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Veröffentlicht: 18.05.2017, 23:28 Uhr

WM-Viertelfinale Deutschland verpasst knapp das Eishockey-Wunder

Dem deutschen Eishockey-Team gelingt es im WM-Viertelfinale zwar, den großen Favoriten aus Kanada bis zur letzten Sekunde zu ärgern – die große Überraschung bleibt am Ende jedoch aus. Dass die DEB-Auswahl 1:2 verliert, hat vor allem einen Grund.

von , Köln
© dpa Frank Hordler bedankt sich nach der Partie bei den deutschen Fans.

In den vergangenen zwei Wochen ist den Deutschen bei den Eishockey-Weltmeisterschaften vieles gelungen, nur eines nicht: Konstanz in ihre Leistung zu bringen. Sie waren so etwas wie die Wundertüte des Turniers, schwer auszurechnen, im Guten wie im schlechten. Ausgerechnet im Viertelfinale änderte sich das. Das K.o.-Duell mit Kanada entwickelte sich so, wie selbst alle jene, die die Entwicklung von Marco Sturms Mannschaft mit besonderem Wohlwollen verfolgt hatten, vorab erwartet und wohl auch befürchtet hatten: es ging mit einer Niederlage zu Ende. 1:2 (0:1, 0:1, 1:0) lautete das knappe Resultat, dass die Hoffnung auf einen Coup zunichtemachte. Die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) wehrte sich nach Kräften, bereitete dem Olympiasieger mit einer Kampfeslust ab und an auch Probleme, musste sich aber trotz allem geschlagen geben.

46484258 © dpa Vergrößern Deutschlands Torwart Philipp Grubauer nach dem Gegentreffer zum 2:0

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Damit ist das Championat in Köln für sie vorbei, während die Sieger mit dem Einzug ins Halbfinale ihre Chance wahrten, mit einem Titelhattrick ihre WM-Erfolgsgeschichte, um ein weiteres Kapitel zu verlängern. An diesem Freitag stehen bei der Veranstaltung nun keine Partien auf dem Programm, stattdessen sollen die Protagonisten am offiziellen Ruhetag Kraft tanken für das Wochenende, an dem die Medaillen vergeben werden. Am Nachmittag qualifizierten sich in Köln auch Finnland (2:0 gegen die Vereinigten Staaten) sowie in Paris Russland (3:0 gegen die Tschechen) für die Vorschlussrunde, die auch Schweden durch ein 3:1 gegen die Schweiz erreichte. So kommt es jetzt zu den Duellen Finnland gegen Schweden und Russland gegen Kanada.

46484211 © dpa Vergrößern Schritt zum Sieg: Jeff Skinner (r.) erzielt das 2:0 für Kanada und ebnet seinem Team den Weg ins Halbfinale.

Es war der Favorit aus Nordamerika, der am Donnerstagabend augenblicklich das Heft des Handelns in beide Hände nahm, während das Interesse der Deutschen aus naheliegenden Gründen der Konzentration darauf galt, nicht früh einem Rückstand hinterherlaufen zu müssen. Schon nach zwölf Sekunden war es der kanadische Kapitän Claude Giroux, der Philipp Grubauer zu einer Rettungstat zwang. Der Torhüter ließ auch Ryan O’Reilly seine Klasse erkennen, als er bei dessen mehr als hundert Kilometer pro Stunde schnellem Schuss den Puck im Nachfassen unter sich begrub (5.). Auch bei zwei Versuchen von Colton Parayko war Grubauer zur Stelle (6. und 14.). Sturm hatte seine körperlich besonders robusten Akteure angewiesen, die Kanadier bei den Checks zu beharken und ihnen so den Spaß zu vermiesen; als Quälgeister der Puck-Künstler tat sich insbesondere die Abräumer-Fraktion um David Wolf, Konrad Abeltshauser, Marcus Kink und Yannic Seidenberg hervor, die es wiederholt verstanden, ohne dass ein Foul gepfiffen wurde, den Kombinationsfluss empfindlich zu stören. Beinahe wäre das Bemühen, den ersten Abschnitt ohne Gegentreffer zu überstehen, gelungen.

46484382 © dpa Vergrößern Deutschlands Yannic Seidenberg (r.) trifft gegen Kanadas Torwart Calvin Pickard zum 1:2 Anschlusstreffer.

Doch als der Nürnberger Stürmer Patrick Reimer wegen Hakens auf die Sünderbank musste, schlug das Eishockey-Imperium energisch zu: Mark Scheifele, Star-Center von den Winnipeg Jets, stand am Ende einer schnellen Passfolge genau richtig, um Grubauer mit einem unhaltbaren Schlenzer ins Eck keine Abwehrgelegenheit zu lassen (18.). Eine verdiente Führung, wobei auch die Deutschen durch Christian Ehrhoff (5.) und Reimer (8.) Chancen hatten, sie aber nicht so konsequent vortrugen, um Keeper Calvin Pickard dadurch vor unlösbare Probleme zu stellen.

Yannic Seidenberg schießt das Anschlusstor

Im Mittelabschnitt begann der Außenseiter mutiger, stand nicht mehr ganz so defensiv, brachte aber nur einige Vorstöße über ihren Top-Mann Leon Draisaitl zu Stande, die aber nie ihr Ziel fanden und so verpufften; hinten verhinderte Grubauer gegen Chris Lee (24.), Giroux (25.) und Nathan MacKinnon (26.) Schlimmeres. Die Scheibe lief bei den Kanadiern wesentlich flüssiger, doch sie mussten sich hinter der Bande sicherlich von ihrem Chefcoach Jon Cooper vorwerfen lassen, dass sie es bei ihren Aktionen allzu oft an der nötigen Entschlossenheit fehlen ließen. 20:1 Schüsse zeichneten ein deutliches Bild ihrer Überlegenheit, die nur Jeff Skinner, auf Vorlage von Scheifele, wirklich zu nutzen wusste. Bei einem Abpraller verlud er Grubauer mit der Rückhand zum 2:0 (39.).

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In der verbleibenden Zeit unternahmen die Deutschen einige Anläufe, die Kanadier unter Druck zu setzen und sie zu Fehlern zu verleiten, die dem Ganzen eine späte Wende hätten geben können. Felix Schütz (43.) und Patrick Hager (50.) wurden dabei aber von Pickard im letzten Moment aufgehalten, ehe ausgerechnet in Unterzahl Yannic Seidenberg das Anschlusstor (54.) gelang. Auch das Signal für ihre Schlussoffensive war auf diese Weise gegeben. Trotz spannender Szenen und der Herausnahme Grubauers zugunsten eines weiteren Feldspielers blieb sie aus deutscher Sicht folgenlos – und ihr WM-Traum ging damit zu Ende.

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