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Extremsport Staub, Steine, Stürme und Strapazen

20.04.2007 ·  280 Kilometer durch die marokkanische Sahara: Der Oberurseler Extremläufer Jörg Klempin hat den berüchtigten Marathon de Sables überstanden. Damit sammelte er Geld für an Noma erkrankte Kinder.

Von Leonhard Kazda
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Jörg Klempin geht noch ein wenig unsicher – wegen der vielen Wunden an seinen Fußsohlen. Die hat sich der 41 Jahre alte Oberurseler im Sand der Wüste zugezogen. 280 Kilometer war er unterwegs beim Marathon de Sables, einem berüchtigten Wüstenlauf durch die marokkanische Sahara. Es war der erste Sandmarathon für den gebürtigen Ostwestfalen aus Blomberg bei Bielefeld. Qualen, Entbehrungen, Gefahren – alles hat Klempin während der sieben wahrlich aufreibenden Tage im Sand und Geröll der Wüste erlebt. Kurz vor Ostern ist er zu seiner Familie nach Oberursel zurückgekehrt. Die Strapazen sieht man ihm heute noch an. Aber Klempin spürt sie nicht mehr. „Ich stecke voller Energie, ich fühle mich phantastisch“, sagt er.

Vielleicht liegt dies auch ein wenig daran, dass Klempin sich nicht nur aus reiner Abenteuerlust den Lauf durch die Wüste zugemutet hat. „Ich wollte schon immer einmal ein soziales Projekt starten“, erzählt er. Und so fing Klempin, der am Flughafen bei der Bundespolizei arbeitet, vor seinem ersten Extremlauf an, Geld für an Noma erkrankte Kinder aus der Sahelzone zu sammeln.

Geld für Medikamente und Operationen

Noma ist eine bakterielle Erkrankung, an der in Afrika jährlich 90.000 Kinder sterben. Klempins Frau Boulkaye stammt aus dem Tschad, also einer jener Regionen, die stark von dieser Krankheit betroffen sind. Ein Spendenlauf an der Oberurseler Grundschule am Eichwäldchen, den der Vater von drei Kindern vor seinem Start in Marokko ausrichtete, erbrachte mehr als 12.000 Euro Einnahmen. Das Projekt „NOMArathon“, das Klempin ins Leben gerufen hatte, kann vermutlich bald rund 20.000 Euro weiterleiten. Mit dem Geld sollen Medikamente angeschafft und Operationen der teilweise durch die Krankheit stark entstellten Kinder finanziert werden.

Der Weg bis zu diesem Ziel war weit, staubig und steinig. Die Vorstellung, die Klempin von der Wüste als Sandmeer mit sanften Dünen hatte, musste er bald korrigieren, „haufenweise Steine“, erzählt er, hätten den Läufern das Leben auf den bis zu siebzig Kilometer langen Etappen zur Hölle gemacht. Geröllwüsten, Hitze bis zu 47 Grad, eiskalte Nächte, in denen die Temperatur bis auf fünf Grad sank, und nächtliche Sandstürme waren die äußeren Einflüsse, die den Laufklassiker zum Extrem machten. Als sich Klempin am Tag vor dem Start auch noch eine Rückenblockade zuzog, schien das Projekt für ihn schon fast gelaufen zu sein. Doch der Oberurseler kämpfte. Mit Hilfe des Rennarztes und der inneren Überzeugung, nicht ein ganzes Jahr lang umsonst hart trainiert zu haben, konnte er sich auf den langen Weg machen; die Bewegung und die Wärme lösten die Verkrampfung allmählich.

Dafür stellten sich andere Schwierigkeiten ein. Bei einem Sandsturm krachte ein Pfosten des offenen Berberzeltes auf Klempins Rücken. Ein anderer Läufer bekam einen Holzpfeiler des zusammenstürzenden Zeltes auf den Kopf. Tagsüber hatte Klempin mit Härten zu kämpfen, die jeden Normalläufer sicher schnell zum Aufgeben gezwungen hätten. Der Sand kroch überall hin. Zwar hatte Klempin versucht, seine Schuhe mit einem Spezialkleber zu versiegeln, um so das Eindringen von Sand zu verhindern. Aber der Kleber hielt nicht, und Klempin lief wie auf Schmirgelpapier. Das Resultat waren große Blasen an den Füßen, die in Schuhen steckten, die der Hesse eigens vier Nummern zu groß gekauft hatte – wegen der durch die Strapazen stark anschwellenden Füße. „Am zweiten Tag passten sie perfekt“, erzählt Klempin. Aber gegen die Blasen war kein Kraut gewachsen.

Tod eines Mitläufers

Gehen statt laufen – diese Methode half dem Extremsportler, der den Schmerz irgendwann nicht mehr spürte. Am Abend galt es dann, im Sanitätszelt die Blut- und Wasserblasen aufzuschneiden, die Wunden zu versorgen – und die innere wie äußere Kraft für den Start am nächsten Morgen zu sammeln. Der Sand setzte auch den Atemwegen zu. Jeden Tag litt Klempin unter Nasenbluten. „Der Staub war bis in die Nebenhöhlen vorgedrungen.“

Eine der vielleicht bittersten Erfahrungen war für Klempin der Tod eines Mitläufers. „Er lag am Morgen des vierten Tages tot in seinem Schlafsack“, erzählt er. „Der Mann aus Südfrankreich wäre am Tag nach der Ankunft 50 Jahre alt geworden.“ Der Marathon des Sables birgt viele solcher Gefahren. Neun Liter Wasser bekommen die Läufer täglich zugeordnet. Er habe jeden Tropfen davon getrunken, sagt Klempin. „Zum Waschen ist das Wasser viel zu kostbar.“ Auch ein Marathon-de- Sables-Novize wie er weiß genau: Wer zu wenig trinkt, riskiert bei solchen extremen Bedingungen sein Leben.

Nach sieben Tagen kam Klempin als 217. von 757 Teilnehmern ins Ziel. Müde, aber glücklich. Nur ein Kilo hat der Oberurseler bei der Tortur durch die Wüste abgenommen. „Ich war ja schon vorher Läufer.“ Ausgedehnte Laufexkursionen durch den Taunus haben zu seiner Vorbereitung gezählt. Drei klassische Marathons war Klempin zuvor gelaufen, die 42,195 Kilometer in Köln, in Mainz und in Frankfurt hat er zurückgelegt. Klempins Bestzeit über die klassische Distanz liegt bei drei Stunden und 29 Minuten. Doch seit dem Lauf durch die Wüste hat Klempin Geschmack an den ganz langen Strecken gefunden. Vor ein paar Tagen hat er sich deshalb für den nächsten Klassiker angemeldet, den es in dieser Disziplin zu bewältigen gibt. Im Juni startet Klempin beim 100-Kilometer-Lauf im Schweizer Ort Biel.

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