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Donnerstag, 20. Juni 2013
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FC Liverpool Wo Bellamy ist, ist immer Strafraum

 ·  Liverpools Craig Bellamy ist bekannt für Rote Karten und pubertäre Exzesse. Jüngst attackierte er seinen Mitspieler Riise mit einem Golfschläger - im Champions-League-Spiel in Barcelona legte er seinem Golfpartner das entscheidende Tor auf. Von Christian Eichler.

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Der derzeit bekannteste Golfer Großbritanniens machte der heimischen Presse die Wortspiele in den Schlagzeilen am Donnerstag leicht. „Swing when you're winning“, hieß es da, als wäre ein Robbie Williams am Werk gewesen. Dabei hatte ein ganz anderer Stimmung gemacht: „Bellamy bringt die Party in Schwung.“ Der Titelverteidiger FC Barcelona im eigenen Stadion vom FC Liverpool besiegt: Es war die Nacht des Craig Bellamy, den die Presse noch wenige Tage zuvor als „the nutter with the putter“ verhöhnt hatte - der Schwachkopf mit dem Schläger.

Dabei hatte der 27-jährige Waliser den norwegischen Kollegen John-Arne Riise in dessen Zimmer im Trainingslager an der Algarve gar nicht mit einem Putter, sondern einem Sieber-Eisen attackiert. Auslöser: ein Saufgelage, bei dem sich Riise angeblich weigerte, beim Karaoke mitzusingen. Trotz des Skandals stellte Trainer Rafael Benitez die beiden Streithähne gemeinsam gegen Barca auf - ein Glücksgriff, der Europas Fußball eine der Storys der Saison bescherte.

Bellamys Jubel teuer für englische Buchmacher

Nach rund 40 Minuten hatten die Engländer den Angriffswirbel der Katalanen, der zum 1:0 durch Deco geführt hatte, in den Griff bekommen. Dann kam Bellamy. Unter Mithilfe von Valdez, der so weit in seinem Tor stand, dass er den Ball erst hinter der Linie zu packen bekam, köpfte Bellamy den Ausgleich - und feierte ihn mit einem gekonnten Golfschwung. Natürlich ohne Schläger, ohne Ball und auch ohne Riise; aber mit so viel Selbstironie, dass es für die dafür empfänglichen Engländer wie ein Befreiungsschlag war. (Und ein teurer Spaß für mehrere britische Buchmacher, die Wetten auf ein Bellamy-Tor mit Golf-Jubel zur Quote von 100:1 angeboten hatten.)

Auf einen Schlag trat Liverpool auf wie der Champion, der Barcelona sein sollte. In der 74. Minute komplettierte Bellamy die Story mit der Kunst eines oscar-verdächtigen Drehbuchautors, der den Faden der Vorgeschichte aufgreift und zum filmreifen Ende führt. Einen Abpraller leitete er gedankenschnell zu Golfpartner Riise weiter. Der traf zum 2:1-Siegtor. „Es war vom Schicksal für uns beide bestimmt“, fand Riise. Ein Tor als Resozialisierungsmaßnahme. „Das Trainingslager war sehr hilfreich für uns“, fand Benitez vielsagend. Barcas Spiel dagegen spiegelte jene innere Zerrissenheit, die der Klub nach den entsprechenden Beschuldigungen des noch nicht fitten Torjägers Samuel Eto'o zuvor mühsam dementiert hatte.

„Ich gehe nicht zu Scheißklubs“

Trainer Frank Rijkaard dürfte erstmals Entlassungsgefahr drohen, sollte nicht in Liverpool die große Wende gelingen. Der Holländer lobte die „großartige Leistung“ der Engländer. Doch natürlich mahnte Benitez zu „großer Vorsicht“ fürs Rückspiel: „Barcelona hat einige sehr gefährliche Spieler.“ Gefährlich ist auch Bellamy, und das nicht nur auf dem Spielfeld - so dürfte Benitez die „Vorsicht“ auch auf den eigenen Stürmer beziehen. In zehn Profijahren hat sich Bellamy einen Ruf als schneller, giftiger Stürmer erarbeitet, aber auch als schwieriger Sozialfall.

Mehrmals stand er wegen Schlägereien, auch mit Frauen, vor Gericht. Wenn er sich eine Rote Karte holte, dann lohnte es sich: Kinnhaken, Kopfstöße. Einen Coach bewarf er mit einem Stuhl. Einen anderen, Graeme Souness in Newcastle, nannte er „Lügner“ (120.000 Euro Strafe). Legendär sind seine SMS: „Ich bin Craig Bellamy, ich gehe nicht zu Scheißklubs“, textete er den Bossen in Newcastle, als die ihn nach Birmingham verkaufen wollten. Dem früheren Sturmpartner und Kapitän Alan Shearer schickte er nach einer Pokalniederlage hämische und beleidigende Kurzmitteilungen. Sie machten ihn bei so vielen Fans verhasst, dass sein Manager mit einer originellen Erklärung zu beschwichtigen versuchte: Bellamy habe sein Handy verloren und jemand anders die Botschaften verbreitet.

Golf-Attacke kostete ihn 120.000 Euro Strafe

Auch in Liverpool wussten sie schon nach ein paar Monaten: Wo Bellamy ist, ist immer Strafraum. Die Sauftouren und Männlichkeitsrituale, die pubertären Eskapaden und Exzesse und zerstörten Hotelzimmer, sie gehörten lange Zeit zur Folklore des englischen Fußballs. Es war das Symbol des Aufsteigers aus der Arbeiterklasse, der nun so viel Geld hat wie die Oberklasse und seine Unabhängigkeit von deren Regeln demonstrieren muss.

Ausländische Trainer wie Wenger, Mourinho und Benitez haben als Gegenbild dazu ein professionelles Arbeitsethos durchgesetzt, das den ungezähmten englischen Kick europäisierte. Nur manchmal taucht noch einer von den alten Wilden auf, er wirkt dann wie ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Nach dem Golf-Skandal erhielt Craig Bellamy von Liverpool eine Strafe von 120.000 Euro - und eine letzte Warnung. Es scheint, sie sei angekommen.

Quelle: F.A.Z. vom 23. Februar 2007
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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