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Fifa Alte Seilschaften mit peinlicher Vergangenheit

20.10.2011 ·  Will Fifa-Präsident Blatter wirklich Schmiergeld-Empfänger in den eigenen Reihen auffliegen lassen?

Von Michael Ashelm, Zürich
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Die Vorstandsleute der Fifa tragen ihre schicken blauen Ausgehanzüge. „Executive Board Member" ist da oberhalb der Brust mit goldenem Schriftzug eingestickt. Gekleidet in ihren wichtigen Uniformen trafen die hohen Herren am Donnerstagmittag in der Züricher Zentrale des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) für eine ihrer wichtigsten Sitzungen ein.

Ob die optisch dargestellte Einigkeit der mächtigen Männerrunde auch für eine Übereinstimmung in wichtigen inhaltlichen Fragen gilt, darf aber schon jetzt bezweifelt werden. Der durch eine Vielzahl von Korruptionsvorwürfen schwer angeschlagene Weltverband ringt um seine Glaubwürdigkeit, die er nur mit tiefgreifenden Veränderungen zurückgewinnen kann.

Gegenbewegung zu erwarten

Zwar gaben sich die Fifa-Oberen aus dem Exekutivkomitee gestern zu Beginn der Gespräche optimistisch. „Ich habe den Eindruck, dass Herr Blatter wirklich motiviert ist, etwas zu verändern", sagte der Franzose Michel Platini, der zugleich europäischer Fußballpräsident ist. Doch erwartet werden kann innerhalb des höchsten Gremiums eine starke Gegenbewegung der langjährigen Profiteure des korrupten Systems.

Die alten Seilschaften in die Enge treiben könnte nun ein Skandal, der bisher vor der Öffentlichkeit nie bis zu Ende aufgeklärt worden ist - aber hochgradig belastend wirkt. Wie kolportiert wird, treibt Fifa-Präsident Joseph Blatter angeblich die Aufklärung voran, obwohl er als Präsident und davor Generalsekretär der Fifa selbst in die Sache verstrickt ist und eine Offenlegung brisanten Materials lange Zeit verhinderte.

Womöglich sucht der unter Druck stehende Fußball-Grande nach einem ersten Zeichen mit Symbolkraft, das seine Ernsthaftigkeit im Kampf gegen die Machenschaften in seinem Verband beweisen soll. Blatter wollte gestern öffentlich nichts dazu sagen und blieb stumm.

Und darum geht's: Mindestens drei Mitgliedern des Exekutivkomitees wird die Annahme von Schmiergeldern in Zusammenhang mit Vermittlungsgeschäften der 2001 in Konkurs gegangenen Sportmarketingagentur ISL/ISMM vorgeworfen. Sie sollen jahrelang Geld dafür bekommen haben, dass sie bei der Vergabe von lukrativen Fernseh- und Marketingrechten am Ende immer die „richtige" Entscheidung für die Fifa-nahe Agentur trafen. Genannt wird in diesem Zusammenhang immer der frühere Fifa-Präsident und Blatter-Vorgänger Joao Havelange, der allerdings keine Funktion mehr im Weltverband ausübt.

Doch die Angelegenheit soll auch aktuelle Vorständler des Weltverbandes betreffen: Immer wieder werden Havelanges ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira, Fifa-Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun, zugleich afrikanischer Fußballpräsident, sowie der Paraguayer Nicolaz Leoz genannt, der die südamerikanische Fußball-Konföderation anführt. Sie sollen auf einer geheimen Zahlungsliste der liquidierten Agentur stehen. Teixeira soll zwischen 1992 und 1997 allein 9,5 Millionen Dollar erhalten haben. Insgesamt seien an viele verschiedene Empfänger zwischen 1989 und 2001 Schmiergelder in Höhe von rund 140 Millionen Franken geflossen, um Sportrechte bei der Fifa, beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und anderen Sportverbänden zu erwerben.

Das stellte ein Strafgericht im Kanton Zug fest. Betroffen sind weitere Topfunktionäre, darunter auch IOC-Mitglieder, weshalb der Skandal viel Brisanz birgt und von großer Tragweite ist. Das IOC soll sehr daran interessiert sein, endlich Einblick in die Namensliste zu erhalten, um eigene Konsequenzen zu ziehen. Der Kameruner Hayatou gehört wie der Brasilianer Havelange beiden Sportorganisationen an.

Die Fifa hatte im Juni 2010 veranlasst, dass die hausinternen Schmiergeldempfänger als Wiedergutmachung eine Summe von 5,5 Millionen Franken an den Weltverband zurückzahlen, dafür im Gegenzug aber anonym bleiben sollten. So hatte es die zuständige Staatsanwaltschaft mitgeteilt. Blatter soll damals persönlich diese Einstellungsverfügung inklusive Schweigeklausel mit eingefädelt haben.

Wie tief ist Blatter verstrickt?

Doch inzwischen ist der Druck auf ihn enorm gewachsen. Es gibt nun zwei Möglichkeiten, damit die Namen offengelegt werden können. Entweder die drei Parteien, die im vergangenen Jahr die Schweigeverpflichtung trafen - Fifa, betroffene Funktionäre und Staatsanwaltschaft -, stimmen dem gemeinsam zu. Oder es besteht irgendwann ein übergeordnetes öffentliches Interesse, das die Ermittlungsbehörden eigenständig zu einer Öffnung der brisanten Kartei veranlassen könnte. Bisher hat sich die Fifa stets geweigert, einen Einblick in die Unterlagen zu gewähren. Die Staatsanwaltschaft wäre dagegen bereit. Kommt jetzt Bewegung in die Sache? Vielleicht sieht Blatter nun einen Weg, die belasteten Kollegen in der Fifa-Regierung umzustimmen - auf welche Weise auch immer.

Straffrei wären sie allemal, blieben früher Bestechungsgelder in den meisten Ländern sowieso ungeahndet und sind doch außerdem Fifa-Funktionäre bis heute vom Schweizer Anti-Korruptions-Gesetz befreit.

Bleibt noch die Frage, wie tief Blatter selbst verstrickt ist in das frühere Kick-Back-System. Er betont stets, auf keiner Liste zu stehen. Wenn das nicht stimmen sollte, müsste er nach seinen neuen Maßstäben sofort zurücktreten. Den Vorwurf, dass er von den Zahlungsströmen gewusst habe, würde er wohl aushalten. Denn dagegen stünde ja ein erster Bonus bei den anfänglichen Reformversuchen der Fifa. Vielleicht spekuliert er in diesen Stunden genau darauf.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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