risse durchzogen das berühmteste Team der Motorsportgeschichte, Ferrari wackelte, Teamchef Stefano Domenicali drohte zu stürzen und mit ihm das gesamte, vor einem Jahr noch umstrukturierte Erneuerungsprojekt nach der Ära Schumacher. Präsident Luca di Montezemolo soll so gewaltig getobt haben, dass Seismographen ausschlugen.
Ende Juni, vor dem Großen Preis von Europa in Valencia an diesem Sonntag, hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst. Der Boss schwärmt schon wieder von der „Potenzia“ seiner Scuderia, von der Kraft der „Passione“. Und fabuliert nicht einmal, wenn er seinen Ferraristi Hoffnung auf den Titel macht. Denn Fernando Alonso liegt in der Fahrerwertung hinter Lewis Hamilton (McLaren) mit nur zwei Punkten Rückstand auf Rang zwei. Diese wundersame Wendung hat nur einen Schönheitsfehler aus Sicht des Traumverkäufers Montezemolo: Der Mensch am Steuer trieb die Maschine an - nicht umgekehrt.
„Fernando fährt phantastisch“
“Keine Frage“, sagte Domenicali am Freitagabend. „Fernando fährt phantastisch.“ Sie liegen ihm zu Füßen. Ein Sieg schon im zweiten Rennen in Malaysia, als Regenwetter besondere Feinfühligkeit verlangte, Rang zwei in Barcelona, wo man ein Ferrari-Desaster erwartet hatte, dann Platz drei in Monaco: alles auch herausgefahren mit der Kunst, die Schwäche des Boliden durch eine virtuose Kombination von Lenkradeinschlag und Pedalspiel auszugleichen.
Die Geldzähler des Magazins „Forbes“ schätzten Alonsos Einnahmen in diesem Jahr (Gehalt, Prämien und Werbeverträge) auf 25 Millionen Euro. Ferrari dementierte geschwind. Aber niemand im Team bestreitet, dass der Spanier für sie einen besonderen Wert hat. Er lässt sich ablesen beim Vergleich mit dem Teamkollegen Felipe Massa. Vor dem Grand Prix in Valencia liegt der Brasilianer 75 Punkte hinter Alonso. Kein Fahrerduell im aktuellen Feld weist nach sieben Rennen eine größere Differenz auf, einen gewaltigeren Klassenunterschied.
Montezemolo mag kein Mittelmaß
Wo Alonso gewann, kreiselte Massa, wo Alonso knapp geschlagen wurde, kämpfte der Teamkollege verbissen und gewann doch nicht mal ein Pünktchen. Nun wollen sie ihn mit Ablauf des Vertrages zum Jahresende wohl loswerden, obwohl der kleine Pilot aus São Paulo alles andere als ein schlechter Rennfahrer ist. 2008 wäre er um ein Haar Weltmeister geworden. Elf Siege und viele gute Überholmanöver zeugen von seinen Fähigkeiten. In diesem Jahr aber denken die Leute nach den Lobeshymnen auf Alonso, Massas Leistung (Platz 14 mit elf Punkten in der Fahrerwertung) reflektiere die Qualität des Ferrari: allenfalls Mittelmaß also. Montezemolo kann das nicht leiden.
Die Wahrheit liegt in der Mitte. Dort, wo der Fahrer sitzt oder - im Falle von Alonso - thront. Er ist von der ersten Minute seiner Verpflichtung an in den Mittelpunkt gerückt worden. Im Gegensatz zu McLaren 2007 hat Ferrari Alonso immer das Gefühl vermittelt, der Chefpilot zu sein, Vorfahrt zu genießen. Etwa auf dem Weg zum Sieg in Hockenheim 2010. Massa musste Platz machen. Das weichte ihn auf, während die Verbundenheit Alonsos mit Ferrari in den ersten Monaten nach der Verpflichtung so stark wuchs, dass sie nun Krisen aushält. Als hätten die Strategen geahnt, wie man einen Champion, den nichts als Titel interessieren, bindet.
Denn was hat der zweimalige Weltmeister bislang erreicht mit den Roten? 2010 verlor er die WM im letzten Rennen wegen eines Fehlers der Taktiker am Kommandostand. 2011 hatte er gegen die Kombination Red Bull und Sebastian Vettel keine Chance, und im März dieses Jahres sah er den Zug für 2012 schon abgefahren. Trotzdem hielt er sich mit Kritik zurück. „Er ist ein Teamplayer, keine Frage“, sagt Domenicali, umgeben von Journalisten. „Und er hat uns geholfen, im Rennen zu bleiben. Wer von euch hätte im März gedacht, dass wir in Valencia zwei Punkte hinter der Spitze (der Fahrerwertung) stehen?“
„Wir sind dran“
Das betretene Schweigen löste Domenicali mit Humor: „Tröstet euch, wir auch nicht.“ Denn niemand ahnte, welches Glück die überraschende Leistungsdichte der Formel 1 den Zurückgebliebenen in den ersten Monaten der Saison bieten würde: kostbare Zeit. Statt eines dominierenden Solisten stellten sich in sieben Rennen sieben Sieger aus fünf Teams vor; allein zehn Piloten schafften es schon auf das Podium. Früher kam Ferrari zwar auch schon mal nach einem schwachen Start relativ schnell in Schwung. Aber der Rückstand ließ sich nicht mehr aufholen. „Wir sind dran“, sagt Domenicali nun, „unser Auto mag hässlich sein, ja, aber langsam ist es nicht.“
Die Konkurrenz hat den neuen Frontflügel und einen neuen Unterboden bei den Trainingsläufen am Freitag und Samstag entlang des Yachthafens mit Argusaugen inspiziert und nicht schlecht gestaunt. In der Renn-Abstimmung überzeugte Alonso. Also Achtung, Ferrari? Domenicali wiegelte ab. Beim Startplatzrennen über eine Runde ist sein Bolide noch nicht schnell genug. Am Samstag fehlten Alonso vier Tausendstelsekunden, um beim Startplatzrennen in den dritten Durchgang zu kommen. Als Elften trennten ihn nicht mal 0,3 Sekunden vom Schnellsten. Diesmal ließ die Leistungsdichte selbst den Könner alt aussehen. Da gefror Ferrari-Boss Montezemolo das Lächeln auf den Lippen.
"Erster Titel nach der Schumacher-Ära"
Elias Sieben (Elias_Sieben)
- 24.06.2012, 13:42 Uhr