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Englands Torwart David James - vom Dandy zum Denker

19.11.2008 ·  Torhüter sind oft anders, aber David James ist besonders anders. Der englische Schlussmann hat eine extreme Wandlung vollzogen: Aus „Calamity James“ und dem Party-König ist nun ein sportliches wie ökologisches Vorbild geworden.

Von Christian Eichler
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Wie Jens Lehmann hat auch David James einen weiten Weg zur Arbeit. Nur nimmt er dafür nicht den Hubschrauber. James ist der Umwelt- und Klimaschützer des Fußballs. Er tauschte seinen Siebener-BMW gegen einen Chrysler ein, den er auf Antrieb durch Rapsöl umbauen ließ. Er kaufte eine alte Villa in Devon, die er renovierte und zum Energiesparhaus umbaute, mit Holzchip-Heizung und umfassendem Recycling. Er ließ sogar den Pool zuschütten: „zu energieintensiv“. Und wenn er mit seinen Kollegen an diesem Mittwoch in Berlin antritt (20.45 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker), dann können die sich davon überzeugen, was James ihnen oft erzählte: Dass Deutschland England weit voraus sei. Er meint: nicht spielerisch, aber ökologisch.

Torhüter sind oft anders, aber David James ist besonders anders. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines jamaikanischen Künstlers, ist er selbst Maler und Sammler, nicht nur von Kunst, auch von Action-Man-Figuren und Chopper-Fahrrädern der siebziger Jahre. Schon 1995, als ein Beckham noch Sachen von der Stange kaufte, lief er für Armani auf: der Modellathlet als Model.

Die Freundin über eine Suchmaschine im Internet gefunden

Als einziger Kicker hat er die Frisur noch häufiger gewechselt als Beckham, vom Albino-Afrolook bis zum pomadisierten Dreißiger-Jahre-Gigolo. Er galt früh als Party-König, war mit Mitte zwanzig Torwart in Liverpool und im Nationalteam – und überfordert: „Ich wusste nicht, was ich tat.“ Seine Fehlgriffe trugen ihm, nach der Wildwest-Heldin Calamity Jane, den Namen „Calamity James“ (Unglücks-James) ein. Einmal erklärte er eine schwache Darbietung damit, dass er vor der Partie sein Hirn zu sehr mit Computerspielen ermüdet habe.

Er lernte daraus, ging zum Psychologen Keith Power, der ihm seit zehn Jahren hilft. Nach der Scheidung fand er seine Jugendfreundin und neue Lebensgefährtin Amanda über eine Suchmaschine im Internet. Heute, mit 38 Jahren, hat David James sechs Kinder und ein altes Feuerwehrauto im Garten und ist so gut und fit wie nie. Und unter Trainer Fabio Capello die eindeutige Nummer eins im Nationalteam.

„Bäume in Bangladesh oder Solaranlagen“

Das reicht ihm nicht, er will auch die Welt verbessern, ganz konkret. „Wir müssen Fußball als Vorbild für ökologischen Wandel nutzen, das Spiel hat starken Einfluss auf Kinder und Jugendliche in der ganzen Welt“, schrieb er in seiner Kolumne in der Sonntagszeitung „Observer“, der besten und geistreichsten eines englischen Fußballers. Das Honorar geht an wohltätige Zwecke. Er lobte darin die Mülltrennung und das Pfandflaschensystem, das er während der WM 2006 in Deutschland erlebte.

Auch, dass dort ein Ticket zugleich fürs Spiel und den öffentlichen Nahverkehr gilt, fand er vorbildlich. Er setzte sich für Windräder ein, wie sie sein damaliger Klub Manchester City anschaffte, für Sponsorenverträge der Klubs mit Herstellern von Öko-Autos, damit die Kicker nicht mehr mit ihren Allrad-Spritfressern vorfahren. Er forderte gar, dass Klubs „Bäume in Bangladesh oder Solaranlagen in der Wüste Gobi“ bezahlen.

„Vielleicht mal eine Saison ohne neuen Trikotsatz“

Mancher sieht den „Ecowarrior“ des Fußballs als weltfremd an. Aber vielleicht gilt das eher für all die Kollegen, die in ihrer komfortablen Blase leben. Bei einigen Profis allerdings ist auch die Finanzkrise angekommen. James berichtete von einem Nationalspieler, der sein Geld „unter seinem Haus vergraben“ wolle. Das Kostbarste, mahnt der Torwart, sei nun die Loyalität der Fans. Als Beispiel nannte er seine frühere Putzfrau, die einen Vierjahreskredit aufnahm, „um für sich und ihren Sohn eine Saisonkarte in Liverpool zu kaufen“.

Diese Loyalität müsse man nun in der Krise zurückzahlen: „Vielleicht mal eine Saison ohne neuen Trikotsatz. Oder keine Preissteigerung bei den Dauerkarten.“ James schrieb über Homophobie im Fußball, über Schuldgefühle im Abstiegskampf, über Barack Obama, „den ersten Sportsmann im Weißen Haus“. Dabei nimmt er die Kollegen stets in Schutz. Er kennt deren Verhalten aus eigener Erfahrung: „Wer Geld hat, will es gern zeigen. Von meinem ersten Gehalt kaufte ich mir zwei entsetzliche Diamantringe.“

„Er ist so fit und wird bis in seine Vierziger hinein spielen“

Den Konsumkönig der Kicker, David Beckham, nennt er „einen echten Philanthropen, der viel Gutes getan hat“. Das Erstaunlichste an James ist, dass er auch mit den guten Taten auch im Tor immer besser wird. Agil, athletisch, reaktionsschnell war der 1,96-Meter-Mann schon immer. Nun ist auch die Ruhe und Gelassenheit da.

Mit einer grandiosen Leistung im Viertelfinale bei Manchester United ebnete er im Frühjahr den Weg zum Pokalsieg des FC Portsmouth. Die Kollegen der Liga wählten ihn in die sechsköpfige Auswahlliste zum „Spieler des Jahres“, seltene Ehre für einen Torhüter. Keiner in der Geschichte der Premier League hat so viele Zu-null-Spiele. Und wenn er sich nicht verletzt, wird er in dieser Saison Gary Speeds Ligarekord von 535 Einsätzen brechen.

Mit fast 38 bekam er in Portsmouth einen Zweieinhalbjahresvertrag. „Er ist so fit, so gut“, sagte Trainer Harry Redknapp. „Er wird bis in seine Vierziger hinein spielen.“ Weil er stets dazulernt. Die jungen Kollegen, die in Berlin neun Stammspieler ersetzen werden, sollen spielerische Erfahrung sammeln. Der älteste Engländer wird in Deutschland auch auf ökologische Ideen achten.

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