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Veröffentlicht: 03.04.2016, 16:36 Uhr

Formel 1 in Bahrein Tränengas und Vollgas

Unterdrückung, Demonstrationen, Verhaftungen: Doch die Formel 1 will nicht wissen, was im Königreich Bahrein passiert. Briefe bleiben unbeantwortet, Weltmeister Hamilton erklärt gar, er fühle sich „königlich“.

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© AP Fühlt sich „königlich“: Lewis Hamilton

Lewis Hamilton hatte sich am Sonntag den örtlichen Begebenheiten angepasst. Das Fahrerlager der Formel 1 an der Rennstrecke von Sakhir, Bahrein, betrat der Mercedes-Pilot gewandet in eine edle Dischdascha, die traditionelle Kleidung der Golfaraber. Die Social-Media-Abteilung der Betreiber des „Bahrain International Circuit“ schickte die Bilder umgehend in die digitale Welt, auf dass Nutzer, Abonnenten und Follower einen strahlenden Eindruck bekommen vom Grand Prix im Königreich auf der 750 Quadratkilometer großen Insel im Persischen Golf (ab 17 Uhr im F.A.Z.-Liveticker). Der Formel-1-Weltmeister lieferte ein weiteres Beispiel für gedankenlos wirkende, moderne Sport-Vermarktung in Perfektion. „Nothing but love and respect for this culture, and Bahrain!! Feeling royal“, twitterte Hamilton zu seinem Outfit, er fühle sich königlich, empfinde nur Liebe und Respekt für diese Kultur.

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Eine wenigstens unglückliche Formulierung angesichts der Verbrechen, die dem bahreinischen Königshaus angelastet werden. Aber so ist das in der Formel 1: „Hier an der Strecke, eine halbe Stunde außerhalb der Hauptstadt Manama“, hatte der Formel-1-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters schon am Freitagabend berichtet, „bekommen wir nicht mit, was im Rest der Welt passiert – außer in der Formel-1-Welt. Wir sitzen in einer Blase.“

© https://twitter.com/LewisHamilton

Wer wissen wollte, was sonst los war, und zwar nicht in der großen, weiten Welt, sondern ganz in der Nähe des Fahrerlagers, in Bahrein an diesem Wochenende, hätte die Blase nicht einmal verlassen müssen. Nachrichten, Twitterbotschaften und Videos von Demonstrationen gegen das bahreinische Regime waren zu sehen.

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Von Männern, auch, aber nicht nur in Dischdaschas gekleidet (weit weniger edel als jene Hamiltons), von Frauen und Kindern, die gegen die Unterdrückung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit durch die sunnitische Führung und für mehr Rechte demonstrieren. Gruppen von ein paar Dutzend Menschen mit gereckten Fäusten, Flaggen und Plakaten. Von Barrikaden aus brennenden Bettgestellen. Von Polizisten, die mit ihren Jeeps die Wohnviertel abriegeln, die mehr oder minder willkürlich Tränengasgranaten in nachtdunkle Wohnviertel schießen, von Menschen, die auf Hausdächern stehend, auf die Geschosse mit „Allahu akbar“-Rufen („Gott ist groß“) antworten.

Kinder, Jugendliche, Erwachsene: Demonstration am Freitag in Diraz © Reuters Vergrößern Kinder, Jugendliche, Erwachsene: Demonstration am Freitag in Diraz

All das hat den Grand Prix von Bahrein auch in diesem Jahr wieder begleitet, wie jedes Jahr, seit das Rennen 2011 wegen des letztlich unterdrückten Volksaufstandes einmal abgesagt worden, 2012 aber wieder in den Kalender aufgenommen worden war. Die Menschenrechtsorganisation Bahrain Centre for Human Rights (BCHR) hatte von 18 Demonstrationen allein am Freitag berichtet. Von jenem Tag stammt auch das Video der Tränengas verschießenden Polizisten, das in Bilad al Chadim aufgenommen worden sein soll, einem Vorort der Haupstadt Manama, 30 Kilometer von der Rennstrecke entfernt, aber auch über Berichte in Sadad und Kazarkan, nur acht und zwölf Kilometer von der Strecke entfernt, wird berichtet. In vielen Fällen trugen Demonstranten Plakate, die einen Zusammenhang zwischen dem Gastspiel der Formel 1 und der brutalen Gewalt der bahreinischen Führung gegen Oppositionelle herstellen, seit Jahren ist die Rennserie für die Demonstranten die „Formel Blut“.

„Rennen auf Unterdrückung“: Demonstrantinnen am Samstag in Kazarkan © AP Vergrößern „Rennen auf Unterdrückung“: Demonstrantinnen am Samstag in Kazarkan

Tatsächlich war auch in diesem Jahr dem Grand-Prix-Wochenende eine Verhaftungswelle vorausgegangen, war der Aufstand wieder aufgeflackert. In den zwei Wochen vor dem Rennen seien nach Angaben des in London ansässigen „Bahrain Institute for Rights and Democracy“ 57 Menschen verhaftet worden, insgesamt säßen mehr als 3500 politische Gefangene im Gefängnis. Die Organisation hatte am vergangenen Donnerstag Jean Todt angeschrieben, den Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbands (Fia), und, neben zahlreichen weiteren Namen, vom Schicksal Rihanna al Musawis berichtet. Sie sei bei Demonstrationen rund um das Rennen 2013 verhaftet worden und sei bis heute eingekerkert. Seither sei sie zweimal entkleidet worden, sei ihr von Sicherheitskräften die Vergewaltigung angedroht worden, sei sie geschlagen worden und mit der Drohung der Verhaftung von Verwandten zu Geständnissen gezwungen worden.

Protest: Brennendes Bettgestell am Samstag in Malkija © AP Vergrößern Protest: Brennendes Bettgestell am Samstag in Malkija

Fia-Präsident Todt gab am Samstag im Fahrerlager eine Pressekonferenz. Die politische Lage in Bahrein spielte keine Rolle. Eine Antwort auf das Schreiben der Menschenrechtsorganisation gab es nicht. Die Formel 1 hat seit vergangenem Jahr eine Menschenrechtsklausel in ihrem Geschäftsbedingungen, die „Erwägung praktischer Lösungen“ verspricht, sollte ein Formel-1-Rennen oder eine andere geschäftliche Tätigkeit die Menschenrechtslage in einem Grand-Prix-Land verschlechtern – und den Austausch mit den maßgeblichen Interessengruppen dazu.

Keine Antworten: Todt, Ecclestone (mit Red-Bull-Teamchef Horner am Sonntag in Bahrein) © AP Vergrößern Keine Antworten: Todt, Ecclestone (mit Red-Bull-Teamchef Horner am Sonntag in Bahrein)

All das ist, wie zu erwarten stand, auch in diesem Jahr vor und während des Grand-Prix-Wochenendes nicht passiert. Und als die Menschenrechtsgruppen damit beschäftigt waren, die Demonstrationen des Renn-Sonntags zu zählen, tauschte Lewis Hamilton seine Dischdascha gegen den Rennoverall und stieg in seinen Mercedes W07.

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