Home
http://www.faz.net/-gtl-70m9p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

EM-Kommentar Die deutschen Bank-Reserven

 ·  Joachim Löw schwärmt von seiner erstklassig besetzten Bank. Bisher hat er er sein sorgsam zur Seite gelegtes Spieler-Kapital noch nicht investiert. Musste er auch nicht: Seine erste Wahl präsentiert sich stark und leidensfähig genug.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (9)
© dpa Mann mit klaren Vorstellungen: Bundestrainer Joachim Löw

Als Jürgen Klinsmann gefragt wurde, welchen Fehler er bei der Weltmeisterschaft 2006 gemacht habe, sagte er schmunzelnd: Keinen - nur David Odonkor habe er zu früh ins Spiel gebracht. Der deutsche Fußballwandel wird zwar mittlerweile nahezu ausschließlich seinem damaligen Partner und Taktikexperten Joachim Löw gutgeschrieben, aber die Frage, wie man es mit dem deutschen Bank-Kapital hält, ist auch bei der Europameisterschaft 2012 weiter aktuell. Klinsmann gelang schon im zweiten Vorrundenspiel gegen Polen sein Einwechslungscoup mit dem unbekannten Sprinter auf der rechten Seite, dessen spektakulärer Flankenlauf die Vorarbeit zu Oliver Neuvilles Treffer zum 1: 0-Sieg in der Schlussminute lieferte. Das Sommermärchen nahm seinen Lauf. Als Odonkor aber im Halbfinale sein Kunststück wiederholen sollte, hatten die Italiener ihn schon durchschaut. Der Joker war verbraucht. Einen anderen gab es nicht.

Wenn die deutschen Trainer und Spieler sechs Jahre später über ihre Bank-Reserven in Polen und der Ukraine sprechen, kann von einer Euro-Krise keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Bastian Schweinsteiger hob nach dem 2:1 gegen die Niederlande die deutsche Bank-Qualität nochmals ausdrücklich hervor, und auch Löw spricht stets von seinen großen Wahlmöglichkeiten. Aber in der Realität der Euro ist es so, als hüte der Bundestrainer auf der Ersatzbank tapfer seine Goldschätze wie sonst nur die Bundesbank - und daher bekommt man bei der Europameisterschaft fast nichts von ihnen zu sehen.

Genügend Kapital auf der Bank

Und so fragt man sich nach den Spielen gegen Portugal und den Niederlanden, warum der Bundestrainer sein Bank-Kapital nicht entschlossen investiert, er ist ja kein Schwabe, der seine Reserven nur ungern antastet, sondern Badener. Schon gegen Portugal kam von der Löw-Bank keine entscheidende Hilfe für sein Team, um den starken Schlussspurt der Lusitaner frühzeitig zu bremsen, wenn nicht gar zu verhindern.

In der Hitze von Charkiw waren die Holländer nach rund einer Stunde mit ihren Kräften schon ziemlich am Ende. Das laufintensive deutsche Spiel bei rund 30 Grad Celsius, bei dem auf den Flügeln auch Thomas Müller und Lukas Podolski stets defensive Schwerstarbeit verrichteten, hatte genau die Wirkung gezeigt, die sie zeigen sollte - aber die taktische Konsequenz daraus, das Tempo weiter hochzuhalten und die Holländer lauffreudig mit frischen Leuten vom eigenen Tor fernzuhalten und damit die Partie endgültig zu entscheiden, zog der Bundestrainer daraus nicht. Oder eben erst sehr spät mit der Einwechslung von Miroslav Klose (72.), Toni Kroos (81.) und Lars Bender (Nachspielzeit). Nach dem 1:2 der Niederländer geriet das deutsche Team wie gegen Portugal wieder in Not, aber diesmal war der Substanzverlust des Lieblingsrivalen entschieden zu groß, um dauerhafter als für ein paar Minuten nach dem Treffer von van Persie für Gefahr zu sorgen.

Die erste Elf präsentiert sich leidensfähig

Es ist gut zu wissen, dass die erste Wahl von Löw auch allein stark und auch leidensfähig genug gewesen ist, um gegen zwei erstklassige Mannschaften zu gewinnen - und der Bundestrainer dabei die Spitzenkräfte neben sich wie Kroos, Schürrle, Reus oder Götze ohne Schaden zurückhalten konnte. Jogis Joker können also noch kommen - damit wenigstens auf diese deutsche Bank noch Verlass ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Nur eine Parkposition?

Von Peter Heß

Robin Dutt hat Lob und Anerkennung für seine Arbeit als Sportdirektor beim DFB bekommen. Doch nach nur neun Monaten zieht es ihn wieder in die Bundesliga. Das stellt den Verband vor ein Problem. Mehr