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FAZ.NET-Spezial Ohne Lust und Perspektive

01.09.2003 ·  Die deutsche Leichtathletik muß nach der WM schnell aber nicht überstürzt analysieren und entscheiden. Nur mit einem erfolgreichen Krisenplan ist ein Debakel in Athen noch zu verhindern. FAZ.NET-Spezial.

Von Jörg Hahn, Paris
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Der Ball ist rund, und das Spiel dauert neunzig Minuten. Das begreift jeder, und es macht Fußball zu einem Erlebnis, das ganz einfach verbindet. Der Grund für das deutsche Abschneiden bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris läßt sich nicht in einen Satz packen.

So verschieden die Bezeichnungen für den Auftritt - Absturz, Blamage, Desaster, Pleite, Krise, Tief -, so vielfältig sind die Ursachen. Verständlich, denn Läufer, Springer und Werfer drücken höchst unterschiedliche Probleme. Für alle Disziplinen - derzeit sind 46 im WM-Programm, 24 für Männer, 22 für Frauen - trifft jedoch der Befund zu, daß deutsche Nachwuchs-Leichtathleten zwar noch zur internationalen Spitze gehören, wie die Ergebnisse von Juniorenmeisterschaften belegen. Nach der Schule schaffen dann etliche aber nicht mehr den Sprung in die Weltklasse.

Körperlich und mental in einem Grenzbereich

Warum das so ist, dafür gibt es mehr Vermutungen als Gewißheiten. Manche verlieren die Lust: Spielerisch geht es in der Leichtathletik mitunter zwar auch zu, aber anders als im Mannschafts- oder im Trendsport ist das Training mehr Fron denn Vergnügen. Selbst einem Olympiasieger wie 800-Meter-Läufer Nils Schumann ist es nach seinem Erfolg im Jahr 2000 nicht mehr gelungen, sich so zu quälen, wie es für weitere Coups notwendig gewesen wäre. Derzeit ist er - wie Weitspringerin Heike Drechsler - verletzt, die Rückkehr scheint fraglich.

Auch das ist Teil der Leichtathletik: Man bewegt sich körperlich und mental in einem Grenzbereich, die Zahl der Verletzungsausfälle und Karriereabbrüche ist immens. Manche verlieren die Perspektive: Wer sich ausrechnet, was in die Leichtathletik zu investieren ist und was man im besten Fall "herausbekommen" kann, zieht nicht selten doch Ausbildung, Studium und Beruf vor.

Erfolgserwartungen und moralische Ansprüche

Das deutsche System mit Olympiastützpunkten, Sporthilfe und Sportfördergruppen, alles zusammen weit mehr als hundert Millionen Euro im Jahr teuer, scheint ausreichend - und stellt doch nur eine Grundversorgung da, auf der sich bloß vereinzelt eine langfristige Lebensgrundlage aufbauen läßt. Und anders als im verwöhnten Fußball hat man nach einer Karriere in der Leichtathletik in den wenigsten Fällen ausgesorgt. Manche verlieren den Anschluß: Es ist bloß eine Befürchtung, aber immer neue Betrugsfälle geben ihr Nahrung - die Dopingmentalität in einigen Disziplinen könnte für die Deutschen mit ihrem Verständnis von einem sauberen Spitzensport ein Hindernis bilden. Es stellt sich die Frage, ob Erfolgserwartungen und moralische Ansprüche immer in Einklang zu bringen sind.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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